Hermann Hesse und das Fremde

Artikel von Dr. Helga Esselborn
22.11.2002


„Martinssommer“ in Rom: wenn um „St. Martin“ herum der heiße Scirocco aus Afrika nach Italien herüberweht, wird es in Rom für wenige Tage sommerlich warm. So begann die internationale Hermann-Hesse-Tagung vom 14. bis 15. November bei herrlichem Sonnenschein in der Villa des Goethe Instituts.

 
  
Veranstaltet wurde die Tagung von der Universität Rom „La Sapienza“ (die Weisheit!), dem Goethe Institut und der Stadt Calw. Thema war „Hermann Hesse und das Fremde“. Um euch einen Einblick in die Vielfalt der Zugänge zu diesem spannenden Thema zu geben, greife ich einige Beiträge heraus:

Überraschend war für uns sicherlich der Ansatz von Adrian Hsia (Montreal/Hongkong): er stellte dar, dass Hesse vor seiner Asienreise nicht allzu viel über Asien gewusst habe (denn was er kannte, seien hauptsächlich Reiseandenken, Bilder und ein paar Geschichten gewesen). Deshalb sei er auch mit dem üblichen Vorurteil der Europäer (die überlegene Rasse) nach Südostasien gereist. Dass Hsia für diese These ausgerechnet die Erzählung „Robert Aghion“ anführte, verwunderte nicht nur mich.

Uli Rothfuss (Calw) machte uns mit einer Erzählung von Josef Mühlberger bekannt, die Hesse schätzte und die erstaunliche Ähnlichkeiten zu Hesses eigenem Erzählen zeigt: „Die Knaben und der Fluss“.

Micaela Mecocci (Rom) betrachtete Hesses Werk unter der Frage, welche Darstellung des „Weiblichen“ sich in den verschiedenen Romanen findet: sie entdeckte, dass Frauen eigentlich nie zu Partnerinnen werden, sondern mehr oder weniger konstruierte Figuren bleiben, die beinahe stereotyp eigentlich immer wieder in denselben Konstellationen auftauchen.

Flavia Arzeni (Rom) machte an Hesses Aquarellen auf eine ähnliche Tendenz aufmerksam: wenige Motive werden (mal in dominierendem Gelb, mal in dominierendem Rot) sehr oft wiederholt. Es zeigte sich aber, dass die Verbindung zwischen Malerei und Dichtung doch nicht so einfach gezogen werden kann, wie es zunächst scheint. Man müsste nämlich der Frage nachgehen, ob Hesses Dichtung dort, wo sie die Malerei einbezieht, nicht vielleicht andere Vorbilder hatte als die eigene Malerei.

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Klick zum Vergrößern Piazza della Rotunda, Rom
 
Ja, und weil man auch sich selber nicht vergessen soll: mein Vortrag interpretierte die Begegnung verschiedener Romanfiguren mit Fremdem als Bedrohung einerseits und Verheißung andererseits. Das Spannende daran ist, dass jeder sich in der Begegnung mit dem Fremden selber fremd wird. Und wie Hesse im Unterschied zu den Zeitgenossen damit umging... das könnt ihr dann nachlesen, wenn der Tagungsband erscheint, in dem alle Beiträge zu finden sind.

Und wenn die Vorträge mal gerade nicht so prickelnd waren, haben wir durch die große Glaswand des Auditoriums auf die Dattelpalmen im Garten des Goethe Instituts geschaut und uns gefragt, ob Hesse eigentlich jemals in Rom war. Ich glaube nicht.

Quelle: www.hhesse.de