"Sichtbare Goldreserve"

Artikel von Sebastian Giebenrath
17.06.2002


Volker Michels eröffnet Ausstellung von Hesse-Aquarellen in der Kreissparkasse Calw.

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Klick zum Vergrößern Hesse-Aquarell
 
CALW. Damit hat wohl niemand gerechnet: Weder der Gastgeber, noch die andachtsvoll versammelte, große Besucherschar, geschweige denn die spärlich vertretenen Abgesandten der Stadtverwaltung Calw. Alle waren in gehobener Festesfreude, denn aus ihrem Fundus - der vermutlich größten Privatsammlung von Hesse-Aquarellen - hatte die Kreissparkasse Calw von dem Grafiker Heiko Rogge eine geschmackvoll aufbereitete, reich bestückte Ausstellung konzipieren lassen. Als Festredner zur Vernissage war der weltweit renommierte Hesse-Herausgeber Volker Michels gewonnen worden. Auf Erbaulichkeit, auf tief schürfende Erkenntnisse, auf neue Einblicke in das malerische Wirken des Literaturnobelpreisträgers Hesse war die Hörergemeinde gespannt. Diese bekam sie denn auch in verschwenderischer Fülle gereicht, über eine halbe Stunde lang. Doch nachdem Michels die Hesse-Aquarellsammlung der Kreissparkasse gewürdigt hatte, als "sichtbare Goldreserve, die sich mitteilt und Lebensqualität verbreitet" und bevor der Redner eintauchte in die Farbwelt des in Calw geborenen Autors, hatte mancher Zuhörer Anlass, erschreckt die Luft anzuhalten. Denn was Michels mit ein paar Sätzen der Stadtverwaltung hinrieb, das hatte sich gewaschen.

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Bezogen auf die auch von der in- und ausländischen Presse gegeißelte Hesse-Ausstellung in Berlin (wir berichteten), die von der Stadt Calw initiiert worden ist, sprach Michels von einem "Happening, das in seiner inhaltlichen Dürftigkeit und Ahnungslosigkeit kontraproduktiv wirkt." Zu befürchten sei der "Schildbürgerstreich", dass die Stadt "das in Berlin Gebotene als Dauerausstellung dem hiesigen Hesse-Museum vor die Nase zu setzen beabsichtigt." Dies beschädige nicht nur das Museum, sondern "was viel schlimmer ist", die Reputation des Dichters und damit auch diejenige der Stadt.

Nach diesem verbalen Keulenhieb referierte Michels das Malerleben Hesses. Bei Durchsicht von dessen Nachlass stellte sich heraus, dass der Dichter rund ein Drittel seiner Arbeitskraft aufs Malen verwendet hatte. Erst in der zweiten Lebenshälfte hat sich Hesse autodidaktisch die Malerei erschlossen. Während einer Lebenskrise in den Jahren des Ersten Weltkriegs wurde Hesse von einem Psychotherapeuten zu bildnerischen Darstellungen der Träume ermutigt. Mit "Fleiß und Hartnäckigkeit" beschäftigte sich Hesse mit Techniken des Bildaufbaus, der Perspektive und Farbkontrastierung.
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Zunächst strichelte er Architektur- und Landschaftsmotive "mit liebevoller Pedanterie" und kolorierte diese in blassen erdfarbenen Temperatönen. (Einige dieser Bilder hängen auch jetzt in der Calwer Ausstellung.) Dann aber wandelte sich plötzlich Hesses Farbpalette, explodierte geradezu; die Landschaften und Gärten seiner Tessiner Umgebung fanden farbintensiven Niederschlag in Hesses Bildern. "Unverkennbar an Hesses Malerei ist die enge Wechselwirkung zwischen Farbigkeit und Musikalität seiner Bilder mit den gleichen Komponenten in seiner Lyrik und Prosa" resümierte Michels in seinem Festvortrag. Zwar seien die sprachlichen Ausdrucksmöglickeiten ungleich vielseitiger als die bildnerischen, doch "Zuversicht und Heiterkeit" springe bei Hesses Aquarellen sofort ins Auge. Davon kann sich nun der Besucher bis 19. Juli im Foyer der Kreissparkasse Calw überzeugen lassen.

Sebastian Giebenrath

Quelle: www.hhesse.de