HERMANN HESSE

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Liebe Welt
- von NaimED



Liebe Welt

Eines Tages fand ich einen gut zusammengefalteten Zettel unter den Papieren und dem Büromaterial, das der Vormieter in der Wohnung hatte liegen lassen, als er aus unerklärlichen Gründen – oder zumindest wollte man sie mir nicht erklären – ausgezogen war. Das meiste davon war noch brauchbar, also warum nicht für eigene Zwecke benutzen? Als Student muss man sowieso an allen Ecken und Enden sparen, Schnellhefter und Ringmappen sind teuer, also warum nicht die meines Vorgängers benutzen?
Der Tag an dem ich dieses kleine Stückchen Papier fand hatte nicht gut angefangen, nämlich zu früh. Ich hatte noch eine Übung in klassischer Metaphysik zu machen, mindestens 1000 Wörter, aber weil der Tag – besser der Abend – davor ein sehr „studentischer“ war und ich ihn in „Schweiger´ s Bierinsel“ verbrachte, blieb mir nur der Morgen dieses Tages als Möglichkeit, die aufgeschobene Arbeit zu erledigen. Um 6Uhr morgens, also durchaus um eine Zeit die man im Volksmund als „unchristlich“ bezeichnet, war ich bereits wach, wenn man das so nennen kann und ging ans Werk. Um 13 Uhr musste alles fertig sein, das war schwer aber machbar. Viereinhalb Stunden und 4 Liter Kaffee später war das Werk vollbracht, mehr oder weniger gelungen und bereit dazu eingeheftet zu werden. Als ich zu einem der Schnellhefter aus dem Nachlass griff, fiel aus ebendiesem das kleine Stück Papier. Ich hätte es wohl gleich weggeworfen, wäre es nicht gefaltet gewesen und gefaltete Blätter machten auf mich schon immer den Eindruck, als sollten sie etwas verbergen. Der Zettel stellte sich auseinandergefaltet als ziemlich großes Stück Papier heraus und mich wunderte es doch, dass man etwas so großes auf einen Bruchteil seiner Größe zusammenfalten konnte.
Von oben bis unten war es beschrieben. Eine sehr künstlerische Handschrift, die sich hier mit schwarzer Tinte ausdrückte. Etwas schriftliches vom Vormieter, vielleicht etwas persönliches oder ein Liebesbrief, das musste ich lesen.

„ Liebe Welt,

In den letzten 26 Jahren hast du dir ja einen ganz schönen Spaß mit mir gemacht. Vielleicht hatte ich es auch nicht anders verdient, als meine Mutter bei der Geburt zu verlieren und meinen Vater nur zwei Monate später. Und das meine Zieheltern mich schikaniert haben, weil ihre eigenen Kinder ihnen wichtig waren, ich allerdings nicht. Und als ich von der Schule flog, weil ich den Direktor geschlagen habe, als er versuchte mich zu missbrauchen. Und dann die unzähligen Jobs und Beziehungen, bei denen ich nie lange blieb, weil irgendetwas nicht passte. Sag mir, liebe Welt, ist das nicht großartig um sich zu amüsieren?
Ich habe versucht alles auf das Schicksal zu schieben, man kann es ja nicht ändern, alles von Gott vorherbestimmt, zumindest dachte ich das eine Zeit lang. Aber nach und nach entdeckte ich, dass das Schicksal oder Gott oder was auch immer, einfach ein sarkastisches Arschloch ist, dass es auf mich abgesehen hat. Tja, liebe Welt, das ist die schreckliche Wahrheit. Lustigerweise nur mir gegenüber, allen anderen geht es besser. Klingt jetzt verdammt melancholisch, aber es ist mir aufgefallen, dass für jede schlechte Erfahrung, die ich gesammelt habe, ein anderer zwei positive machte. Wieso sind meine Freunde alle glücklich und ich nicht, liebe Welt? Erklär mir, was ich angestellt habe, dass ich jetzt leiden muss. Gut, ich sehe ein, dass es nicht in jedem Leben nur rosige Zeiten geben kann, dann wäre das Leben ja wahrscheinlich langweilig.
