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Die Brille des Plato
- von NaimED



Die Brille des Plato

Wenig wirklich interessantes war in dem kleinen Souvenirladen in Athen zu finden. Kleine Plastikbüsten der großen Philosophen und Sagenhelden, Bücher über den trojanischen Krieg, Spielkarten mit perversen Bildern aus der Antike – Männer, die sehr, sehr böse Dinge mit Ziegen machen – und Ouzo soweit das Auge reichte, mal in einer ganz normalen Flasche, mal in einer die geformt war wie eine ionische Säule, mal in einer, die Sokrates darstellen sollte und manchmal auch in Dosen, auf denen wiederum die kleinen perversen Bilder aufgedruckt waren. Ein für solche Art von Geschäften durchaus typisches Sortiment, nur was nicht hineinpasste, war eine Brille. Sie war ein Einzelstück und nicht gerade ein sehr hübsches, da sie am Bügel bereits rostete und nicht einmal Gläser in der Fassung hatte. „Entschuldigen sie!“, fragte ich den Verkäufer in meinem besten Englisch, „was ist das hier?“ „Eine Brille, wie sie wohl unschwer erkennen können. Aber nicht irgendeine! Das ist die Brille des Plato. Er war ein großer griechischer Philosoph der Antike.“, entgegnete mir der Verkäufer, ebenfalls in lupenreinem Englisch. „Ja ja, ich weiß wer Plato war, denken sie ich hab eine Bildungslücke? Was hat es mit der Brille auf sich?“ „Plato erzählt in seinem Höhlengleichnis von der Idee der Dinge, einem allgemein zutreffenden Begriff, den die Seele aus dem Jenseits in das diesseitige Leben mitnimmt. Nur durch die Idee des Baumes können wir einen Baum als einen solchen erkennen und benennen. Die einzelnen Baumarten sind nur Variationen der Idee Baum, die ihnen allen innewohnt und sie somit zu Bäumen macht. Diese Brille erlaubt es einem, die Idee hinter den Dingen zu sehen! Für jeden philosophisch Interessierten ein Muss. Und ein Einzelstück. Trotz alledem spottbillig: Nur 11 Euro 50 Cent. Greifen sie zu der Herr.“
Nun gut, ich bin philosophisch interessiert, aber 11 Euro 50 für einen halben Meter gebogenen Draht? Aber was, wenn das, was der Verkäufer sagte wirklich wahr war, das wäre ja unglaublich. Nun gut, er war mein letzter Tag hier in Athen, ich hatte noch genug Geld und der Verkäufer gab mir noch ein deutsches Exemplar des „kleinen Führers durch die griechische Philosophie“ gratis zu der Brille dazu.
Am Flughafen setzte ich die Brille das erste Mal auf und tatsächlich, die Koffer sahen alle aus wie Koffer und die Menschen, egal welcher Hautfarbe oder Herkunft, die Piloten wie die Stewardessen, die Touristen wie die Business Menschen, alle sahen sie aus wie Menschen, die Brille ließ mich die Idee des Menschen in jedem einzelnen erkennen, ich erkannte den Menschen als Menschen. Auch die Flugzeuge, egal ob Boeing, Airbus oder was auch immer, für jedes einzelne war der Eindruck „Flugzeug“ passend. „Was für ein tolles Gerät“, dachte ich, nahm die Brille ab, schob sie in meine Brusttasche und alles war wieder wie vorher.
Zu Hause angekommen betrachtete ich die Brille etwas genauer, aber es war wirklich nichts außergewöhnliches an ihr, sie war wirklich nur ein gebogenes Drahtstück. Ich setzte sie abermals auf und wahrhaftig, das Sofa war für mich ein Sofa, ein jedes Buch in meinem Regal war als Buch zu betrachten und jedes Auto, das am Fenster vorbeifuhr war ohne Zweifel ein Auto, so wie jedes Motorrad ein Motorrad war. Und die Leute die in den Autos oder auf den Motorrädern saßen, waren ohne Zweifel alle Menschen. Die Katze, die durch meinen Garten schlich war ohne Zweifel eine Katze. Ihr fehlte zwar ein Ohr und sie war sehr stattlich für eine Katze, aber durch die Brille hindurch war sie eindeutig als Katze zu erkennen. Ich nahm die Brille ab und als ich das sah, was ich vorhin für eine Katze gehalten hatte, war ich mir nicht mehr sehr sicher, ob das wirklich eine sein konnte.
