HERMANN HESSE

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Hesse und die Welt der Bücher
Artikel von Dr. Jürgen Weber
am 19.05.2002
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Dass ein Dichter sich in der Literatur auskennt und viel liest, ist sicher nicht besonders bemerkenswert. Dennoch ist Hermann Hesses Leseleistung, sein Überblick über die Weltliteratur und auch die Gegenwartsliteratur sowie seine Art, mit Literatur umzugehen, durchaus ungewöhnlich.

Hermann Hesse lesend, (c)Suhrkamp 
 
Hesse hat im Laufe seines Lebens zigtausende von Büchern gelesen, tausende standen in seiner großen, wohlgeordneten Bibliothek. Hesse erlernte den Beruf des Bibliothekars und arbeitete im ersten Weltkrieg im Dienste der Bücherversorgung für die Kriegsgefangenen.
Bereits als Jugendlicher drang er in die große Bibliothek des Großvaters ein und las kreuz und quer, vor allem Literatur des 18. Jahrhunderts. Dabei lernte Hesse auch den Wert des "richtigen" Lesens kennen. Nicht die Aneignung von Bildung, die Absolvierung von Pflichtlektüre war Sinn und Zweck des Lesens, sondern das Auffinden von Gedanken, die für die jeweiligen Leser wichtig sind.

Wichtig für ein lebendiges Verhältnis des Lesers zur Weltliteratur ist vor allem, daß er sich selbst und damit die Werke, die auf ihn besonders wirken, kennenlerne und nicht irgendeinem Schema oder Bildungsprogramm folge! Er muß den Weg der Liebe gehen nicht den der Pflicht. Sich zum Lesen irgendeines Meisterwerkes zu zwingen, nur weil es so berühmt ist und weil man sich schämt, es noch nicht zu kennen, wäre sehr verkehrt. Statt dessen muß jeder mit dem Lesen, Kennen und Lieben dort beginnen, wo es ihm natürlich ist.
[aus: „Eine Bibliothek der Weltliteratur“, WA (=Werkausgabe) 11 S.339]

Literaturwissenschaftliche Kriterien sind für ihn als Leser unerheblich, festgesetzte Normen der Literatur lassen die individuelle Eigenart des Lesers außer Acht.

Jedem Strebenden steht der ehrwürdige Bildersaal der Weltliteratur offen, keiner braucht sich durch seine Fülle schrecken zu lassen, denn es kommt nicht auf die Masse an. Es gibt Leser, welche zeitlebens mit einem Dutzend Bücher auskommen und dennoch echte Leser sind. Und es gibt andre, die alles geschluckt haben und über alles mitzureden wissen, und doch war all ihre Mühe vergebens: Denn Bildung setzt etwas zu Bildendes voraus: einen Charakter nämlich, eine Persönlichkeit. Wo die nicht vorhanden ist, wo sich Bildung ohne Substanz gewissermaßen im Leeren vollzieht, da kann wohl Wissen entstehen, nicht aber Liebe und Leben. Lesen ohne Liebe, Wissen ohne Ehrfurcht, Bildung ohne Herz ist eine der schlimmsten Sünden gegen den Geist.
[aus: „Eine Bibliothek der Weltliteratur“, WA 11 S.340]

Dennoch hat Hesse in einer kleinen Schrift (1929) einen Vorschlag für die Zusammenstellung einer Bibliothek der Weltliteratur gemacht und dabei eine subjektive Auswahl der wichtigsten Dichtung aller Zeiten und Kulturen zusammengestellt. Diese reicht von den indischen Upanishaden bis hin zu C.F. Meyer und Gottfried Keller. Hier betont Hesse zum wiederholten Mal die große Bedeutung, die für ihn die chinesischen Denker und Dichter in der Weltliteratur haben. Über Hesses Eine Bibliothek der Weltliteratur urteilt Kurt Tucholsky:

Wie diese kleine Anweisung, sich eine Bibliothek zusammenzustellen, gemacht ist, das ist nun zum Entzücken gar. Sie ist ganz subjektiv, und nur so ist auf diesem ungeheuren Gebiet so etwas wie Sachlichkeit zu erzielen. Wer sich nach diesem Bändchen richtet -: der tut wohl daran. Es steht wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten.
Kurz und gut: Kauft euch für die paar Pfennig das Bändchen Hesses, und ihr werdet gut bedient sein. Wer das wirklich gelesen hat, was er dort fordert -: der hat etwas hinter sich gebracht.
[aus: Kurt Tucholsky: „Literaturkritik“]


