HERMANN HESSE

  Name:
  Passwort:
 
 
 
 
 
  Autorentreff
 

Literarischer Austausch unter Morgenlandfahrern

 

Besuchen Sie auch:









      
 
Start/Artikel
Forum
Autorentreff
Das Werk
Gedichte
Referate/Schule
Weitere Infos
Hesse-Links
Über
Kontakt
   
 
   Fragen stellen
   Referate
   Arbeiten
 

Flucht
- von NaimED



Flucht

1:
Immer wieder hämmerte das Geräusch auf sein Trommelfell ein. Es machte ihn verrückt und hielt ihn davon ab auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Sinne waren verwirrt, es schien, als würde das Geräusch seinen ganzen Körper in Anspruch nehmen. Seine Finger verkrampften, er zog die Schultern hoch, als wollte er mit ihnen seinen Kopf vor dem Geräusch schützen. Doch nichts half. Es drang in ihn ein, in seine Organe, seine Gedanken und seine Seele. Es brannte sich ein, fraß sich voran, bis es, in all seiner zerstörerischen Härte sein Herz traf, als sollte es brechen, in hunderttausende Stücke zerspringen und nicht mehr fähig sein sich zu regenerieren. Die Tränen standen ihm in den Augen und er wusste nicht, wie er dagegen ankämpfen konnte.
Doch plötzlich war das Geräusch verklungen und die Spannung löste sich. Langsam konnte er wieder klar denken und bekam seinen Körper wieder unter Kontrolle. Nach wenigen Sekunden hatte er sich wieder von der Stase befreit, in die ihn das Geräusch versetzt hatte. Er fasste seine wenigen Besitztümer, rannte aus dem Raum, schmiss die Tür hinter sich zu und verließ das Haus über die Treppe, obwohl er normalerweise den Aufzug benutzte.
Auf der Straße hörte er das Geräusch wieder, diesmal etwas weiter entfernt, trotzdem drohte sein Körper wieder zu erstarren. Aber er fasste einen letzten festen Gedanken: "WEG!" Denn etwas anderes war für ihn nicht mehr möglich. Trotz des Schocks, den das erneute Geräusch in ihm auslöste, nahm er seine Beine in die Hand und lief ohne jegliche Orientierung und ohne jeglichen Plan einfach los.

2:
Er war bereits einige Stunden gelaufen, als er ein Waldstück erreichte. Einige Male hatte er das Geräusch noch gehört, aber er wollte nur weg und ließ sich nicht ablenken.
Als er schon ein ganzes Stück in den Wald gelaufen war, spürte er das Bedürfnis sich auszuruhen. Er war doch schon lange gelaufen und brauchte etwas Ruhe und etwas Stärkung. Auf einem umgestürzten Baum ließ er sich nieder, nahm den Proviant aus seiner Tasche, ein Wurstbrot, dass er sich schon vor Tagen gerichtet hatte. Das Brot war hart und die Wurst schmeckte nicht mehr frisch, aber das war ihm egal, denn er wusste, das es für einige Zeit das letzte sein würde, das er zu essen hätte. Die kleine Flasche voll Wasser, die sich ebenfalls in seiner Tasche befand, würde auch nur für wenige Tage reichen. Geräusche waren hier im Wald keine zu hören, was ihn beruhigte, da er sich einigermaßen sicher fühlte. Seine Beine schmerzten und er beschloss erst einmal einige Stunden zu schlafen um seinen Körper auszuruhen und neue Energien für den Rest seines Weges zu tanken.

3:
Er hatte erst wenige Stunden geschlafen, als sein Schlaf durch unübliche, laute Geräusche jäh unterbrochen wurde. Es waren nicht die selben Geräusche, die er bei sich zu Hause vernommen hatte, doch auch sie machten ihm Angst und paralysierten ihn. Es waren die Geräusche von Stiefeln, die heruntergefallene Zweige knacken ließen und das heruntergefallene Laub durcheinander brachten. Er setzte sich auf, packte seine Sachen zusammen, steckte sich alles unter sein Hemd und suchte Schutz hinter dem Baum, auf dem er zuvor gesessen war. Kurz darauf traten einige Gestalten aus dem Baumgewirr heraus, alle bewaffnet und in Uniform, eine Sprache sprechend, die er nicht verstand. Sein Herz klopfte immer lauter und er hatte Angst, dass sie es hören könnten. Doch sie gingen an seinem Versteck vorbei, ohne auch nur den geringsten Anteil zu nehmen. Als er sich in Sicherheit wägte, verließ er sein Versteck und rannte weiter, in irgendeine Richtung, denn irgendwann musste die Grenze kommen, die für ihn Freiheit und Sicherheit bedeutete. Er rannte aus dem Wald heraus und kam in die Nähe eines Gebirges. Es war gewaltig, es war atemberaubend, der Anblick der absolut majestätischen Berge, die in ihrem Alter von nichts im Land übertroffen wurden und die voller Stolz und Weisheit auf das Land und seine Geschichte herabblickten, war hypnotisierend und strahlte eine Sicherheit aus, die ihm seit Jahren in seinem Land fehlte. Doch er hatte nicht die Zeit die Berge länger zu betrachten, er musste der frevelhaften Versuch begeben, sie zu bezwingen und zu überqueren, sie, die Herren dieses Landes.

