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Augenblicke des Laechelns
- von Nathaniel



Augenblicke des Laechelns

Die Haende fallen mir als erstes auf. Haende von deren Ansehen man nicht direkt sagen kann, welcher Arbeit der Besitzer nachgegangen sein mag. Die Naegel sind sauber gestutzt. Den duennen weissen Rand uebriglassend.
Was ist der Grund, der mir die Haende so auffaellig erscheinen laesst? Das Ungewoehnliche, Blickfangende ist die staendige, unstehte Bewegung in der die Finger begriffen sind. Wie kleine Spatzen, die Koerner pickend auf dem Boden tanzen.
Waehrend die linke Hand in einem losen Griff die Zeitung umfasst und ihre Finger abrupte Trommelwirbel aufs Papier prasseln lassen, spielt dir rechte Hand mit einem blauen Kugelschreiber. Dieser steht nicht still. Im Gegenteil. Mal faehrt er vertraeumt und nachdenklich die Linien der verschiedenen Artikel nach, mal pausiert er nervoes zitternd, nur um im naechsten Augenblick um so ueberraschender mit einer schnellen Bewegung auf eine bestimmte Frage oder ein gewisses Kaestchen des zuloesenden Kreuzwortraetzels zu zustossen und darueber zu verharren. Die tintenbewehrte Spitze nur Millimeter vom bedruckten Papier entfernt. Diese Unterbrechung im taenzelnden Spiel der Finger dauert nicht lange an, schon geht die wilde Fahrt weiter.
Der linke Ellbogen, und damit auch die Zeitung, ruht auf einer schwrazen Ledertasche, die flach auf den Knien aufliegt. Die rechte Hand ist viel zu beschaeftigt, um ihrem Ellbogen eine Pause zu goennen.
Es ist ein grauer Anzug, fast so grau wie die Zeitung, aus dem die beiden viel beschaftigten Haende ragen. Grau ist auch das Hemd, welches nicht richtig zugeknoepft ist.
Mit einem Stirnrunzel, das eine wahre Gebirgskette ueber den braunen Augen entstehen laesst, beginnt der Stift taenzelnd und von Zeit zu Zeit auf eines der Kaestchen tippend, ueber das Kreuzwortraetsel zu wandern. Der Mund spannt sich an. Worte wollen heraus, aber es ist kein Wort, welches durch die gespitzten Lippen an mein Ohr dringt. Mer ein einzelnes Geraeusch, ein Ton der Verwunderung, vielleicht auch der Resignation.
Aber nein, da lichten sich die zusammengezogenen Augenbrauen wieder. Ein kleines Laecheln spielt um die Mundwinkel und einen kurzen Moment stehen die Finger still. Fuer einen kleinen Augenblick der Spannung, wohl nur eine Sekunde, verharrt der ganze Mann in der ueberraschenden Stille seiner Entdeckung.
Der Moment verstreicht und schon beginnt der Stift mit blauer Farbe und flinken Bewegungen Buchstaben in ehemals leere Kaestchen zu krizzeln. Die Finger vollenden ihre Arbeit und fuer die Dauer eines Laechelns faellt all die Spannung von dem alten Gesicht ab, wird fuer eine Sekunde der Stift gesenkt und das anstrengende Kramen in einem aelter werdenden Gedaechtnis vergessen. Ein Atemzug. Eine wohlverdiente Pause.
Doch unaufhaltsam wandern die braunen Augen zur naechsten Frage. Sie suchen die Herausforderung. Der Geist will nicht rasten, wo der Koerper sich nach Ruhe sehnt. So verblasst das Laecheln und die Gebirgsketten der Denkerstirn werden erneut aufgeworfen.

Der Bus haelt abrupt an und mit einem Zischen schwingen die Tueren nach innen.
Meine Station. Ich muss gehen.
Mit langsamen Schritten steige ich die metallenen Stufen herab auf den steinernen Gehsteig. Hinter mir fahren die Tueren zurueck und schliessen mit einem dumpfen Klack. Der Motor brummt auf und der Bus setzt sich in Bewegung. Als ich mich umdrehe und ihm nachschaue kann ich durch die Spiegelungen der vorbeiziehenden Schaufenster sehr blass und undeutlich das Gesicht des alten Mannes erkennen. Er ist immer noch ueber die Zeitung gebeugt. Nachdenklichl.
Er schaut nicht auf. Auch nicht als der Bus scharf bremst. Sein Oberkoerper schwankt nur leicht vor und zurueck. Ungestoert.
Hat er ueberhaupt bemerkt, dass ich da war?

K.

 



 
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