Hermann Hesse an seinem Schreibtisch (c)Suhrkamp 
 
Hesse war nicht nur ein Vielleser, sondern auch ein Vielschreiber. Dies trifft sowohl auf seine Dichtung und seine Briefe als auch auf seine Äußerungen zur Literatur zu. Im Laufe seines Lebens schrieb Hesse mehr als 3000 Rezensionen in mehr als 60 verschiedenen Zeitschriften, hinzu kommen zahlreiche Vor- und Nachworte. Er schrieb Kritiken über einzelne Bücher, aber auch Sammelrezensionen; er berichtete über „Neue Erzählungsliteratur“ und „Jüngste deutsche Dichtung“, über „Schöne Bücher“, „Billige Bücher“ oder „Gute neue Bücher“ und vieles mehr.

Dabei waren seine Rezensionen keine literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem jeweiligen Buch, keine Literaturkritik im herkömmlichen Sinn. Hesse sah seine Aufgabe darin, den Lesern lesenswerte Bücher anzuzeigen. Bücher, die ihm nicht zusagten, besprach er nicht.

Urteile sind nur wertvoll, wenn sie bejahen. Jedes verneinende, tadelnde Urteil, wenn es als Beobachtung noch so richtig ist, wird falsch, sobald man es äußert. Was Menschen übereinander reden, davon sind zwei Drittel solche Urteile. Wenn ich von einem Menschen sage, er sei mir zuwider, so ist das eine ehrliche Aussage. Wer sie hört, dem ist es anheirn gegeben, ob er die Schuld an diesem Zuwidersein mir oder dem andern zuschreiben will. Sage ich aber von jemand, er sei eitel oder geizig oder er trinke, so tue ich unrecht. Auf diese Art ließe jeder Mensch sich rasch durch Urteile .erledigen. Für diese Art von Urteil ist Jean Paul ein Biertrinker, Feuerbach eine Samrnetjacke und Hölderlin ein Verrückter gewesen. Ist damit etwas über sie gesagt, etwas von ihnen gegeben? Ebensogut kann einer sagen: Die Erde ist ein Planet, auf dem es Flöhe gibt. Diese Art von „Wahrheiten“ sind der Inbegriff aller Fälschung und Lüge. Wirklich wahr sind wir nur, wo wir Ja sagen und anerkennen. Das Feststellen von „Fehlern“, und klinge es noch so fein und geistig, ist nicht Urteil, sondern Klatsch.
[aus: WA 12 S.569]

Hesse schrieb daher nur positive Kritiken, sozusagen als Buchhändler, der seinen Kunden gute Bücher empfiehlt. Dem selbstbewussten Auftreten der Literaturkritiker, die Dichtung in gut und schlecht einteilen zu können glauben, misstraute Hesse zutiefst. Er wollte und konnte wohl auch nicht eine solche Rolle spielen.

Ich habe stets die Sicherheit, mit der Kritiker auftreten und Zeit- und Kulturkritik treiben, mit Mißtrauen betrachtet, und mir eigentlich wirkliche Kritik öffentlich überhaupt nie erlaubt. [aus: Briefe, 1926]

Zum einen ist diese Haltung aus Hesses Absicht, eine positive Kritik, eine "Kritik der Liebe" zu schreiben, zu verstehen, zum anderen hängt sie auch mit seinem eigenen Dichtertum zusammen:

Vielleicht warnte mich auch ein Instinkt der seelischen Ökonomie, allzu weit in reine intellektuelle Äußerungen zu gehen, um den Boden nicht auszutrocknen, auf dem Dichtung wächst.

In seiner Kritikertätigkeit war Hesse unbestechlich und nicht durch Mode oder politische Rücksichtnahme in seinem Urteil zu beeinflussen. So rezensierte er 1935/36 als Mitarbeiter eines schwedischen Literaturmagazins reihenweise jüdische und kommunistische Autoren (z.B. Kafka und Bloch), was ihm den volksdeutschen Zorn einbrachte.

