Zwei Bäume so glücklich

Artikel von Keith Murray
05.09.2001


Piktors Verwandlungen" ist ein gelungenes Kunstmärchen, hinter dessen scheinbarer Einfachheit sich Tiefgang verbirgt. Dieser Artikel beleuchtet es etwas näher.

"Piktors Verwandlungen", 1922 geschrieben, ist eine der meistgelesenen Erzählungen Hermann Hesses. Die Geschichte - eigentlich ein Märchen - handelt von dem jungen Piktor, der eines Tages ins Paradies kommt. Dort findet er einen kleinen Stein, einen Karbunkel, der seinen Wunsch erfüllt, ein Baum zu werden. Nachdem Piktor mehrere Jahre als Baum existiert hat, fühlt er sich immer noch einsam und unvollendet, als ein Mädchen zu ihm kommt. Ein Vogel lässt ihm eben jenen wundertätigen Karbunkel in die Hände fallen, sodass das Mädchen auch in einen Baum verwandelt wird. Daraufhin leben die beiden Bäume glückselig vereinigt weiter.

Trotz der Kürze ist dieses Werk keine einfache Erzählung, eigentlich ist "Piktors Verwandlungen" ein besonders kompliziertes Kunstmärchen. Einerseits ist die Erzählung ein Prosa-Gedicht über die Einsamkeit und über die Hoffnung, diese Einsamkeit zu überwinden - was den kundigen Leser an Hesses gleichzeitige Ehe mit Ruth Wenger erinnert. Die Geschichte enthält aber auch poetische Kennzeichen, wie Metrum und innere Reime. Der Baum, ein ständig wiederkehrendes Symbol Hesses, stellt den einsamen Außenseiter dar, der die Absicht hat, seinen eigenen Weg zu finden. Piktor und sein Paradies entsprechen in diesem Sinn Hesse und dem Tessin.

Oft ist dem Leser der Karbunkel das wichtigste und rätselhafteste Symbol in diesem Stück. Aber so geheimnisvoll ist der Ursprung des Karbunkels gar nicht, denn ihn hat Hesse sich aus den Schriften eines wichtigen Vorgängers geliehen: Novalis. In seinem Roman Heinrich von Ofterdingen hat auch Novalis den Karbunkel als Verwandlungsmittel verwendet. Der magische Stein spielt auch eine Rolle in der Theorie C.G. Jungs: Jung meint, er stelle die erfolgreiche Integration des Selbsts dar. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob Hesse diese Idee zu diesem Zeitpunkt bereits kannte, mag der Leser trotzdem bemerken, wie Hesse zu den anderen Denkern seiner Zeit passte.

"Piktors Verwandlungen" ist sicherlich ein kleines Juwel in Hesses Dichtung. Doch ist dieses Juwel keine bloße Unterhaltungsliteratur, sondern ein anspruchsvolles Werk, durchdrungen von einer poetischen Sprache, literarischem Talent und intellektueller Komplexität.

Quelle: www.hhesse.de