Es gibt nicht nur Hesse-Kids!

Artikel von Robert Steegers
30.10.2002


Die Tagung in der Thomas-Morus-Akademie Bensberg am 26. und 27. Oktober verschob das Bild, wie dieser Nachbericht zeigt.

„Wie alt sind wir Hesse-Kids?“, fragt eine Umfrage auf hhesse.de, und die Antwort fällt aus wie erwartet (Stand: 30.10.2002): 42% derer, die sich am Voting beteiligt haben, sind unter 25 Jahren alt, weitere 23% zwischen 26 und 35. Ist Hesse also wirklich nur was für die Kleinen? Antwort auf ganz spezifische, nennen wir sie: pubertäre Probleme? Hesse-Fieber als transitorische Lektürephase – nach Karl May kommt Hesse, und danach ist man reif für „richtige“ Literatur?

Die Tagung Steppenwolf, Morgenlandfahrer, Nobelpreisträger. Hermann Hesse (1877-1962) in der Thomas-Morus-Akademie Bensberg, korrigiert dieses Vorurteil. Am Wochenende vom 26. bis 27. Oktober 2002 kamen 75 Personen in die Akademie bei Köln, um sich mit Hesses Leben und Werk auseinanderzusetzen – und die meisten waren alles andere als „Kids“, der Altersdurchschnitt dürfte bei wenigstens 50 Jahren gelegen haben! Das ist bei solchen Veranstaltungen durchaus normal, bei Hesse aber erstaunt es doch. Und fasziniert, so sagten einige Teilnehmer im Laufe der Diskussionen, sind sie oft schon fast ein Leben lang. Hesse als literarische Einstiegsdroge also, von der man so leicht nicht mehr los kommt.

Was bot die Tagung inhaltlich? Marco Schickling, Suhrkamp-Mitarbeiter und Hesse-Kenner, wehte knapp verspätet herein (die Deutsche Bahn war aus dem Fahrplantakt geraten), lieferte aber souverän seinen Vortrag zu Hesses Kindheit und Jugend ab, dem ein Zitat aus dem berühmten Brief Hesses aus der Heilanstalt Stetten an den Vater den Titel gab: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen“. Leider mußte der Referent schon nach kurzer Diskussion zum nächsten Vortrag eilen (vgl. den Bericht zu seiner Vortragsreise). Die anderen Referenten blieben jedoch an beiden Veranstaltungstagen vor Ort, was immer wieder lebhafte Gespräche zwischen ihnen und dem Publikum ermöglichte. Prof. Jürgen Wolff aus Stuttgart verglich Hesses „Steppenwolf“ mit der Verfilmung von Fred Haines (USA 1973), der er ihren eigenen Wert bei der Vermittlung und Interpretation des Romans zugestand. Eine Vorführung des schwer zugänglichen Films schloß den ersten Veranstaltungstag ab.
Am nächsten Morgen erörterte Isolde Schnabel, ebenfalls Stuttgart, Hesses politische Positionen, die, so ihre These, sich in der Terminologie Max Webers eher einer Gesinnungs- als einer Verantwortungsethik zuordnen lassen: Seine moralische Integrität habe Hesse so hochgehalten, daß konkretes Eintreten für politische Ziele dahinter notwendig zurückgetreten sei. Ihr Beitrag wurde lebhaft diskutiert, gerade auch hinsichtlich seiner Haltung während der NS-Zeit, in der er zwar von der Schweiz aus Emigranten unterstützte, aber weniger als beispielsweise Thomas Mann aktiv in die antifaschistische Propaganda eingriff. Ein Teilnehmer prägte das treffende Bild vom Dichter als Leuchtturm: Nicht auf aktives Eingreifen käme es an, sondern darauf, in finsteren Zeiten Zeichen zu geben und Wege zu weisen.

Abschließend sprach Prof. Dr. Georg Wenzel von der Universität Greifswald von Hermann Hesses Verhältnis zur Romantik, wobei er die neoromantische Haltung der frühen Schriften hervorhob und besonders die Bedeutung von Novalis für Hesses Denken und Schreiben betonte.
Anregend für die Teilnehmer waren alle Beiträge. Und um besser zu verstehen, wie Hesses Werk mit den Stationen seiner Biographie verbunden ist, wird die Thomas-Morus-Akademie im April 2003 eine viertägige Reise nach Calw, Maulbronn, Tübingen und Gaienhofen anbieten.

Robert Steegers


Homepage der Thomas-Morus-Akademie Bensberg

Quelle: www.hhesse.de