Auch eine Änderung seiner Bibliothek der Weltliteratur 1934 gemäß dem völkischen Zeitgeist, wie vom Verlag Reclam gefordert, lehnte er vehement ab.
Selbst wenn Hesse persönlich betroffen war, stellte er den literarischen Aspekt immer über persönliche Sympathie und Antipathie. So äußert er sich 1960 über Gottfried Benn:

Er ist jetzt, ähnlich wie bis vor kurzem Rilke, nicht nur als wirklicher Stern und Meister erkannt, er ist gleich jenem ein blendendes und nicht ungefährliches Vorbild für die Nachahmertalente unter den Jüngeren geworden.
[aus Besprechung „Ausgewählte Briefe“, WA 12 S. 515]

Eine bemerkenswerte Äußerung über einen Dichter, der Hesse in dem besprochenen Buch als "zweitrangigen Epiker" und als einen "durchschnittlichen Entwicklungs-, Ehe- und Innerlichkeitsromancier - eine typisch deutsche Sache" abqualifiziert hatte.

Hesse gehörte in seinen Rezensionen zu den Förderern von verkannten und unbekannten Schriftstellern wie Robert Walser, Robert Musil, Walter Benjamin und manchen anderen. Urteilssicher erkannte er die literarischen Fähigkeiten junger Autoren, die erst später zu Ruhm gelangen sollten: z.B. Elias Canetti, Arno Schmidt, Peter Weiss oder der Amerikaner J. Salinger.


Franz Kafka 
Franz Kafka
 
Hesse gehörte auch zu den ersten Förderern Franz Kafkas, er war sogar eine Art Entdecker dieses Dichters. Er lobte dessen Werk überschwänglich und sah in ihm einen ganz großen Dichter, als "eines der erstaunlichsten Phänomene seiner Zeit", ein "heimlicher Meister und König der deutschen Sprache" an.

Was ist das wieder für ein seltsames, aufregendes, wunderliches und was für ein beglückendes Buch! Es ist, wie alle Werke dieses Dichters, ein Gespinst aus zartesten Traumfäden, die Konstruktion einer Traumwelt, hergestellt mit so reinlicher Technik und geschaffen mit so intensiver Kraft der Vision, daß eine unheimliche, hohlspiegelhafte Scheinwirklichkeit entsteht welche zunächst wie ein Alptraum wirkt, bedrückend und ängstigend, bis dem Leser der geheime Sinn dieser Dichtungen aufgeht. Dann strahlt Erlösung aus Kafkas eigenwilligen und phantastischen Werken, denn der Sinn seiner Dichtung ist durchaus nicht, wie es zunächst bei der ganz ungewöhnlichen Sorgfalt der Kleinarbeit scheinen könnte, ein artistischer, sondern ein religiöser. Was diese Werke ausdrücken, ist Frömmigkeit, was sie erwecken, ist Devotion, ist Ehrfurcht. So auch der „Prozeß“.
[aus „Franz Kafkas Nachlass, Berliner Tageblatt 9.9.1925]

Hesse setzte sich vehement für die Herausgabe einer Gesamtausgabe Kafkas ein und hatte engen Kontakt zu Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod.

In seinem Dienst an der Literatur trat Hesse nicht nur als Rezensent, sondern auch als Herausgeber zahlreicher Schriften und Sammelbände auf. Mehr als 40 Bücher gab er heraus, zu mehr als 20 Büchern steuerte er ein Vor- oder Nachwort bei. Als Herausgeber hatte er ähnliche Absichten wie als Rezensent: nicht Literaturwissenschaft, sondern Förderung vergessener oder vernachlässigter, von ihm aber geachteter Dichter.
Die von Hesse herausgegebenen Bücher umfassen z.B. Liedsammlungen der deutschen Romantik, die Sammlung Des Knaben Wunderhorn und Auswahlbände von Novalis, Hölderlin, Mörike, Eichendorff, M. Claudius, Brentano usw.

Hesse plante auch ein umfangreiches Unternehmen, eine Bücherreihe "Deutscher Geist 1750 bis 1850", das jedoch nicht realisiert werden konnte.

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