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Hermann-Hesse-Kolloquium
Artikel von Sebastian Giebenrath
am 07.07.2002
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Das 11. Internationale Hermann-Hesse-Kolloquium befasste sich vom 5. bis 6. Juli mit Siddhartha.
Karin Struck sprach am Freitag in der Calwer Aula ├╝ber den "Dichter der Wandlungen" Hermann Hesse.

 
Logo zum 11. Hesse-Kolloquium
 
D├╝rfen Autoren verklemmt sein? Aber sicher doch! Schlie├člich ist die Zeit nicht allzu fern, in der Dessous nur die "Unaussprechlichen" genannt wurden. Ist Autoren ein hymnischer Ton zu g├Ânnen, der dann und wann klinisches Vokabular streift? Ganz gewiss, auch dann, wenn Hesses Novelle "Siddhartha" zur "Klimax des 'Erkenne Dich selbst'" emporgehoben wird. Sollen Autoren ihre Belesenheit in den Dienst ihrer Romane und Essays stellen? Ei, warum denn nicht, wenn es der Sache dienlich ist. Und d├╝rfen Autoren auch Nebul├Âses von sich geben, wenn ihnen zu Hesses "Goldmund" die Erkenntnis einf├Ąllt: "Heimatlosigkeit hat viel mit Wandlung zu tun"? Nat├╝rlich muss solches zugestanden werden, insonderheit, wenn zum Auftakt des Internationalen Hesse-Kolloquiums in der Calwer Aula es gilt, einen Vortrag zu halten mit dem Titel "Dichter der Wandlungen - Vom Abenteuer, Hermann Hesses Prosa zu lesen".

Der M├╝nchner Romanautorin Karin Struck blieb es vorhalten, die ansehnliche H├Ârergemeinde zu konfrontieren mit dem Abenteuer einer Hesse-Interpretation, die reichlich preisgab von ihrer Urheberin. Ein Satz wie aus der "Gartenlaube" ist das anr├╝hrende Eingest├Ąndnis "Ich war Hermann Hesse schon immer gut gesinnt". Dagegen ist nichts einzuwenden, und ebenfalls nichts gegen die Auffassung, Hesse sei ein erotischer Autor, der Stendhal in nichts nachstehe. Wie die Ma├čst├Ąbe Struckscher Literaturbeurteilung beschaffen sind, l├Ąsst sich ablesen daran, dass Alberto Moravia zum "Antipoden" von Hesses literarischer Erotik-Bew├Ąltigung stilisiert wird, dass Hesse "ein bedeutenderer Erotiker als Henry Miller" sein soll. Letzterer bekommt gleich mehrfach sein Fett von der erz├╝rnten Hesse-Apologetin Struck ab, ungeachtet der Tatsache, dass Hesse selbst den hohen literarischen Rang Millers anerkannt hat.

Pers├Ânliche Animosit├Ąten und literaturgeschichtliche Verdr├Ąngung m├Âgen die Ursache sein, wenn im Ton der neuen Weinerlichkeit die Klage erhoben wird, so "krude, gemein und brutal" werde heutzutage Erotik geschildert. Denn merkw├╝rdigerweise verweist Struck auf ihre eigenen Romane, in denen von Augustinus bis Pasolini sich viel Literaturzitate bef├Ąnden, doch entgangen zu sein scheint dieser Mater dolorosa der Hesse-Verk├╝ndigung die sprachliche Direktheit, mit der von Ovid bis Aretino die k├Ârperlichen Anteile der Liebe beschrieben werden. Horaz allein - die Pr├Ązision des Lateinischen ist auch hierin un├╝bertrefflich - verwendet 23 Ausdr├╝cke f├╝r die Verschiedenartigkeit penetrativer Techniken. Apart ist auch Strucks Behauptung, Hesse habe "etwas von einem Surrealisten".

Die Autorin wundert sich, der Dichter des "Glasperlenspiels" habe "keine Arbeiter als Protagonisten" in seinem Werk. Je nun - erstaunlich ist Hesses Verzicht mitnichten. Er schreibt 1936 in einem Brief: "W├Ąhrend meiner Kinder- und J├╝nglingsjahre war die j├╝ngere Arbeiterschaft in Calw das ├ťbelste, was sich ein B├╝rger unter Proletariern vorstellen kann, ein richtiges Pack...Ich habe seit damals gef├Ąhrlichere Formen des Menschentums gesehen, aber nie wieder so h├Ą├čliche."

Die Autorin wendet sich zu Recht gegen die esoterische Vereinnahmung Hesses, spricht gleichwohl jedoch von dem "Yin und Yang-Spiel, in dem wir alle stehen". Tr├Âstlich zu wissen, wie Karin Struck ihre Lekt├╝re betreibt: "Ich lese Hermann Hesse manchmal nur aus der Schriftstellerperspektive." W├╝nschenswert w├Ąre das allemal, auch und gerade f├╝r einen Vortrag in des Dichters Heimatstadt.

Sebastian Giebenrath

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