Hermann Hesse (1877-1962) und Kurt Tucholsky (1890-1935) - Berührungspunkte zweier Schriftsteller

Artikel von Dr. Jürgen Weber
15.12.2003


Hermann Hesse und Kurt Tucholsky – die Namen dieser beiden Schriftsteller werden selten in einem Atemzug genannt. Und tatsächlich scheinen der streitbare Polit-Kritiker und Satiriker mit der scharfen Zunge und der als letzter Romantiker und als Vertreter der deutschen Innerlichkeit verschriene Dichter wenig gemein zu haben. Dem ist jedoch keineswegs so.

 
 Kurt Tucholsky
 
Tucholsky war nicht nur ein beißender satirischer Kritiker seiner Zeit, er war auch ein sehr feinfühliger, sensibler, zuweilen sogar sentimentaler Dichter, für den die Themen Liebe und Naturschwärmerei keineswegs tabu waren. Und wer sich etwas tiefer gehend mit Hesse beschäftigt, dem wird sehr schnell klar, dass dieser Dichter ein äußerst aufmerksamer und wacher Beobachter seiner Umwelt war und er im besten Sinne politisch radikal gewesen ist.

Betrachtet man sich die Äußerungen der literarischen Größen zu Zeiten der Weimarer Republik zu den sich anbahnenden unheilvollen Entwicklungen, so findet man unsäglich viel Blauäugiges, Naives (zum Beispiel auch von den Brüdern Heinrich und Thomas Mann) und zuweilen auch kumpelhaftes Einverständnis mit nationalistischen Entwicklungen, die die Grundlage für die brutale Herrschaft der Nazis legten. Aus diesem Sumpf der Ignoranz und Dumpfheit hörte man immer wieder die mahnenden und kritischen Stimmen von Tucholsky und Hesse; dieser laut schreiend und offensiv, jener mehr analysierend und im Stillen warnend.
Erstaunlich sind die Parallelen in der Warnung vor den Nazis.

„Dies soll hier nur stehen, um in acht Jahren einmal zitiert zu werden. Und auf dass ihr dann sagt: Ja – das konnte eben keiner voraussehen!“

schreibt Tucholsky in einem Aufsatz 1922 über die brutalen Tendenzen der deutschen Reichswehr. Und Hesse geißelt bereits im selben Jahr die aufkommende Judenhetze als

„eine der hässlichsten und törichtsten Formen jungdeutschen Nationalismus“

und ereifert sich über die

„blödsinnige, pathologische Judenfresserei der Hakenkreuzbarden und ihrer zahlreichen namentlich studentischen Anhänger.“

Ernst genommen wurden die Warnungen nicht, weder die des einen, noch die des anderen. Hesse und Tucholsky selbst nahmen jedoch die politischen Äußerungen gegenseitig sehr wohl zur Kenntnis. So erwähnt Tucholsky mehrfach lobend Hesses Kritik an der Kriegsbegeisterung 1914.

Kurt Tucholsky verfolgte die literarische Entwicklung Hermann Hesses sehr genau, wie aus regelmäßigen Erwähnungen in seinen Schriften hervorgeht. Dabei schätzte er stets das sprachliche Können des Dichters.

„Seine naturalistischen Schilderungen sind fast unübertroffen“,

urteilt er. In einer Rezension von Hesses Buch „Roßhalde“ aus dem Jahre 1913 schreibt er:

„Er kann, was nur wenige können. Er kann einen Sommerabend und ein erfrischendes Schwimmbad und die schlaffe Müdigkeit nach körperlicher Anstrengung nicht nur schildern – das wäre nicht schwer. Aber er kann machen, dass uns heiß und kühl und müde ums Herz ist.“

In dieser Buchbesprechung sieht Tucholsky auch in seinem feinen Gespür eine kommende Entwicklung Hesses voraus:

„Eine Puppe liegt in der Larve, und was das für ein Schmetterling werden wird, vermag niemand zu sagen.“

Kurt Tucholsky erging sich in seiner Beurteilung Hesses jedoch nicht in Lobhudelei, zu seinen hervorstechendsten Qualitäten als Schriftsteller zählte die Ehrlichkeit. Und so fällte er bei allem Respekt vor Hesse auch ein ehrliches kritisches Urteil über dessen Dichtung:

„Ich halte Hesse für einen Schriftsteller, dessen Qualitäten als Essayist weitaus größer sind als seine dichterischen Eigenschaften.“

urteilt er 1931.

