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„“ von
Gedanken von Bettina.

´“Frei von Absicht betrat er die Kirche.“ - komprimierte Ausgangssituation des ungewöhnlich präzisen Textes von T.S., der den Titel „Selbsttaumel“ trägt und dem erwartungsvollen Leser eine Reihe von Überraschungen bietet, Überraschungen inhaltlicher und stilistischer Natur. „Selbsttaumel“ – was kann das sein? Etwas, was man selbst verursacht und das eine schwindlige Empfindung hervorruft? Der Autor hält uns in dieser kleinen Prosastudie eine ganze Weile hin, bis wir des Rätsels Lösung erfahren: In der Stille einer leeren Kirche, in die er mehr oder minder unsicher geschwankt ist, hallen alle verursachten Geräusche doppelt und dreifach, und der Protagonist gerät schließlich aus dem „Selbsttaumel“, da das Geräusch seiner Lederjacke, das sich an den Wänden bricht, so merkwürdig klingt, dass ihm schwindlig wird, aber nicht körperlich wie zu Beginn des Textes, sondern so wie ein heilsames Rütteln und Schütteln, danach kommt er zu großer Klarheit und Ruhe und kann sogar „die Stille hören.“....Und da wären wir schon bei der Thematik des Textes: Wie kann der gehetzte moderne Mensch mit der Erfahrung von Stille und Ruhe fertig werden, und wie kann er selbst zur Ruhe kommen? Im Text gelingt es dem Protagonisten dadurch, dass er beginnt, alles wieder neu, von einem ungewohnten Standort aus und sehr intensiv zu hören und über die Geräusche auch nachzudenken, er wird sich seiner Sinne bewusst und entspannt sich, beruhigt sich. Wie bei Entspannungsübungen hört er in sich hinein, sich selbst zu und kommt zu sich, zu seiner Mitte.

Nicht ungewöhnlich, dass in einem literarischen Text ein Mensch eine Kirche aufsucht und dort lebenswichtige Erfahrungen macht: Man denke nur an die Domszene in Kafkas Roman „Der Prozess“, und auch Carl Zuckmayer lässt in der „Fastnachtsbeichte“ wichtige Handlungsteile im Dom spielen, die Reihe wäre noch weiter fortzusetzen, etwa der Dom, wo Gretchen im „Faust I“ bereut oder die Szene der Königinnen im Nibelungenlied vor dem Dom .Die Kirche als vieldeutiger Anziehungsort, der Stille, Kerzengeruch, „Heiligkeit“ aber manchmal auch Düsternis und Modergeruch (Romantik) verbreitet, hier wird auch diese Erwartung des Lesers bedient, jedoch in einer überraschenden, modernen Weise. Es ist nämlich nicht die Kirche, die den erzählerischen Wendepunkt hervorbringt, sondern der wandernde Protagonist selbst, das Kirchenschiff ist nur der Spiegel der eigenen Persönlichkeit. Und so lässt T.S. bei der Beschreibung des Verhallens des merkwürdigen Lederjackentons und der Akustik gleich eine räumliche, sehr plastische Darstellung der baulichen Schönheiten der Kirche einfließen, der Ton springt sozusagen von einem Anziehungspunkt zum anderen, erfasst das innere Auge des Lesers.
Und da wären wir bei den stilistischen Bonbons, die der Text uns zusteckt: herrlich ungewöhnliche Metaphern (das Geräusch klang „Wie eine einreißende Eierschale, die überall Risse produziert, von riesigem Ausmaß.“), eine ausschweifende Verwendung von meist zwei oder gar drei Adjektiven („Es klang hart, abgehackt, andauernd, sich ständig erneuernd knirschend, jedoch irgendwie schön.“) sowie die Beschreibung des Kircheninnern vermittels Gerundien und Adjektiven („zartrosa majestätisch anmutende Säulen...bunt funkelndes Deckenfresko...golden glitzernder Altar... edel hölzern schimmernder Chor...große himmelfarbig blinkende Fenster...silbrig warmklingende Orgelpfeifen...“) sowie das Nutzen der rhetorischen Mittel des Zwei- oder Dreischritts („Unmöglich, es in sein Gegenteil zu verkehren, unmöglich, es zu begreifen.“ -„Er torkelte, er taumelte, ihm schwand der Sinn für Gleichgewicht.“). All das kennen wir von romantischen oder auch realistischen Texten, Novalis oder Raabe wären zu erinnern, zum Beispiel. Man gewinnt den Eindruck, dass T.S. ein sehr ausgeprägtes, sicheres Stilempfunden bei der beschreibenden Erzählung an den Tag legt.

Die Dinge werden dem Leser so dargestellt, dass sie Leben gewinnen, eine dichte Atmosphäre erzeugen und zur Spannung beitragen. Diese Spannung löst sich erst am Ende des Textes, wo der Wanderer die Stille endlich aushalten kann, im Gegensatz zum Beginn, wo es noch über ihn hieß: “Diese Ruhe, sie reizte ihn, sie machte ihn nervös, unruhig und er fühlte sich schuldig und schlecht.“ Er verlässt die Kirche mit dem Gedanken: „Tatsächlich, ich höre die Stille.“ Absurd? Nein, gar nicht!

Möge uns dieser Text unsere eigene innere Unruhe und Gehetztheit vor Augen halten und uns erkennen lassen, dass es unendlich gut tut, von Zeit zu Zeit einen ruhigen, besinnlichen Ort aufzusuchen, um zu uns selbst zu kommen, möglicherweise auch die naheliegende Kirche. Aber nicht der Ort ist das Ausschlaggebende, sondern unsere innere Verfassung, die wir dort in Augenschein nehmen. „Die Stille aushalten, sie hören“ – es könnte ein Weg zum Annehmen der eigenen Person sein, zu mehr Gelassenheit.


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