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Zu der Umfrage über die „Lieblingsbücher der Deutschen“

 

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Literatur als Lebenshilfe -
Zu der Umfrage über die „Lieblingsbücher der Deutschen“
Artikel von Marco Schickling
am 03.10.2004
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Am Freitag abend wurden im ZDF die Ergebnisse der Umfrage „Unsere Besten – Das große Lesen“ bekanntgegeben. Natürlich wurde über den unscharfen Titel dieser Aktion reichlich gestritten und debattiert, denn es waren ja nicht nur „unsere“ deutschen Buchtitel bzw. Autoren zugelassen, sondern die der Weltliteratur. Und weil in den Medien so vieles riesig und plakativ daherkommen muß, sprach man vom „großen Lesen“ – was auch immer damit gemeint war. Es klang jedenfalls wie „Das große Fressen“.

 
 
 
Auf Platz 1 wählten die meisten der rund 250 000 Teilnehmer ein Buch, das Hermann Hesse bereits wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg seinem Verleger Peter Suhrkamp ans Herz gelegt hat, damit dieser die Rechte für eine Übersetzung ins Deutsche erwerbe: das phantastische Romanepos „Herr der Ringe“ von Tolkien. Hätte Suhrkamp den Rat seines Autors befolgt, hätte der gleichnamige Verlag heute einen beachtlichen Kassenschlager mehr im Programm. So kam er zu Klett-Cotta.
Daß das Buch der Bücher, die Lutherbibel, auf Platz 2 gelangte, ist wenig verwunderlich, wenn man an die immensen Auflagenhöhen dieses Werkes denkt. Nun könnte man aber versucht sein zu fragen, ob diejenigen Personen, die diesen Titel angegeben haben, das Buch jemals ganz gelesen haben bzw. ob sie überhaupt an Literatur interessiert sind. Diese Frage zu beantworten ist schwierig, denn kein Geringerer als Bertolt Brecht hat ja einmal auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch geantwortet: „Sie werden lachen: die Bibel!“.

Kenn Folletts historischer Roman „Die Säulen der Erde“ errang den dritten Platz. An prominenter Stelle spiegelt er damit ein Leseverhalten wider, daß weder neu ist, noch überraschlich. Seit den historischen Romanen des schottischen Autors Walter Scott, also seit dem frühen 19. Jahrhundert, kennt man diese besonders phantasiereiche Form des Schreibens in vielen Varianten. Der eine Autor imaginiert sich eine vergangene Epoche und Stimmung ohne große Sachkenntnis darüber zu haben, der andere fundiert seine Erzählung mit nachprüfbaren Fakten. Beide Formen dieses Schreibens zielen auf Unterhaltung des Lesers, beide waren und sind erfolgreich. Man denke nur an Karl May.

Es ist müßig zu fragen, ob sich in diesem Leserverhalten von ein paar Tausend Deutschen eine gesellschaftliche Entwicklung ausdrückt. Hermann Hesse, der sein Leben lang als Literaturkritiker für Zeitungen und Zeitschriften schrieb, hat seit der Mitte der 1920er Jahre die Flut der historischen Romane beklagt. Ausdrücklich kritisiert hat er dabei aber stets nur die Art und Weise, wie solch ein Buch geschrieben wurde. Er bemängelte modische „Knalleffekte“ (also Spannungsmomente und überzeichnete Figuren) und modische Sujets. Viele historische Romane hielt er für schlechte Unterhaltungsliteratur. Im Grunde ging es ihm damals um die (auch für ihn nie eindeutige und nie unwandelbare) Vorstellung, was U- oder E-Literatur sei. Sicherlich wertete er die Popularität historischer Romane auch als ein Zeichen für den sich wandelnden Massengeschmack, der immer weniger nach den Büchern des bürgerlichen Bildungsbestandes fragte. Immerhin hat er ja 1930 mit „Narziß und Goldmund“ im Grunde ebenfalls einen historischen Roman veröffentlicht, der von den Lesern sofort begeistert aufgenommen wurde. Ob er bemerkt hat, daß das Publikum der 1920er und 1930er Jahre zwar vergnügungssüchtig war (kein Wunder nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs, des Hungers und der Inflation), daß aber die Gattung des historischen Romans oft genug den schönsten Reiz des Bücherlesens garantierte? Das Abtauchen in andere Welten nämlich. Die große Zahl an Publikationen mit Reisebeschreibungen zu dieser Zeit bestätigt diesen Leserwunsch.

 
 Das große Lesen - Talkrunde © zdf.de
 
In Phantasiewelten gibt es keinen erhobenen Zeigefinger, keine für die Deutschklausur definierbare Moralformel. Das gilt für die Geschichten Harry Potters ebenso wie für die Bücher Michael Endes.
In den fünfzig Büchern, die in die veröffentlichte Liste kamen, steckt aber noch mehr. Nimmt man die Äußerungen der erstaunlich offenen Prominenten zusammen und verallgemeinert sie, dann läßt sich sagen: Literatur wird ganz wesentlich als Lebenshilfe wahrgenommen. Also als etwas der Unterhaltung völlig Entgegengesetztes. Es war nun ebenso erstaunlich wie erfreulich zu sehen, auf welch verschiedenartige Bücher diese Interpretation zutraf. Die Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Lebenslauf regte Noah Gordons „Medicus“ ebenso an wie „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn oder Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ genauso wie Thomas Manns „Buddenbrooks“. Wer will da sagen, was oben und unten ist, was gehobene und was Unterhaltungsliteratur? Wozu überhaupt diese Kategorien, die der deutschen Literaturkritik nur als Behelfskrücke und Erklärungsmuster dienen? Außerdem werden unter dem Deckmantel der „anspruchsvollen“ Literatur auch heute noch täglich Bücher gedruckt, von den Medien hochgejubelt und rasch mit Preisen versehen, die einen beim Lesen unendlich langweilen. Wenn diese aufwendige Umfrage etwas widerlegt hat, dann doch das alte Vorurteil, daß Bestseller und ihre Autoren nicht ernstzunehmen seien.

Wie dem auch sei: Die Leser haben entschieden. Gewonnen hat die Literatur – und zwar (von Gedichten abgesehen) auf der ganzen Linie. Von den Büchern Hermann Hesses gewannen „Siddhartha“ (Platz 24), „Narziß und Goldmund“ (Platz 29) sowie „Der Steppenwolf“ (Platz 44). Und obwohl dieser Autor eigentlich nicht auf prominente Schützenhilfe angewiesen ist, war es interessant zu erfahren, welche Bedeutung er für so verschiedene Charaktere wie Veronica Ferres und Helge Schneider hat.

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