„In seinen Dichtungen ist er entweder weitschweifig, zuckersüß, wenn es auch wirklicher guter Kristallzucker ist und keine Melasse, manchmal weich und dann wieder säuerlich.“

 
 Kurt Tucholsky
 
Und wie so mancher Hesse-Liebhaber stellt er seine Prosa weit über seine Lyrik.
1927, als nachträglichen Gruß zu Hesses 50. Geburtstag schrieb Tucholsky eine Würdigung des Dichters, die wohl einzigartig ist. Ausgehend von einer freundlichen Beurteilung von Hesses Leben und Werk nimmt er die Geburtstagsbiographie von Hugo Ball zum Anlass für eine Abrechnung mit Zeitgenossen und dem Zeitgeist, die sich gewaschen hat. „Der deutsche Mensch“ steht als Überschrift über diesem Beitrag und Tucholsky sieht in der Persönlichkeitsstruktur Hesses und seinen dichterischen Äußerungen Parallelen zu Tendenzen in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft. Als zentrales Defizit kreidet er Hesse das Fehlen von Humor an.

„Hesse hat keinen Humor“,

bekräftigt er. Er spricht von der

„bombastischen Schwerfälligkeit, mit der jeder seinen kleinen Sparren in Szene setzt“

und vom

„Selbstzweck des unendlichen Innenrummels“.

Den Humor, der Hesse nach Ansicht Tucholskys abgeht, definiert dieser in unnachahmlicher Weise:

“Humor: zu wissen, dass es, nachdem man tapfer gewesen ist, alles nicht so schlimm ist. Humor: zu fühlen, dass es von oben reichlich unsinnig aussieht, was wir hier aufführen. Und dennoch zu seiner Sache stehn. Und abends um neun, wenn alles fertig ist, zu wissen: es lohnt sich kaum – aber man muss ran.“

Hesse wusste zwar von der Existenz des Aufsatzes, er hatte ihn jedoch offensichtlich nicht gelesen.
Mit dieser keineswegs abfällig gemeinten Kritik benennt Tucholsky möglicherweise den zentralen Schwachpunkt von Hesses Werk, und dies in Kenntnis des „Steppenwolfes“, dessen Humor eben etwas anderes ist als der Humor Tucholskys.
Dieser misstraute auch dem im „Steppenwolf“ vorgetragenen Persönlichkeitskonflikt, den Hesse mit seiner Art von Humor aufzulösen gedachte. Der Hesse der Steppenwolf-Zeit ist für Tucholsky einer, der

„jeden Morgen ein Täßchen Galle trank, so den nicht sehr heiteren Anblick eines bejahrten Primaners bietend, der im Alter von fünfzig Jahren die Nutte entdeckt.“

Bei aller Unterschiedlichkeit im Charakter und Lebenswandel, in einem waren sich Hesse und Tucholsky sehr ähnlich: In ihrer Liebe zu Büchern und zur Literatur. Beide waren ausgesprochene Vielleser, die enorme Kenntnisse der gesamten Weltliteratur hatten. Einig waren sie sich auch darin, dass nicht literaturwissenschaftliche Kriterien an ein Buch anzulegen sind, sondern dass die persönliche Betroffenheit das Urteil bestimmt.

„Kunst kennt nur ein Kriterium: die Gänsehaut“

urteilt Tucholsky.

