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Dichterschicksal und Psychoanalyse

 

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Dichterschicksal und Psychoanalyse
Artikel von Sebastian Giebenrath
am 08.03.2007
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Zum Briefwechsel von Hermann Hesse mit seinem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang

 
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FRANKFURT/CALW. Zeitweilig irrig an sich zu werden, mit den eigenen Widersprüchlichkeiten zu hadern, weil für sakrosankt gehaltene Gesellschaftsnormen und eigenes Empfinden auseinander klaffen, von Ängsten des Ungenügens gepeinigt zu werden und dadurch in eine seelische Krise zu schliddern – all das zu beheben verspricht eine Behandlungsmethode, die selbst den ihr oft gezollten Anspruch der Wissenschaftlichkeit erhebt, doch andererseits sich auch den bösen Vorwurf eingehandelt hat, die letzte, noch nicht gescheiterte Ideologie des 19. Jahrhunderts zu sein: die Psychoanalyse.

Schon ihre Begründer, Sigmund Freud und sein Schüler Carl Gustav Jung, waren sich heftig in die Wolle geraten, welches nun der richtige Weg sei, einer erkrankten Seele zur Gesundung zu verhelfen. Und an diesem Zwist der inzwischen noch mehr gewordenen Lehrmeinungen hat sich bis heute nichts geändert – jeder Analytiker schwört mit fast religiöser Inbrunst auf seine Methode.

Auch der Schweizer Josef Bernhard Lang, studierter Mediziner und als Psychoanalytiker ein Schüler von C.G. Jung, war von der Richtigkeit des tiefenpsychologischen Ansatzes bei der Analyse überzeugt. Prominentester Patient von Lang: der vier Jahre ältere Dichter Hermann Hesse, der seinem Analytiker sogar mit der Figur des Pistorius in der Erzählung „Demian“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat. In einer ihn heftig beutelnden Lebenskrise hatte Hesse im Jahr 1916 Lang aufgesucht in der Hoffnung, dieser könne ihm aus der seelischen Not helfen, durch die Analyse die Lösung der inneren Konflikte bewerkstelligen.

Hesses Ehe mit der neun Jahre älteren Maria Bernoulli, Mutter seiner drei Söhne, war gescheitert. Zum Familienvater, so empfand es Hesse selbst, taugte er nicht, und zudem beelendeten ihn die Schrecknisse des 1. Weltkriegs. Depressionen, Schlaflosigkeit, schwere Kopfschmerzen und Suizidgedanken plagten den Dichter und ebenfalls die Furcht, sein künstlerisches Potential zu verlieren. Lang, der selbst literarische Ambitionen hegte, nahm sich des späteren Literaturnobelpreisträgers an, regte ihn an, sich seiner Träume zu erinnern, sie aufzuschreiben und zu deuten. Als therapeutisches Mittel schlug der Analytiker auch vor, Hesse solle mit Malen und Zeichnen beginnen, um damit Gedanken und Erinnerungen visuelle Gestalt zu geben.

In seinem Aufsatz „Künstler und Psychoanalyse“ hat Hesse geschildert, welche Vorteile er in dieser Behandlungsmethode sah: „Wer den Weg der Analyse, das Suchen seelischer Urgründe aus Erinnerungen, Träumen und Assoziationen, ernsthaft eine Strecke weit gegangen ist, dem bleibt als bleibender Gewinn, das was manetwa das >innigere Verhältnis zum eigenen Unbewussten< nennen kann.“

Aus dieser anfänglichen Arzt-Patienten- Konstellation zwischen Lang und Hesse erwuchs langsam eine lebenslange Freundschaft, die bis zum Tode Langs im Jahr 1945 anhielt und ihren Niederschlag auch fand in einem regen Briefwechsel. Hatten die beiden anfänglich sich noch sehr förmlich angeredet in ihren Briefen, so wurde daraus im Laufe der Zeit ein herzlich-vetrauliches „Longus“ für Lang, und Hesse mutierte zum „caro amico“.

Diesen Briefwechsel hat der Schweizer Germanist Thomas Feitknecht mit vielen Anmerkungen und einem informativen Vorwort im Frankfurter Suhrkamp-Verlag herausgegeben. Ergänzt werden die Briefe durch manche Notizen von Langs Verwandten, etlichen Zeitgenossen des Dichters und einigen Zitaten aus Langs noch nicht ganz erschlossenem Nachlass, der sich im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) befindet.

Es mag verblüffen, wie sich die Beziehung im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat. War es zunächst der besorgte Analytiker, der sich angelegentlich um die Seelenmisere des Schriftstellers kümmerte, diesen sogar dazu brachte, Tanzstunden zu nehmen, so wurde der auch mit familiären, gesundheitlichen und später juristischen Problemen kämpfende Lang mehr und mehr zum Empfänger von Hesses Unterstützung in mancherlei Hinsicht. Obwohl Hesse die immer stärker werdende Hinwendung Langs zu esoterischen Gedankenspielen befremdlich fand, und auch die Psychoanalyse als „Gefahr für den Künstler“ klassifizierte, so hielt er seinem Freund zeitlebens die Treue. Ein Rollentausch quasi – denn Hesse war nun zum seelischen Helfer geworden, wie es vordem Lang für den Dichter gewesen war.

Dass die zweite Hälfte des rund 400 Druckseiten umfassenden Briefwechsels beiderseitig zumeist aus Klagen über den jeweiligen Gesundheitszustand besteht, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die erste Hälfte viel Material birgt, das Hesses Biographie und literarische Weiterentwicklung zusätzlich erhellt. In jedem Fall ist dieser Briefwechsel ein anrührendes Dokument menschlicher Anteilnahme und Zuverlässigkeit, und schon aus diesem Grund des Lesens wert.

Sebastian Giebenrath

Hermann Hesse, Briefwechsel mit seinem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang, herausgegeben von Thomas Feitknecht, 443 Seiten, gebunden, Suhrkamp-Verlag, ISBN 3-518-41757-6, 24,80 Euro

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