4:
Er war nun schon vier Tage unterwegs, drei davon im Gebirge, das ihn vor Herausforderungen stellte, mit denen er vor Beginn seiner Reise nicht gerechnet hätte. Zu seinem Glück fand er am zweiten Tag eine kleine Quelle, an der er seine Wasserflasche auffüllen konnte und sich waschen konnte. Doch dies war der einzige Glücksfall bisher gewesen. Die Temperaturen sanken immer mehr, je höher er stieg und die Luft wurde immer dünner, das Atmen fiel ihm schwer, der Hunger plagte ihn und wenn er sich nur kurz zum Ausruhen hinsetzte, fielen ihm die Augen fast zu. Doch er durfte nicht schlafen. Er musste weiter gehen, klettern und laufen, er musste weg, musste das Gebirge hinter sich lassen, dann konnte es nicht mehr weit sein. Doch sein Wasservorrat wurde immer knapper und das zehrte immer mehr an seinen Kräften. Sein ganzer Körper war von Schürfwunden bedeckt, die er sich bei den zahlreichen Stürzen, die er erlitten hatte, zugefügt hatte.
Er wollte nur durch das Gebirge, aber mit jedem Berg, den er irgendwie überwand, tauchte ein neuer, noch größerer auf, den er zu bewältigen hatte. Der Gipfel des ersten Berges hatte er bereits am ersten Tag hinter sich gelassen, die Bezwingung des zweiten Berges zog sich über zwei weitere Tage hin weg. Als er den Berg sah, den er gerade versuchte zu bezwingen, stellte ihn das vor neue Herausforderungen. Er war der höchste und steilste der drei und wirkte um einiges lebensfeindlicher als die anderen beiden. Doch er ließ sich nicht aufhalten. Selbst wenn ihn der Aufstieg noch einige Tage fordern würde, er würde es schaffen. Er würde die Grenze erreichen, er würde frei sein.

5:
Drei Tage befand er sich auf diesem Berg und die Wasserflasche war schon seit langem leer. Seine Glieder schmerzten, sein Puls raste und sein Wille war zwar noch nicht gebrochen, doch wurde von Minute zu Minute schwächer. Er blickte gen Himmel, wollte sich aufgeben und hoffte mit dieser finalen Geste den Willen Gottes zu ändern oder diesen wenigstens dazu bewegen, ihn in sein Reich aufzunehmen. Doch gerade als er hoch blickte, sah er es: das Gipfelkreuz. Nur noch wenige Meter über ihn, war der Gipfel, der Berg war bezwungen. Doch schon bald schlug seine Freude in Zweifel um. Würde diesem Gipfel nicht noch ein höherer folgen, eine größere Anstrengung, der er nicht gewachsen war? Würde er den Abstieg schaffen?
Doch Zweifel brachten ihm nichts, er musste es herausfinden, das wäre die einzige Möglichkeit. Seine letzten Kräfte sammelnd kämpfte er sich empor, umfasste das Gipfelkreuz mit beiden Händen und zog sich an ihm hinauf. Was er sah, machte ihn glücklich. Kein weiterer Berg, nein, die Grenze lachte ihm am Horizont entgegen, ein See tat sich am Fuss des Berges auf und der Abstieg führte ihn an einem Fluss vorbei, der durch eine Wiese floss, nur einige hundert Meter unter ihm. Nun würde es nicht mehr lange dauern.

6:
Kaum hatte er den Fuss des Berges erreicht, war ihm, als fiel eine tonnenschwere Last von seinen Schultern. Nur noch wenige hundert Meter Steppe und er hätte es geschafft, Freiheit, Sicherheit und Geborgenheit, all dies lag nur wenige Meter von ihm entfernt, er würde, nein müsste es schaffen. Seine Beine taten ihm weh und das Atmen fiel ihm schwer, aber der Wille war da und das reichte ihm als Ansporn. Seine letzten Kräfte sammelnd lief er los, lief so schnell er nur konnte und erreichte die Grenze. Er war frei von Sorgen, frei von seinen Ängsten, hier würde er sicher sein, ein neues Leben beginnen können und sich nie wieder fürchten müssen.

7:
Doch sein Traum von Freiheit scheiterte an einem Grenzposten. Der junge Soldat erfüllte nur seine Pflicht, als er den Eindringling erschoss, der versuchte über die Grenze zu kommen und auch auf mehrere Zurufe und Aufforderungen nicht halt machte. Es war ein sauberer Treffer mitten in den Brustkorb. Der junge Soldat begrub ihn knapp an der Grenze.

 



 
Kurzbewertungstendenz:
(8 Stimmabgaben)

 

Um dem Autor einen Kommentar zu seinem Text zu schreiben, klicke auf seinen Nicknamen unter der Überschrift und schreibe ihm eine private Nachricht. Du kannst dich auch im Forum anmelden, um mit anderen Mitgliedern zu diskutieren.

Lyrik

  Morgenlandfahrer: 1416
 
Info: deutsch englisch französisch spanisch italienisch polnisch ungarisch tschechisch türkisch
 
 
Termine:
 
<< Januar 2018 >>
M D M D F S S
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31        

Termin eintragen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
 
 
 
 
   

 


© 2004-2010 hhesse.de  |  Impressum  |  Kontakt:  |  Technische Umsetzung: www.ifeelweb.de