Aber das ist zuviel liebe Welt! 26 Jahre lang nur Pech und Trauer, 26 Jahre lang nur Schmerz, nein, das geht nicht, das kann kein Mensch aushalten. Mein Freund Alfred meint immer, dass all das doch nur Zufälle sind. Es hätte auch ganz anders in meinem Leben kommen können, nur war die Natur halt gegen mich. Hab ich denn so ein schlechtes Karma? Du, liebe Welt, bist gegen mich, das hat Alfred gemeint. Also schreibe ich dich direkt an, um unser Verhältnis auf eine freundschaftlichere Ebene zu bringen. Wir kennen uns jetzt seit ich auf dir bin und unter deinen Geschöpfen wandle, also denke ich, dass ich dir nicht unbedingt viel über meine Person erzählen muss. Aber ich weiß kaum etwas über dich. Was machst du gerne in deiner Freizeit? Welche der Farben ist dir die liebste? Kannst du überhaupt sehen und fühlen? Was sagst du zu Umweltverschmutzung und Tierschutzgesetz? All das möchte ich wissen und frage dich hiermit. Lass uns beide einmal treffen, damit du mir alle meine Fragen beantworten kannst. Zeitpunkt und Ort lass mich bestimmen, ich glaube kaum, dass ich dir aus dem Weg gehen kann.

Liebe Grüße,
Daniel

P.S.: Wer immer das hier finden sollte, bitte gib den Brief meinen Eltern.“

Ich sollte den Brief seinen Eltern geben? Aber er selbst hatte geschrieben, dass die beiden tot wären, Tote haben keine Adresse und sind auch so nicht gerade in der Verfassung, einen Brief zu lesen. Er wird seine Zieheltern gemeint haben, aber dass er die beiden als seine Eltern bezeichnet, nachdem sie so gehässig ihm gegenüber waren? Na ja, es scheint doch nicht so schlimm gewesen zu sein.
Noch am selben Abend fing ich an, Daniels Zieheltern zu suchen. Ich fragte die Vermieterin, ob sie denn noch den Familiennamen meines Vormieters wusste, er hätte etwas in der Wohnung liegen lassen, das ich ihm jett zu seinem neuen Wohnsitz schicken wolle. Sie meinte anfangs, dass das streng vertraulich sei und mich nichts angehen würde, doch nach einer halben Stunde konnte sie meinen Überredungskünsten nicht mehr widerstehen. Gut, ich hatte ihr versprochen im Tausch gegen den Namen einen Monat lang das Stiegenhaus zu fegen, aber ich hatte den Namen: Wohorka. Ich suchte im Internet, im Telefonbuch und selbst in den Todesanzeigen, doch nirgendwo begegnete mir dieser Name. Es schien, als würden Daniels Zieheltern einfach verschwunden sein.
Ich beschäftigte mich noch einige Tage mit dem Problem dieses Namens und schließlich kam mir die Idee, dass Daniel denn Namen möglicherweise geändert haben könnte um Distanz von seinen Zieheltern zu halten. Mit Hilfe eines mir befreundeten JUS Studenten bekam ich Einsicht in die Unterlagen zur Namensänderung der Stadt Wien, was mich auch einiges an Bestechungsgeldern und Bettelei kostete. Im Magistratsgebäude war ein ganzer Raum voll, nur mit den Ordnern der letzten vier Jahre. Ich fragte den Beamten, der mich hinführte, ob sie die Daten nicht auch in einer elektronischen Datenbank hätten. Er meinte, dass es so sei, nur ich in diese keine Einsicht erhalte, wobei er einen Grinser aufsetzte, der ihm förmlich das Wort „bestechlich“ ins Gesicht zauberte. 