Erste Gesamtausgabe der Werke von Hermann Hesse erscheint

Artikel von Sebastian Giebenrath
27.08.2002


Im Jahr des 50. Bestehens hat der Suhrkamp Verlag mit der Arbeit an einer Gesamtausgabe desjenigen Autors begonnen, der Peter Suhrkamp 1950 die Gründung seines Verlages ermöglichte. Es ist die erste vollständige Ausgabe der Werke Hermann Hesses, die bisher nur in zwei, vom Dichter selbst konzipierten Auswahlausgaben vorlagen.

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Getröstet würde er sich gekonnt haben mit der Sprichwortweisheit: „Es sind nicht die schlechtesten Birnen, an denen die Wespen nagen“. Denn Beschimpfungen, Angriffen, Missdeutungen und Ablehnung war er zeitlebens ausgesetzt. Vom „Faulenzer“ über den „vaterlandslosen Gesellen“ bis zum „nöligen Langeweiler“ und „Kitschautor“ reichen die Verbalinjurien, die Lebensführung und Werk von Hermann Hesse zu charakterisieren trachteten. Andererseits hat es nie an Bewunderern gefehlt – zahlreiche Schriftstellerkollegen eingeschlossen –, an ernsthafter, aber nicht unkritischer Würdigung seines Schreibens, ganz abgesehen von der Millionenschaft an Lesern in aller Welt, die Hesse zum meistgedruckten deutschsprachigen Autor haben werden lassen.

Nun hat Qualität mit Quantität beileibe nichts zu tun, erlaubt die Auflagenhöhe gewisslich auch keinerlei Rückschluss auf literarisches Können. Vielfach verzerrt erscheint das Bild des „Glasperlenspiel“-Autors – der Parteien Gunst und Hader wogt immer noch heftig hin und her. Suspekt ist er den einen, weil Pubertierende beider Geschlechter ihn zum Lieblingsautor auserkoren haben, fragwürdig den anderen, weil mancherlei fernöstlich-esoterisch Angehauchte ihn zum Guru verklären. Hesses ungebrochene Popularität scheint manchen Literaturkritikern geradezu ein Dorn im Auge, weswegen sie ihn lieber gleich totzuschweigen versuchen. Bei allen aber liegt der Verdacht nahe, die einseitigen Pro- und Contra-Urteile beruhten auf einem kolossalen Missverständnis, das einzig daraus resultiert, das Gesamtschaffen von Hesse nicht zu kennen. Zwar haben sich der Suhrkamp-Verlag und der Hesse-Herausgeber Volker Michels seit Jahrzehnten emsig und erfolgreich darum gekümmert, in zig Taschenbuch- und Sonderausgaben die Hesse-Saat aufgehen zu lassen, doch erst jetzt erscheint die erste vollständige Gesamtausgabe.

 
 
Zwanzig Bände mit rund 14 000 Seiten legen Zeugnis ab von der direkt manischen Schaffenskraft Hesses, von seiner poetischen und intellektuellen Bandbreite. Allein fünf Bände mit zirka 3 000 Buchbesprechungen erweisen Hesse als unglaublich belesen; großen Raum nehmen auch die politischen Schriften ein. Vieles wird für den Durchschnitts-Hesse-Konsumenten neu sein; auch bislang unveröffentlichte oder nur schwer zugängliche Erzählungen umfasst die Gesamtausgabe, Zweit- und Drittfassungen mancher Romane und Novellen, aus denen sich die literarische Arbeitsweise Hesses erschließt. Doppelt so umfangreich wie die bisherige Taschenbuch-Werkausgabe, erstmals nach Gattungen und chronologisch geordnet, jeweils vom Herausgeber Volker Michels mit sorgfältigen Nachworten zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Werke versehen, ergänzt durch differenzierte Quellennachweise, repräsentiert diese Gesamtausgabe das Werk Hesses in einer editorisch bemerkenswerten Leistung.

Angetan sein werden auch Bibliophile von der unaufdringlich eleganten Ausstattung in königsblauem Leinen mit blindgeprägtem, goldeingelegtem Hesse-Schriftzug, weißem Schutzumschlag, farbigem Vorsatzpapier und dem haptisch angenehmen, chamois eingefärbten Papier, das gut mit der klassischen Typographie korrespondiert. Ausgesprochen erfreulich, dass die Bände (wenngleich dann jeweils rund fünf Euro teurer) auch einzeln erworben werden können.

Einer Hesse-Renaissance – über das bislang übliche Lesefutter von „Demian“ bis „Steppenwolf“ hinaus – steht nichts mehr im Wege. Diese Entdeckung ist wirklich lohnenswert.

Sebastian Giebenrath

Übersicht der bisher erschienenen Bände

Quelle: www.hhesse.de