Erinnerungen an Hermann Hesse zog Hunderte von Zuhörern an

Pressemitteilung
18.07.2002


CALW. Für alle Hesse-Anhänger und auch jene, die erst in den letzten Wochen auf ihn aufmerksam geworden sind, bot sich eine besonders interessante Abendveranstaltung: „Zu Besuch bei Onkel Hermann”, keine Hommage oder Lesung, sondern ein authentischer Bericht von Marie Luise Bodamer, der Großcousine von Hermann Hesse.

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Klick zum Vergrößern Marie Luise Bodamer
 
Dass ihre Erinnerungen an den berühmten Calwer Dichter auf großes Interesse stoßen würden, war den Organisatoren durchaus klar, dass aber Hunderte von Interessierten kamen, war nicht abzusehen. So sprengte der Besucherstrom den verfügbaren Raum in der Volkshochschule in Calw. VHS-Leiter Dr. Klaus-Peter Hartmann handelte schnell, und so wurde die Veranstaltung kurzerhand in die benachbarte Evangelische Kirche verlegt. Hier wurde dann das Ausmaß der Besucherzahl deutlich, denn fast alle Kirchenbänke waren belegt.

Damit auch jeder einen Blick auf Marie Luise Bodamer werfen konnte, wurde für sie ein Podest vorbereitet. Etwas erstaunt über den Zuspruch, aber schnell ihre Fassung gewinnend, berichtete sie mehr als eine Stunde aus ihrem Leben. Marie Luise Bodamer, geborene Schiler, war die Tochter von Fanny Gundert und Alfred Schiler. Fanny Gundert war die Cousine von Hermann Hesse, deren Elternteile waren die Kinder von Hermann und Julie Gundert. Fanny und Hermann hatten schon in ihrer frühen Jugend ein sehr freundschaftliches Verhältnis und dieses sollte sich nie auflösen. Fanny besuchte ihren Cousin bereits öfters in Gaienhofen, besonders das gemeinsame Musizieren war für alle eine Freude. 1935 lud Fanny ihre damals schon 20-jährige Tochter Marie Luise ein, mit ihr nach Montagnola zu reisen. Marie Luise, die schon ihr Studium an der Musikhochschule in Stuttgart aufgenommen hatte, folgte der Mutter gern.

Etwas befangen waren die ersten Augenblicke der Begegnung, so Marie Luise Bodamer. Doch das Wiedersehen mit „Onkel Hermann“ war äußerst herzlich, und für die junge Musikstudentin sollten interessante Tage folgen. Als einen gereiften Mann hat sie ihren Onkel kennen gelernt, nichts war mehr von seinen Krisen und Lebensstürmen zurückgeblieben. Ihr fiel sein großes Wissen auf, sein waches Teilnehmen an weltpolitischen Geschehnissen, seine Belesenheit, in der er unschlagbar schien, und seine Zufriedenheit.

Überdies hatte Hermann Hesse starkes Interesse an familiären Dingen, mit allen Sinnen schien er den Ereignissen in seiner Heimatstadt Calw nachzuspüren.

Marie Luise Bodamer erinnert sich an unzählige Besuche im Tessin, und immer waren sie geprägt von Gastfreundlichkeit, die von ihrem Onkel und dessen Frau Ninon ausging. Der bestehende briefliche Kontakt zwischen Fanny und Hermann sollte zudem nie abbrechen. Einige Textstellen daraus brachte Marie Luise Bodamer zu Gehör.

Mit den Worten „Ich fürchte ich muss Sie enttäuschen, alles was ich erzählen kann, ist Plauderei aus einer Familiengeschichte”, hatte sie den Abend begonnen. Eine Untertreibung, wie sich schnell herausstellen sollte. Die betagte Referentin hatte sich gut vorbereitet, schilderte die politischen Verhältnisse und Entwicklungen, gab Einblick in Hesses literarisches Werk, beschrieb Freunde und Bekannte aus Hesses Leben und verknüpfte dies alles mit der familiären Situation.

„Beim Abschied stand Hesse immer unter dem Türrahmen, nahm beide Hände hoch und winkte uns nach”, und auch Marie Luise Bodamer verabschiedete sich von ihren Gästen in der Kirche in ähnlicher Weise. Mit stehendem Applaus für die alte Dame ging der Abend zu Ende.

Quelle: www.hhesse.de