„Entweder man bekommt sie oder man bekommt sie nicht.“

So urteilte auch Tucholsky enthusiastisch über Hesses Vorlage eines persönlichen Literaturkanons, seine Schrift „Eine Bibliothek der Weltliteratur“:

„Das ist eine vorbildliche kleine Literaturgeschichte….Und wie diese kleine Anweisung, sich eine Bibliothek zusammenzustellen, gemacht ist, das ist nun zum Entzücken gar. Sie ist ganz subjektiv, und nur so ist auf diesem ungeheuern Gebiet so etwas wie Sachlichkeit zu erzielen. Wer sich nach diesem Bändchen richtet, der tut wohl daran. Es steht wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten.“

Tucholskys Lob ist nicht zuletzt darin begründet, dass Hesse die gleiche Herangehensweise an Bücher pflegte wie er selbst. Beide lehnten es bei ihrer Rezensionstätigkeit ab, den „Literaturpapst“ zu spielen. Buchkritik sollte immer positiv sein.

„Ich habe stets die Sicherheit, mit der Kritiker auftreten und Zeit- und Kulturkritik treiben, mit Misstrauen betrachtet und mir eigentlich wirkliche Kritik öffentlich nie erlaubt“

schreibt Hesse und besprach konsequenterweise nur Bücher, über die er etwas Positives zu sagen hatte. Ähnlich Tucholsky. Er erklärte seine Art der Literaturkritik wie folgt:

„Seit ich mich bemühe, eine bunte und möglichst lehrreiche Buchkritik zu machen, ist mein erstes Bestreben dies gewesen: nicht das Literaturpäpstlein zu spielen.“

Als Leser suche man sich das aus, was einem erreichbar ist, alles andere lasse man links liegen. Tucholsky nennt beispielhaft große Literaten, die ihm nichts sagen, und schreibt:

„Ich verstehe sie nicht; sie sagen mir nichts; ich weiß gar nicht, was ihre Schriften zu bedeuten haben. Ich habe mich bemüht: ich weiß es nicht. Ich spüre die geistige Potenz – das genügt aber nicht. Also habe ich zu schweigen, wenn von ihnen die Rede ist, und nicht etwa zu glauben, dadurch, dass ich eine Meinung über sie abgebe, hätte ich sie schon verdaut.“

Diese Sätze hätte Hesse sofort unterschrieben.

Hesse und Tucholsky hatten ein ähnlich feines Gespür für gute Literatur und nicht selten trafen sie sich in ihrem Urteil. Es ist schon erstaunlich wie beide unabhängig voneinander in ihren Buchkritiken beispielsweise den damals noch unbekannten Franz Kafka als großes Talent erkannten oder wie beide den ganz eigenartig schreibenden „Bauerndichter“ Christian Wagner protegierten. Beide fühlten wohl literarisch ähnlich, und man gewinnt den Eindruck, dass in der Persönlichkeitsstruktur dieser beiden Männer mehr Gemeinsames zu finden ist, als ihr äußeres Leben vermuten lässt.

Hesse und Tucholsky sind sich niemals begegnet. Der einzige direkte Kontakt bestand in einem kurzen Briefwechsel aus dem Jahre 1932. Anlässlich des Wiederauffindens von Tucholskys Liebesgeschichte „Rheinsberg“ schrieb Hesse an den Schriftsteller „einfach so“ einen Brief, in dem er diesem seine Sympathie versichert und ihn als einen Bruder im Geist darstellt.

„Gefreut hat mich, daß einer mehr in diesem trüben Deutschland da ist, dessen Denkart und literarisch-soziale Moral mir nahe steht und lieb ist.“

Vor allem war Hesse beeindruckt von Tucholskys Sprachbeherrschung und davon, dass ein Mann der Presse

„diese gewissenhaften, klaren und guten Sätze schreibt“.

Der mittlerweile in Schweden lebende Tucholsky antwortet mit einem freundlichen Brief („Ihr Brief ist mir eine freudige Überraschung gewesen“), in dem er den Wunsch äußert, einmal mit Hesse zusammenzutreffen und mit ihm u. a. über den Steppenwolf zu reden.
Dazu ist es nicht gekommen, drei Jahre nach diesem kurzen Briefwechsel nimmt sich Tucholsky das Leben.

Quelle: www.hhesse.de