Auf alle meiner Reisen begleitete mich fortan die Brille, egal ob in die afrikanische Steppe, wo ich en Löwen eindeutig als Katze erkannte, nur als eine sehr große, und das Zebra eindeutig als Pferd, nur eben schwarz weiß, zwecks der Tarnung. Auch die Zulu und die anderen Naturvölker erkannte ich als Menschen. In Südamerika sah ich eine Anaconda, die sich bei Betrachtung durch die Brille ebenfalls als Schlange herausstellte und sowohl die Meerkatze als auch das Kapuzineräffchen waren durch die Brille Affen. Selbst die Straßenkinder in Rio de Janeiro waren Menschen, wie auch Fidel Castro, den ich auf unzähligen Plakaten in Kuba sah. Wobei die Plakate auch eindeutig Plakate waren, nur eben mit dem Bild eines Menschen darauf, ob nun Castro oder Guevara, es blieb ein Mensch.
Als ich Kuba wieder verlassen wollte, musste ich durch die Zollkontrolle am Flughafen. „Was soll das sein?“, fragte mich der Zollbeamte und zeigte auf die Brille, die in meiner Hemdtasche steckte. „Das ist nur eine Brillenfassung!“ meinte ich, nicht bereit die Umstände näher zu erklären, schon alleine wegen der Seltenheit der Brille. „Entweder sie sind CIA Agent und wollen sich mit dieser Brille tarnen oder sie wollen sie als Waffe an Bord des Flugzeuges benutzen. Es kann allerdings auch sein, dass sie einfach ein Spinner sind!“ Er nahm mir die Brille weg, zerschnitt den Draht und warf mir die Reste ins Gesicht. „Jetzt dürfen sie an Bord gehen!“ meinte er, mit einem hämischen Grinser.
Meine Brille! Dieser Arsch hatte meine Brille zerschnitten. Ich war mir ganz sicher, würde ich ihn dadurch betrachten, würde er mir nicht als Mensch erscheinen sondern als ein Arsch, mit zwei Backen und einem Loch in der Mitte, aus dem ziemlich viel Scheiße kam! Ich und CIA Agent, au ja, natürlich, das hatte ich fast vergessen, von denen gibt es ja so viele in Österreich. Meine Brille, die Brille des Plato, war zerstört. Wie sollte die Welt nun je von der Idee der Dinge erfahren.
Kaum stieg ich aus dem Flieger, der mich von Kuba nach Wien brachte aus, buchte ich bereits einen weiteren Flug nach Athen. Ich musste zu dem Souvenir Händler, möglicherweise hatte er eine zweite Brille.
Der Souvenirladen hatte noch genau das selbe Sortiment wie zuvor und auch eine Brillenfassung ohne Gläser lag mitten unter den Artikeln. Ich nahm sie und brachte sie zum Verkäufer. Dieser schien entsetzt mich wiederzusehen und fing an zu stottern: „Äh, die Brille des Plato! Ja, d..d..diese zw...zweite, die sie da halten wurde erst vor kurzen bei Ausgrabungen am Peleponnes gefunden.“ In dem Moment sah ich einen anderen Mann hereinkommen, ebenso eine Brille des Plato auf der Nase sitzend und scheinbar sehr wütend: „Ihre Brille funktioniert nicht, ich will mein Geld zurück. Es sieht noch immer alles anders aus.“ Der Verkäufer öffnete die Kassa und gab dem Mann das Geld zurück, der Mann wiederum warf die Brille in den Mist und verließ das Geschäft.
„Wie viele Brillen Platos haben sie wirklich?“ fragte ich den Verkäufer. „Na so hundert Stück werden es schon sein“, meinte dieser schluckend und öffnete eine Lade, in der eine riesige Anzahl an Brillen gelagert wurde. „Aber bei mir hat die Brille funktioniert“, meinte ich, durchaus verwundert. „Wissen sie mein Herr, grundsätzlich sollte sie das auch, allerdings ist ihre Wirkung nur bei Menschen wichtig. Wissen sie, alle Menschen sind gleich, egal welcher Herkunft, welchen Berufs oder welcher Hautfarbe, sie erfüllen die Idee des Menschen, wie Plato es bezeichnet hätte. Der Mensch in Platos Höhlengleichnis muss sich aus der Höhle befreien um die Wahrheit zu erblicken und manchmal braucht er dazu etwas Hilfe, so wie diese Brille und die Geschichte dazu. Seien sie ehrlich für sie waren dann doch alle Menschen gleich?“ „Ja, das stimmt allerdings!“ „Na eben, das beweist, dass es funktioniert. Nur bei manchen, wie dem Herrn von vorher nicht. Sie bleiben stur bei ihrer Meinung von den Menschen und welche von diesen gut oder schlecht sind, bei ihnen wird die Brille nie funktionieren. Wie gut, dass ich ihm Falschgeld gegeben habe!“ Er grinste noch mal, schenkte mir eine Flasche Ouzu, die wie eine ionische Säule aussah und wünschte mir eine gute Heimreise.

 



 
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