100 Euro und fünfzehn Minuten später saß ich an einem PC in einem der unzähligen Räume in der Magistratsabteilung, hatte vor mir eine Datenbank offen und suchte in dieser nach dem Namen Howorka. Irgendwie überraschte es mich, dass ich so viele Einträge fand, aber zuvor nichts gefunden hatte, im Telefonbuch gab es wie gesagt keinen einzigen. Doch hier in der Datenbank zeigte sich der Name sicherlich 12 mal. Und dann fand ich Daniel: „Daniel Weißmüller, zuvor Bauer, Eltern verstorben, lebte unter Aufsicht der Familie Weißmüller, geboren am 17. September 1980, wohnhaft in der Schönbrunnerstraße 15, 1120 Wien, beantragt seine Namensänderung von Weißmüller in Howorka.“ Also Weißmüller. Doch irgendwie kamen in mir wieder Zweifel auf, ob denn Daniel in seinem Brief wirklich seine Zeiheltern meinte, denn wen doch, wieso ließ er seinen ändern? Zumindest hatte ich jetzt den Anhaltspunkt „Weißmüller“, auch wenn es davon circa 100 Adressen im Telefonbuch gab, eine müsste es sein. Dann könnte ich vielleicht auch ausfindig machen, wo Daniel im Moment war. Mit 30 Euro in 20 Cent Münzen, der Bankangestellte am Schalter hatte mich enorm verdutzt angesehen, stellte ich mich in eine Telefonzelle – ich wollte meine Handyrechnung nicht zu sehr überlasten – und begann einen Weißmüller nach dem anderen anzurufen. Zu meinem Glück war bereits der dritte Eintrag im Telefonbuch der richtige, sie kannten Daniel, ich sprach mit der Mutter seines Ziehvaters: „Jaja, der Daniel, ein lieber Bub, aber immer so ein trauriges Gesicht. Nein wo der ist weiß ich nicht, aber ich kann dir mal die Handynummer meines Sohnes geben, vielleicht weiß der mehr.“ Höflich bedankte ich mich für die Nummer, legte auf und fragte mich, was ich mit den restlichen 20 Cent Münzen machen sollte.
Herr Weißmüller klang am Telefon sehr nett und schien es zu lieben zu erzählen. Er erzählte mir, dass Daniel im Alter von 6 Monaten zu seiner Familie gestoßen war und dass er eifersüchtig war, als dann, als er 5 Jahre alt war, die Ziehmutter ein kleines Mädchen Gebar, Katharina, die von da an der Sonnenschein der Familie war. Daniel tat damals alles um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Anfangs dachte die Familie, dass er nur in den Flegeljahren sei, allerdings gab sich das nicht mit der Zeit, ganz im Gegenteil. Je älter Katharina wurde, desto schlimmer wurde das Verhalten von Daniel. In der Schule verbreitete er schlimme Gerüchte über sie und wollte nichts anderes, als dass die Eltern sie vor Empörung fallen ließen um sich ihm wieder zu widmen. „Er war eben sehr liebesbedürftig“, meinte Herr Weißmüller, von Gram oder Unzufriedenheit war keine Spur in seiner Stimme. „Natürlich kannst du vorbeikommen, ich würde mich freuen. Aber sag, du hast erzählt, dass du Daniels Nachfolger in seiner Wohnung bist. Wo ist er denn?“ „Ich hatte gehofft, dass sie mir das sagen könnten, das weiß ich nicht. Ich habe nur einen Brief von ihm gefunden, in dem er meint, man solle ihn seinen Eltern geben.“ „Aha! Da bist du bei mir allerdings an der falschen Adresse, er hat mich und meine Frau nie als seine Eltern angesehen, eher als eine Art Tante und Onkel, bei denen er die Ferien verbrachte. Lange Ferien. Schon als er zu uns kam schien er zu wissen, dass er nicht unser leiblicher Sohn ist. Als wir ihm dann erzählten, dass wir nur seine Zieheltern seien, verzog er keine Miene und meinte nur: „Das überrascht mich nicht.“ Aber die Einladung steht trotzdem noch. Wenn du einmal Zeit haben solltest kannst du gerne vorbeischauen, du scheinst ja der letzte sein, der etwas mit Daniel zu tun hatte. Vielleicht können wir ihn gemeinsam finden.“ Ich nahm das Angebot dankend an und wir vereinbarten einen gemeinsamen Termin zuhause bei den Weißmüllers, gleich am nächsten Wochenende.
