Ausstellung zu Hesses „Steppenwolf“ und den Illustrationen von Gunter Böhmer im Hesse-Museum Calw

Artikel von Sebastian Giebenrath
21.01.2007


CALW. Trösten musste der Dichter den Herausgeber der Literaturzeitschrift „Individualität“ und tat es mit den Worten: „...muss ich Ihnen sagen, dass auch mich Hermann Hesse mit seinen Pulvertürmen gelinde erschreckt hat, hoffentlich beunruhigen ihn die Steppenwölfe mit der Zeit weniger.“

Es war der von Hesse hochgeschätzte und geförderte Robert Walser, der dies an Willy Storrer im September des Jahres 1927 geschrieben hatte. Der unternehmungslustige Storrer, lange Zeit Sekretär des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner, Schriftsteller und Pilot, hatte mit der expressionistischen Zeitschrift „Individualität“ bedeutende Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle wie Paul Valéry oder Oskar Schlemmer gewonnen und auch etliche Gedichte von Hesse veröffentlicht. Doch dessen geballten Zorn bekam Storrer zu spüren, als dieser es ablehnte, die mit dem Obertitel „Krisis“ versehenen Steppenwolf-Gedichte Hesses abzudrucken. Darüber völlig in Rage schrieb Hesse in Steppenwolf-Manier an Storrer: „Ich werde mir in Bälde den Hals abschneiden, und Sie gehören, werter Herr, zu den Menschen, die mir den Aufenthalt auf diesem Stern besonders unerträglich gemacht haben.“

„80 Jahre Steppenwolf“
Eröffnet wird die Ausstellung am 21. Januar im Museum mit einer Vernissage um 16 Uhr, bei der die Böhmer-Expertin Susann Rysavy Hinweise zu Gunter Böhmer und seiner Illustrationskunst geben sowie Herbert Schnierle-Lutz die Ausstellung zum „Steppenwolf“ kurz erläutern wird. Anschließend findet um 17 Uhr im Saal des Museums eine kommentierte Lesung aus Briefen, Dokumenten und Texten Hesses statt, welche die teilweise dramatischen Umstände der Entstehung des „Steppenwolf“ beleuchten. Die Textcollage, die von Hermann-Hesse-Herausgeber Volker Michels erarbeitet wurde, wird von Herbert Schnierle-Lutz und dem Rezitator Markus Anders vorgetragen. Musikalisch umrahmt wird die Lesung von dem Pianisten Volker Hill und dem Saxophonisten Steffen Haß mit passender Musik, die einen Bogen von Mozart zur Tanzmusik der Zwanziger Jahre spannt.

Ebenso große Bewunderung wie radikale Ablehnung erfährt bis heute Hesses Erzählung „Steppenwolf“, die erst entstanden ist, als Hesses Verleger Samuel Fischer sich weigerte, die „Krisis“-Gedichte erscheinen zu lassen. Fischer verweigerte sich auch dem Wunsch Hesses, in der Erstausgabe der Erzählung die Gedichte anzufügen. Ein anderes Begehr des Autors aber mochte der Verleger erfüllen, nämlich den in der Erzählung enthaltenen „Tractat vom Steppenwolf“ durch einen eigenen gelben Umschlag und eigene Seitenzählung deutlich vom übrigen Text zu unterscheiden. Dieses Beispiel verlegerischer Großzügigkeit ist nun auch zu sehen in einer Ausstellung im Calwer Hermann-Hesse-Museum.

Anlässlich des 80. Geburtstages des „Steppenwolf“ hat der Hesse-Experte Herbert Schnierle-Lutz die Ausstellung konzipiert, wobei als besonderer Augenfang die von Gunter Böhmer (1911 bis 1986) geschaffenen Illustrationen zu Hesses Erzählung dienen. Die mittelformatigen, mit lebendiger Linienführung aufwartenden Tuschlavierungen stammen aus der im Besitz der Stadt Calw befindlichen Gunter-Böhmer-Stiftung, in der sich allerdings noch weit mehr Blätter zum „Steppenwolf“ befinden. Doch diese können angesichts der Enge im Hesse-Museum nicht gehängt werden, weil der komplette erste Stock des Museums blockiert ist durch die von der Presse heftig geschmähte Dauerausstellung „Weltflechtwerk“. Schnierle-Lutz, Hesse-Liebhabern durch sein Standardwerk „Schauplätze seines Lebens“ bekannt, hat mit großer Sachkenntnis auch in vier Vitrinen Wissens- und Anschauenswertes zum „Steppenwolf“ zusammengetragen. So den auf ein Blatt vom „Berliner Tageblatt“ skizzierten Entwurf zum „Magischen Theater“, Fotos der Ballsäle und Theater, in denen Hesse seine Literatur gewordenen Erlebnisse sammelte, eine Reihe Fremdsprachenausgaben, darunter arabisch und chinesisch. Sogar die Krawatten und Fliegen von Hesses Charleston-Tanzereien und ein für den Dichter von seinem Psychotherapeuten J.B. Lang ausgestelltes Rezept hat der Kurator für diese empfehlenswerte, facettenreiche Ausstellung aufgetrieben.

„80 Jahre Steppenwolf“,
Hermann-Hesse-Museum Calw, Marktplatz 30, bis 17. Juni,
Öffnungszeiten bis Ende März 14 bis 17 Uhr, ab 1. April 11 bis 17 Uhr, montags geschlossen

Quelle: www.hhesse.de