Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse und
Doktor Faustus von Thomas Mann: Ein Vergleich

Artikel von Rich Murray
14.04.2002


Hermann Hesse und Thomas Mann trafen sich zum ersten Mal 1904 in München. Mann hatte schon zwei Bände Kurzgeschichten und den Roman Buddenbrooks veröffentlicht, Hesse hingegen zwei Bände mit Gedichten, Hermann Lauscher und Peter Camenzind. Das erste Treffen war der Anfang einer Beziehung, die fünfzig Jahre andauerte und eine Menge von Briefen, Begegnungen und Widmungen umfaßte.

 
Thomas Mann
 
Dennoch gab es eine Vielzahl von Unterschieden zwischen diesen zwei jungen Schriftstellern des Samuel Fischer Verlags. Mann stammte aus einer gutbürgerlichen Familie in Lübeck, Hesse wurde in dem kleinen Dorf Calw in Süddeutschland geboren. Beide Autoren wurden von Menschen wie Goethe, Nietzsche und Dostojewskij geprägt. Für Mann waren Fontane und andere Realisten wichtig, Hesse beeinflußten mehr die Romantiker wie Novalis und Eichendorff. Obwohl er viele Romane, Kurzgeschichten und andere Prosastücke schrieb, blieb Hesse ein Lyriker, Mann war hingegen ein Meistererzähler und versuchte fast keine Gedichte zu schreiben. Mann war weltbürgerlich, reiste gerne und genoß seine Rolle als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Hesse allerdings war sein Leben lang provinziell, reiste selten nach seinem Umzug ins Tessin und scheute die Begegnung mit dem Publikum.

Gemeinsam hatten Hesse und Mann doch eines: sie und ihre Bücher waren während des Dritten Reiches in Deutschland unerwünscht. In dieser Zeit lebte Hesse schon mehrere Jahre im Tessin, Mann ging zuerst in die Tschechoslowakei und dann nach Amerika. Um diese Zeit kreuzten sich ihre sonst so unterschiedlichen künstlerischen Laufbahnen: sie schrieben zwei vergleichbare Romane, die ihre gleichzeitigen Ängste darstellten. 1943 erschien in der Schweiz Hesses letzter Roman Das Glasperlenspiel, knapp vier Jahre später vollendete Mann Doktor Faustus.

Das Glasperlenspiel handelt von Josef Knecht, der als Kind wegen seiner musikalischen Leistungen in ein elitäres Leben in der zukünftigen akademischen Provinz Kastalien berufen wird. Am Anfang des Romans findet der Leser zwei Themen, die Hesse schon lange interessierten: die Musik und das Dilemma des Schülers. Doch in diesem letzten Roman sind diese Motive mit neuen gemischt, und der Roman selber reflektiert nicht nur Hesses Zeit, sondern auch seine Hoffnungen mitten in aufeinanderfolgenden menschlichen Katastrophen. Kastalien ist die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, und zwar deren südlicher Kanton Tessin, wo Hesse schon seit 1919 lebte. Die Allwissenheit Kastaliens, wo alles überwacht, kontrolliert und von anderen entschieden wird, erinnert an das totalitäre Regime der dreißiger und vierziger Jahre. Diese zwei Elemente, die friedliche Insel menschlichen Fortschritts einerseits und der gesellschaftliche Verfall andererseits, liefern die zentrale Spannung des Romans. Durch Knechts Flucht aus Kastalien in die alltägliche Welt versuchte Hesse eine Synthese zu schaffen, daß Knecht am Ende stirbt ist eine Nebensache, Hauptsache ist, daß Tinos Leben geändert ist.

 
Thomas Mann und Hermann Hesse
 
Manns Doktor Faustus ist auch eine fiktive Biografie. Im Deutschland des Zweiten Weltkriegs beschreibt Serenus Zeitblom das Leben seines Freundes, des "Tonsetzers" Adrian Leverkühn. Wie in Hesses Roman beruhen viele Elemente in Manns Roman auf wirklichen Ereignissen: Adrians Musik ist teilweise der Theorie Arnold Schönbergs entliehen und spezifische Daten in Adrians Laufbahn entsprechen wichtigen Daten in der deutschen Geschichte (z.B. wird Adrian 1918 todeskrank, im Jahr der Kapitulation Deutschlands). Auch Mann zehrt von verschiedenen Quellen um seine Ohnmacht und Verzweiflung zu spiegeln.

Die Ähnlichkeiten zwischen diesen zwei Romanen sind merkwürdig, besonders weil ihre Autoren sonst unterschiedlich waren. Beide beschäftigen sich mit der Musik, was für sie eine lebenslängliche Interesse war: Hesse lobte vor allem Mozart und das Barock, Mann stand eher auf Wagner. Hesses Tegularius (ein Freund von Josef Knecht) und Manns Leverkühn besitzen Eigenschaften, die an Friedrich Nietzsche erinnern. Und beide Romane sind in ihren Strukturen gleich: Biografien, die von Bewunderern geschrieben werden.

Diese Werke bilden eine einzigartige Kreuzung im Leben dieser Schriftsteller und Freunde. Innerhalb von zwanzig Jahren waren beide gestorben (beide in der Schweiz), aber diese Romane sind zusammen ein noch vorhandener literarischer Lichtblick aus der damaligen Zeit der Barbarei.

Quelle: www.hhesse.de