Das Haus der Weißmüllers lag im 19. Bezirk, einer richtig schönen Gegend, die allgemein als ein Nobelbezirk Wiens angesehen wird. Ich wurde herzlich begrüßt vom Ehepaar Weißmüller begrüßt, bekam schnell das „Du“ – Wort und einen Kaffee angeboten. Der Kaffee war sowieso bitter nötig, nachdem ich am Abend zuvor doch etwas übertrieben hatte, was meinen Alkoholkonsum anging. Mit dröhnendem Schädel und einem etwas flauen Gefühl im Magen saß ich da und musste mir Kinderfotos von Daniel ansehen. Vom Tag an dem er zu der Familie kam bis zu dem Tag als er auszog, eine kleine Chronologie, im Fotoalbum liebevoll eingeklebt und jedem ein Titel hinzugefügt, der mal lustig, mal erklärend und manchmal ein kleiner Auszug aus irgendeinem Kinderlied oder Kinderreim war. Daniel war ein hübscher Junge, er war schlank, hatte blonde Haare und grüne Augen und auf den Fotos, auf denen er lachend zu sehen war, was er auf den meisten nicht tat, konnte man deutlich seine Grübchen erkennen. Auf den meisten der Fotos allerdings hatte er einen traurigen Blick ins Leere aufgesetzt. Schließlich kamen wir auf den eigentlichen Grund unseres Treffens zu sprechen: Daniels momentanen Aufenthaltsort. Seine Zieheltern meinten, er habe sich seit ca. einem Jahr nicht mehr gemeldet, sie wussten gar nicht, dass er aus der Wohnung ausgezogen war. Auf die Frage, ob er Freunde habe, bei denen er untergekommen sein könnte, meinten die Eltern: „Na ja, wenn er Freunde hatte, dann nur welche, die uns nicht bekannt sind. Aber wir könnten Katharina fragen.“ Auf den Ruf der Mutter folgte ein genervtes „Was ist?“ und kurz darauf hörte man eine Tür im ersten Stock des Hauses aufgehen. Katharina war Anfang zwanzig und wunderschön. Sie hatte dunkle Haare und braune Augen, war recht groß und in diesem Moment sichtlich verwundert über meine Anwesenheit: „Wer ist das? Warum ladet ihre wildfremde Leute zu uns nach Hause ein?“ „Das ist ein Freund von Daniel!“ meinte die Mutter. Ich wollte einwenden, dass ich Daniel ja gar nicht wirklich kannte und Freund somit ein sehr weit hergeholter Begriff wäre, aber Katharina kam mir zuvor: „Daniel hat keine Freunde, bis auf diesen komischen Alfred, aber der ist voriges Jahr nach Stockerau gezogen, mit seiner Freundin und die mag Daniel nicht. Außerdem sah Alfred ganz anders aus.“ „Sonst hatte Daniel wirklich keine Freunde?“, meinte ich, als der Vater anscheinend gerade zu einer tadelnden Rede ansetzen wollte, „aber in seinem Brief...“ „Was für ein Brief?“ meinten Mutter und Tochter wie aus einem Munde. „Ach ja, das habe ich vergessen euch zu erzählen. Er hat sich ja auf Grund eines Briefes an Daniels Ferse geheftet. Hast du den Brief mit?“ Natürlich hatte ich ihn mit, immerhin traf ich Daniels „Eltern“, auch wenn sie sich selbst nicht als diese sahen. „Ich würde ihn gerne lesen, meinte Katharina. Auch der Vater und die Mutter waren ganz gespannt auf das erste Lebenszeichen von Daniel, dass sie seit langem bekommen hatten. Als sie den Brief gelesen hatten, verfinsterten sich ihre Mienen, eine nach der anderen. „Wir müssen jetzt los!“ meinte der Vater und wirkte dabei eher abwesend. Ich verstand das nicht, was hatte das auf einmal ausgelöst. Was in dem Brief sagte ihnen, dass sie los müssten? „Hast du einen Führerschein?