„Baltische Impressionen“ mit Uraufführung in der evangelischen Stadtkirche Calw

Artikel von Sebastian Giebenrath
20.08.2002


Zum Anlass der Baltikumtage erlebte das Publikum in der evangelischen Stadtkirche zu Calw „Baltische Impressionen“.

 
  
Kirchenbänke ein komfortables Möbelstück zu nennen, wäre sicherlich etwas zu weit gegriffen. Das scheiterte schon allein an der schmalen Sitzfläche, deren vordere Außenkante sich mit zäher Beharrlichkeit in der Mitte der Oberschenkel bemerkbar macht – je länger, desto tiefer. Nun sollen Kirchen von ihrer Zweckbestimmung aufrichtiger Gewissenserforschung her ja auch nicht unbedingt den Luxus behaglichen Lagerns bieten. Doch andererseits kann sich die physische Drangsal frommen Gebälks mit wachsender Sitzdauer auch als störend erweisen, wie nun bei einem Konzert in der halb gefüllten evangelischen Stadtkirche zu Calw.

Dort nämlich waren „Baltische Impressionen“ angesagt, ein über zweistündiges Programm ohne Pause. Anlass dazu waren die von den Veranstaltern des Hesse-Festivals eingeplanten Baltikumtage. Eingedenk von Hesses Großvater väterlicherseits, Carl Hermann Hesse – einem Landarzt, kaiserlich-russischen Staatsrat und pietistischen Prediger – war die Idee geboren worden, auch diesen biographischen Aspekt des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse gebührend zu berücksichtigen. So gastierten die litauische Organistin Jurate Landsbergyte, Tochter des vormaligen litauischen Staatspräsidenten, und das St. Christopher Chamber Orchestra of Vilnius unter der Leitung von Donatas Katkus in Hesses Heimatstadt. Cornelia Monske, Marimbaphon, und der Flötist Carsten Husted – beides Lehrkräfte an Calws Musikschule – ergänzten das Aufgebot baltischer Musiker.

Frische, Durchhörbarkeit, rhythmisches Abfedern und ein zumeist tontreues, lichtes Klangbild kennzeichnen das Kammerorchester, das einleitend aufwartete mit der Wiedergabe des Orchesterquartetts C-Dur von Carl Stamitz. Eigens zum Calwer Auftritt komponiert hat Osvaldas Balakauskas (geb. 1937) ein dreisätziges „Concerto variabile“ für Flöte, Marimbaphon und Streicher. Die Uraufführung machte bekannt mit einem Komponisten, der gewißlich nicht gerade zu den impulsgebenden Neuerern im Musikleben zählt, doch in der sauberen Handwerklichkeit seines Schaffens beachtenswert ist. Das in den beiden flotten Ecksätzen stark an Orff, im langsamen Mittelsatz an späten Debussy erinnernde Werk stellt an die Solisten keine allzu virtuosen Anforderungen, weiß aber in seinem tonalen Duktus durchaus für sich einzunehmen – freundliche Sommerlandschaften mit Blumenwiesen, Bienensummen, Wolkenschatten, Wassergeriesel und dem Rucksen des Taubers vom Waldessaum.

Im Bereich spätromantischer Tonschöpfungen bewegten sich auch viele weitere Programmpunkte, darunter die Ballade für Flöte und Orgel von Carl Carsten Reinecke, das Andante für Flöte und Orgel aus dem Zyklus “Das Meer“ des Malers und Komponisten Mikalojus Konstantinas Ciurlionis, für dieselbe Besetzung auch drei liebliche Pastoralen in Charakterstückmanier von Heino Eller, sowie folklorefundierte Stücke von Imants Zemzaris – durchweg handwerklich solide und angenehm im Ohr, zumal der Flötist feine Farbvarianten und aufblühenden Ton kultivierte. Aufmerksamkeit verdienten auch die Sonate „Ad Patres“ von Bronius Kutavicius und zwei estnische Volkslieder von Edgar Arro für Orgel solo.

Beschwingter, präzise herausgespielter Abschluss: die „Toccata Diavolesca“ für Streicher des litauischen Zeitgenossen Jonas Tamulionis. Liebenswürdiger Beifall und zwei Zugaben.

Sebastian Giebenrath

Quelle: www.hhesse.de