HERMANN HESSE

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In Weihnachtszeiten
Artikel von Timo Reith
am 20.12.2002
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Hermann Hesses Standpunkt zu Weihnachten war deutlich. Nach den mit Zauber behafteten Kindheitsjahren, entpuppte sich das Fest f├╝r ihn als eine Sentimentalit├Ąt.
Im vorliegenden insel taschenbuch „Hermann Hesse – In Weihnachtszeiten“ sind erstmals gesammelte Betrachtungen und Erinnerung zum „Fest der Liebe“ vereint, die seinen Zwiespalt von Ehrfurcht und Abscheu verdeutlichen.

Je ├Ąlter Hermann Hesse wurde, desto st├Ąrker distanzierte er sich vom Weihnachtsfest. Schon in fr├╝hen Kindheitstagen widerfuhr ihm an einem Weihnachtstage ein Erlebnis des, wie er es nannte, „Erwachens und Sehendwerdens“. F├╝r nur eine Sekunde blickte er in seines Bruders „still strahlendes, leicht zum L├Ącheln zusammengenommenes, von Gl├╝ck und Freude ganz und gar verkl├Ąrtes und verzaubertes Kindergesicht“ und ihm wurde bewu├čt, da├č f├╝r seinen Bruder „die Weihnacht ... noch den vollen Zauberglanz und die Heiligkeit hatten, die sie einst auch f├╝r mich gehabt hatten.“. Durch dieses „einst“ wurde ihm klar, da├č er kein Kind mehr war, wie Hans der Bruder, und auch nie wieder eines sein w├╝rde.

In der Betrachtung „Unter dem Christbaum“ im vorliegende insel taschenbuch wird dieses Erlebnis beschrieben, das f├╝nfzig Jahre nach seinem Ereignen zu Papier gebracht wurde. Es finden sich noch eine Reihe weiterer Betrachtungen und Gedichte in dem 120-seitigen Band, die Hesse zum „trotz allem Schwindel noch immer wunderbaren Fest“ geschrieben hat und die seine Beziehungen zur Weihnachtszeit widerspiegeln. Die Texte sind aufgelockert durch teils ganzseitige, stimmungsvolle Aquarelle mit Motiven zur kalten Jahreszeit. Abgerundet durch ein erl├Ąuterndes Nachwort von Volker Michels, bietet „In Weihnachtszeiten“ dem Hesse-Leser die Gelegenheit, sich mit seinen Gef├╝hlen zu dieser Zeit auseinanderzusetzen und in eventuell aufkommenden Momenten der Frustration nicht alleine zu sein.

Abschlie├čend ein Textauszug aus der Betrachtung „Weihnacht“ von 1917:

„Unsere Weihnacht ist, von den paar wirklich Frommen abgesehen, ja schon sehr lange eine Sentimentalit├Ąt. Zum Teil ist sie noch Schlimmeres geworden, Reklameobjekt, Basis f├╝r Schwindelunternehmungen, beliebtester Boden f├╝r Kitschfabrikation.
Das kommt daher: die Weihnacht und das Fest der Liebe und Kindlichkeit ist f├╝r uns alle schon l├Ąngst nicht mehr Ausdruck eines Gef├╝hls. Es ist das Gegenteil, ist l├Ąngst nur noch Ersatz und Talmi-Nachahmung eines Gef├╝hls. Wir tun einmal im Jahre so, als legten wir gro├čen Wert auf sch├Âne Gef├╝hle, als lie├čen wir es uns herzlich gern etwas kosten, ein Fest unserer Seele zu feiern. Dabei kann die vor├╝bergehende Ergriffenheit von der wirklichen Sch├Ânheit solcher Gef├╝hle sehr echt sein; je echter und gef├╝hlvoller sie ist, desto mehr ist sie Sentimentalit├Ąt. Sentimentalit├Ąt ist unser typisches Verhalten der Weihnacht und den wenigen anderen ├Ąu├čeren Anl├Ąssen gegen├╝ber, bei denen noch heute Reste der christlichen Lebensordnung in unser Tagesleben eingreifen. Unser Gef├╝hl dabei ist dieses: ┬╗Wie sch├Ân ist doch dieser Liebesgedanke, wie wahr ist es, da├č nur Liebe erl├Âsen kann! Und wie schade und bedauerlich, da├č unsere Verh├Ąltnisse uns nur einen einzigen Abend im Jahr den Luxus dieses sch├Ânen Gef├╝hls gestatten, da├č wir sonst jahraus jahrein durch Gesch├Ąfte und andere wichtige Sorgen davon abgehalten sind!┬ź Dies Gef├╝hl tr├Ągt alle Merkmale der Sentimentalit├Ąt. Denn Sentimentalit├Ąt ist das Sich-Erlaben an Gef├╝hlen, die man in Wirklichkeit nicht ernst genug nimmt, um ihnen irgendein Opfer zu bringen, um sie irgend je zur Tat zu machen.
...
Z├╝ndet euren Kindern die Weihnachtsb├Ąume an! La├čt sie Weihnachtslieder singen! Aber betr├╝gt euch selber nicht, seid nicht immer und immer wieder zufrieden mit diesem ├Ąrmlichen, sentimentalen, sch├Ąbigen Gef├╝hl, mit dem ihr eure Feste alle feiert! Verlangt mehr von euch! Denn auch die Liebe und Freude, das geheimnisvolle Ding, das wir ┬╗Gl├╝ck┬ź nennen, ist nicht da und nicht dort, sondern nur ┬╗inwendig in uns┬ź.“


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