“ fragte mich der Vater. Ich nickte worauf er meinte: „Gut, dann kannst du fahren, ich glaube von uns dreien ist im Moment keiner dazu fähig. Jetzt verstand ich gar nichts mehr. War irgendwo in dem Brief in irgendeiner Weißmüller´schen familieninteren Geheimschrift Daniels Aufenthaltsort zu lesen? Wir setzten uns in den blauen Passat Kombi, ich am Fahrersitz, der Vater neben mir als Beifahrer und die beiden Frauen am Rücksitz. Ich fühlte, dass Angst in der Lugt lag, Angst oder Vorfreude? Der Vater meinte, er würde mir unterwegs alles erklären. Wir fuhren also los und der Vater begann wie ein Wasserfall zu erzählen, gerade mal für Richtungsangaben unterbrach er seinen Redefluss kurz: „Weißt du, wir haben einen Schrebergarten in Klosterneuburg, also eigentlich gehört er meinen Eltern, doch wir verbrachten dort oft unsere Sommer. Hinter dem Häuschen verlief ein langer Weg in Richtung eines atemberaubenden Steinbruches. Oft machten wir Ausflüge dorthin, denn der Weg führt durch eine Allee von Linden und an seiner Seite lief ein kleiner Bach entlang. Der Steinbruch wurde schon Jahre nicht mehr benutzt und dort, wo der Weg endete, ging es 120 Meter steil senkrecht hinunter. Es gab einen kleinen Weg etwas weiter von dieser Stelle entfernt, der in den Steinbruch hinunterführte. Als Daniel 3 Jahre alt war, passierte im Steinbruch ein schweres Unglück. Sein Cousin fuhr den Weg mit dem Fahrrad entlang, ziemlich schnell anscheinend. Er hatte sich mit seiner Geschwindigkeit verschätzt und stürzte mitsamt seinem Fahrrad in den Abgrund. Er war sofort tot. Wir mussten Daniel erklären, wo sein Cousin hingekommen sei und erzählten ihm, dass er die Welt getroffen hätte und sie hätte ihn mitgenommen. Natürlich erfuhr er mit der Zeit die Wahrheit. Scheinbar wollte er die Welt treffen.“
Jetzt verstand ich. „Aber wenn er das wirklich getan haben sollte, müsste ihn doch jemand gefunden haben.“ wendete ich ein. „Nein, nicht unbedingt. Weißt du, sein Cousin war nicht der einzige, de das geschehen war und irgendwann wurde der Steinbruch abgesperrt und absolut nicht mehr verwendet. Niemand geht dort mehr hin.“
Als wir an dem Steinbruch ankamen, sah ich, dass es auch fast unmöglich war ihn zu betreten. Ein circa drei Meter hoher Maschendrahtzaun umschloss das gesamte Gelände. Der Vater und ich kletterten darüber, die beiden Frauen kamen nicht mit. Er brachte mich zu der Stelle am Fuße des Abgrundes. Je näher wir ihr kamen, desto mehr begann es zu stinken. Ich kannte diesen Geruch noch aus meiner Zeit als Zivildiener. Ich war Sanitäter und das war ohne Zweifel Leichengeruch. Und da lag er, Daniel. Er sah aus wie auf den Fotos, nur dass er überall voller Blut war, was daher kam, dass er sich scheinbar die Bauchdecke aufgerissen hatte, an einem spitzen Stein oder ähnlichem während seines Falles. „Er dürfte bereits tot gewesen sein, als er aufkam.“ meinte ich und Herr Weißmüller begann zu weinen. Er setzte sich auf einen Stein neben der Leiche, die erst relativ geringe Verwesungsspuren zeigte, strich seinem Ziehsohn durch das blonde Haupthaar und blickte ihn lange und schmerzhaft an. Ich rief die Polizei und erklärte was passiert sei.
Die Polizei traf ein, mit ihr ein Gerichtsmediziner und ein Leichenwagen, sie schnitten ein Loch in den Zaun und sowohl die Polizisten samt Anhang als auch Katharina und die Mutter betraten das Gelände. Der Vater saß noch immer verstört da und blickte den toten Jungen an.
Katharina musste sich übergeben und die Mutter fiel in Ohnmacht, als sie beide den Körper ihres Daniels sahen. In diesem Moment wusste ich, dass Daniel in seinem Brief was die Beziehung seiner Zieheltern zu ihm anging, maßlos übertrieben hatte. Sie liebten ihn, aber er sie anscheinend nicht, er fühlte sich ihnen nicht zugehörig, fühlte sich niemandem zugehörig.
Ich nahm Katharina, die inzwischen auch in Tränen ausgebrochen war, in den Arm und versuchte sie, vergeblich natürlich, zu trösten. Der Gerichtsmediziner bestätigte meinen Verdacht: „Er war bereits an seiner Bauchwunde gestorben, bevor er aufkam.“ Die Polizisten legten ein Leichentuch über den leblosen Körper, welcher darauf mit dem Leichenwagen weggebracht wurde.
