"Siddhartha aus Gerbersau - Literatur gewordene Indienbilder"

Artikel von Timo Reith
28.04.2002


Sebastian Giebenraths 100 Seiten umfassendes neues Buch wurde in Calw vorgestellt und damit ein neues Kapitel in der Hesse-Forschung aufgeschlagen. Mehr noch: Hermann Hesses Sohn Heiner sei von dem Werk "außerordentlich beeindruckt gewesen", wie der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Calw, Jürgen Teufel, ausführte.

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Klick zum Vergrößern Jürgen Teufel überreicht Heiner Hesse das erste Exemplar
 
Auszug aus der Pforzheimer Zeitung, am 7. März 2002:
Bei einem Besuch in Ancona habe man ihm (Heiner Hesse) das erste Exemplar des Buches, zu dem er auch das Nachwort geschrieben hatte, überreicht. Noch in der Nacht habe er das Buch gelesen und sei von den Erkenntnissen sichtlich berührt gewesen. Durch einen Zufallsfund und anschließend intensive Recherche ist es Sebastian Giebenrath gelungen, die seltsam verwunschene Bilderwelt in Hesses weltweit meistgedruckter Novelle "Siddhartha" zu entschlüsseln.


Mitte der 50er-Jahre hatte Giebenrath erstmals Hesses indische Novelle "Siddhartha" gelesen und dabei keine wahre Freude empfunden, "weil ich in der ganzen Erzählung keine Farben und keine Töne gefunden habe". Es sei merkwürdig gewesen, "aber es war nicht jener Hesse, den ich sonst so mag". Die Geschichte sei seltsam lieblos gewesen, auch wenn der Autor eine besonders hymnische und rhythmische Sprache eingesetzt habe. Angesichts der vielen Literatur, die Giebenrath in jenen Jahren verschlungen hat, war "Siddhartha" bald vergessen. Der Zufall wollte es aber, dass Giebenrath immer wieder über das wenig geliebte Werk stolperte.
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Klick zum Vergrößern Indischer Guru
 
 Mal veranlasste die Lektüre von Hesses Reisetagebüchern den Autor dazu, sich mit "Siddhartha", den darin zu findenden Sprachbildern und Emotionen auseinander zu setzen, mal zwang ihn ein Geschenk dazu, erneut zu der Novelle zu greifen, denn das Geschenk, ein Faksimiledruck des 1883 veröffentlichten Bandes "Calwer historisches Bilderbuch der Welt", das Hesses Großvater Hermann Gundert verlegt hatte, verschaffte Giebenrath einen neuen Zugang zu Hesses Bilder- und Sprachwelt. Nicht die persönlichen Eindrücke, die Hesse bei seiner Reise 1911 nach Asien gewonnen hatte, hatte der 1946 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autor schließlich in seiner Erzählung verarbeitet, sondern Bilder aus den Kindertagen: Impressionen in Schwarzweiß, gedruckt, unbewegt und geruchsneutral. Und so wenig wie einst das "Calwer historische Bilderbuch der Welt" alle Sinne Hesses berührte, so wenig sinnliche Informationen verarbeitete der Autor in seiner 1922 veröffentlichten Novelle.

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Klick zum Vergrößern Siddhartha aus Gerbersau Titelbild
 
Die Sinne ansprechend ist indes das jetzt von der Kreissparkasse Calw verlegte Buch "Siddhartha aus Gerbersau", wie Sandra Pfäfflin bei ihrer Laudatio ausführte. Das Buch lasse den Leser erleben und spüren, was der sechsjährige Hesse gefühlt, geschmeckt, gerochen und empfunden haben muss, als er zum ersten Mal das große und komfortabel ausgestattete "Calwer historische Bilderbuch der Welt" in den Händen gehalten hat. Dass die imaginäre Begegnung der beiden Sinnesmenschen Hermann Hesse und Sebastian Giebenrath ein Buch zum Ergebnis haben würde, das informativ und vergnüglich zu lesen ist und dabei noch eine Reihe neuer Erkenntnisse an den Tag bringt, war angesichts der intensiven Auseinandersetzung Giebenraths mit Hesse zu erwarten gewesen. "Giebenrath weiß nicht nur trefflich zu formulieren, er weiß auch einzuordnen und die zusammengetragenen Informationen in den Kontext zu setzen", lobte Pfäfflin den "optisch wie haptisch hervorragend ausgestatteten Band". Der Autor und die Kreissparkasse Calw haben nach Einschätzung Pfäfflins mit dem Buch "Maßstäbe im Hessejahr gesetzt".

Das Geleitwort von Heiner Hesse:

Schon immer haben sich Hesse-Leser gefragt,
woher die seltsam verwunschene Bilderwelt in der Erzählung
"Siddhartha" und den indischen Märchen stammt.
Zumal seine reale Reise in den Fernen Osten
für den Dichter eine große Enttäuschung war.

Frühe Prägungen für sein literarisches Indien hatte
Hermann Hesse bereits in seiner Calwer Kindheit.
Neben asiatischen Kleidungsstücken seiner in Indien
geborenen Mutter und tanzenden Götterfiguren im
Glasschrank seines Großvaters, des Indienmissionars
Hermann Gundert, entdeckte er ein großes, dickes Buch
voll Illustrationen von fernen Ländern und Menschen.

Diesen geheimnisvollen Schatz zu heben und damit
den Ursprung von Hesses Indienimagination aufzuzeigen,
unternimmt Sebastian Giebenrath in dem vorliegenden Essay.

Heiner Hesse



"Siddhartha aus Gerbersau - Literatur gewordene Indienbilder"
108 Seiten / 38 Abbildungen
ISBN: 3-928116-21-5

Das Buch ist für 15 € im Buchhandel oder direkt bei der Kreissparkasse Calw erhältlich.

Quelle: www.hhesse.de