Ich chauffierte die Familie Weißmüller wieder in ihr Haus im 19. Bezirk, der Vater bat mich noch hinein, mir wurde ein Kaffee angeboten und wir saßen zusammen am Esstisch. Die Mutter weinte noch immer, Katharina blickte verstört zu Boden und der Vater sah mich mit feuchten Augen an. „Wie sehr müssen sie mich hassen!“, dachte ich, immerhin hatte ich sie zu ihrem toten Ziehsohn gebracht. „Auf dem Dachboden sind Daniels Tagebücher. Ich will dass du sie mitnimmst. Ihr wäret sicherlich gute Freunde geworden, wenn ihr euch jemals kennen gelernt hättet.“ Meinte der Vater. Er führte mich auf den Dachboden, drückte mir drei kleine Bücher in die Hand und bat mich schließlich höflich zu gehen, da es jetzt wohl besser sei, wenn die Familie unter sich bleibe. Ich verstand das und ging zur Straßenbahn – Station.
Zuhause angekommen begann ich sogleich mit der Lektüre von Daniels Tagebüchern.
Ich überflog sie eigentlich großteils, nichts was ich nicht schon einmal wo anders gelesen hätte, typische Gedankengänge eines pubertierenden Jugendlichen. Doch dann kam eine Stelle, die mich an etwas erinnerte: „Weißt du, liebes Tagebuch, ich werde meine leiblichen Eltern nie treffen, nicht einmal im Himmel, weil ich ja sowieso in die Hölle komme.“ Der Brief! Ich sollte ihn seinen Eltern geben, seinen leiblichen also. Nur die waren tot.
Am Tag des Begräbnisses kamen nicht viele Leute, eigentlich war ich der einzige, der nicht Teil der Familie Weißmüller war. Sie hatten Daniel aufgebahrt, der Pfarrer sprach die üblichen tröstenden Worte und schließlich wurde der Sarg zu Grabe getragen. Ich war nur verwundert, weil auf dem Grabstein des Grabes stand: „Familie Bauer“ nebst einem der üblichen Grabsteinsprüche. „Wir setzen ihn bei seinen Eltern bei“, flüsterte Katharina ins Ohr, „also bei seinen echten, er hätte es sich nicht anders gewünscht.“ Als alle eine Rose und ein Häufchen Erde in das offene Grab geworfen hatten, war es an mir, dies zu tun. Nur ich warf keine Rose, sondern den Brief hinein. Der Pfarrer wollte mich gerade ermahnen, als Herr Weißmüller meinte: „Nein, das passt schon so, Fritz, der junge erfüllt Daniels letzten Wunsch.“
Ich wollte nach dem Begräbnis nach Hause fahren, ich fand, dass meine Aufgabe erledigt war und ich jetzt wieder mein „normales“ Leben führen sollte, doch die Familie Weißmüller bestand darauf, dass ich auch beim Leichenschmaus dabei bin. Ich saß neben Katharina und trank mein Bier, nach Essen war mir nicht unbedingt zumute, was immer so nach Begräbnissen ist. „Danke, dass du mich damals getröstet hast“, meinte Katharina.
Seit damals sind 7 Jahre vergangen. Ich und Katharina wohnen gemeinsam in Wels, wo ich in einer führenden Position bei einem Verlag arbeite. Unser kleiner Sohn, Daniel, ist heuer in den Kindergarten gekommen. Wir haben ihn Daniel genannt, weil er genau die selben Augen und Grübchen wie Daniel hatte. Ich denke oft an die Zeit damals zurück, an die Suche nach Daniel, an den Gesichtsausdruck von meinem Schwiegervater, an den Anblick des toten Daniels im Steinbruch. Es kommt mir vor wie eine Erzählung, die im Gehirn eines 18-jährigen entstanden ist. Am Tag unserer Hochzeit haben Katharina und ich, kurz bevor wir auf Flitterwochen flogen, noch Daniels Grab besucht und eine Rose daraufgelegt. Zwei Jahre später kam unser Daniel zur Welt. Ich frage mich, ob er so wird wie sein Namensvetter. Mein Sohn ist blitzgescheit, liebt Märchen über alles und versucht alles zu verstehen. Katharina meint, dass Daniel Zeit seines Lebens genau so war. Unser Sohn ist Daniel in sehr vielem ähnlich. Nur in einem unterscheiden sich die zwei Daniels voneinander: Der kleine Daniel hat Höhenangst.

 



 
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