HERMANN HESSE

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- von NaimED



Letztens habe ich ihn wieder getroffen. Eigentlich sah er noch genauso aus wie früher, zehn Jahre älter zwar, aber wenn man sich ebendiese Zeit lang nicht sieht, ergibt sich das wohl von selbst. Er war sonnengebräunt, trug eine gelbe, absolut geschmacklose und dreckige Schirmmütze zu einem hellblauen Hawaii-Hemd und dunkelblauen Badeshorts. Ein wandelnder modischer Fauxpas, gut, das war er früher auch bereits, aber damals versuchte er damit noch etwas auszusagen. Das tut er jetzt nicht mehr. Er hat nichts mehr auszusagen, außer "Füttert mich!", was das ständige Knurren seines enorm aufgebläht wirkenden Bauches auch noch dramatisch zu unterstreichen wusste. Er roch schrecklich, nach einer Mischung aus Schweiß, Bier und verbranntem Fett. Seine Zähne hatten eine Färbung, die sich irgendwo im undefinierbaren Spektrum zwischen gelb und schwarz bewegte und dabei mindestens drei Farben mitnahm.
Am meisten fiel mir sein Humpeln auf, als er aus dem Autobus ausstieg. Wie ein alter Mann, der er ja eigentlich auch war, sah er aus. Er rief mir etwas auf Englisch zu, was durchaus nichts besonderes war, schließlich war er doch Engländer. Oder war er Waliser? Ich weiß es nicht mehr genau, auf jeden Fall kam er von den britischen Inseln oder von irgendwo aus dem Common Wealth, es hat mich nie sonderlich interessiert und selbst wenn er es mir einmal gesagt hat, da ein jedes Treffen zwischen uns in einem Saufgelage endete, wenn es überhaupt endete. Wir hatten damals viel Zeit verbracht, bis er wieder nach England musste, den Grund dafür hatte ich auch nie erfahren. Er war einfach weg.
Umso mehr überraschte es mich, als er mich neulich anrief und mir mitteilte, dass er "for hell´s sake" nach "fucking Austria" kommen würde. Wir trafen uns am Südtirolerplatz und setzten uns in ein gemütliches Lokal am Südbahnhof. Er erzählte mir vieles, wo er inzwischen überall gewesen war, wie viele Frauen er nicht gehabt hatte und was ihn das nicht alles gekostet hat. Ich hörte ihm nicht zu. Er erzählte mir von der schrecklichen Bedienung im Flugzeug, mit dem er hierher gekommen war. Ich hörte ihm nicht zu. Ich konnte ihm nicht zuhören, etwas an ihm lenkte mich ab, etwas erregte meine Aufmerksamkeit, ein dunkler Fleck neben seiner linken Halsschlagader, wie ein großes Muttermal. Konnte es das sein, nach dem es aussah? Damals hatte er es noch nicht, da bin ich mir ziemlich sicher. Meine ständigen auf das vermeintliche Muttermal konzentrierten Blicke, schienen ihm Unbehagen zu bereiten. Plötzlich schwenkte er von seinem eigentlichen Thema - den Prostituierten Tahilands - ab und sagte mir, dass es Krebs sei, Hautkrebs um genau zu sein. Er nahm die Kappe ab und ich sah, dass von seiner roten Haarpracht, die er früher hatte, keine einzige Locke übrig geblieben war.
Er war aus Therapiezwecken nach Österreich gekommen, denn er hatte gehört, dass es in Wien einen Wunderheiler geben soll, der mit Gott in Kontakt ist und jegliche Krankheitalleine durch eine einzige (natürlich sehr kostspielige) Sitzung heilen könnte. Ich wurde skeptisch. Meinte er wirklich, dass dieser Mensch ihm helfen könnte, konnte er so naiv und ungläubig sein? Er war der festen Überzeugung, dass nurmehr Gott ihn retten könnte und erzählte mir von seiner Erleuchtung. Ich versuchte ihn zu überzeugen, dass jeglicher "Heiler" dieser Art, egal ob in Österreich, Indien, Kambodscha oder wo auch immer auf der Welt, ein Quacksalber und Bauernfänger war, der sich in den Namen Gottes stellt und das mit den Menschen macht, was sämtliche Religionen seit ihrem Anbeginn tun: sie manipulieren und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen. Er wurde erbost. Er meinte, dass man nicht immer alles mit der Vernunft erklären kann, das Wunder nur denen passieren, die glauben und dass ich nur einmal in meinem Leben meinen verbitterten Zynismus und meine ständige Kritiksucht überwinden und die Augen öffnen sollte, denn im Kreuz sei Heil!
Ich wünschte ihm einen guten Tag, bezahlte an der Kassa die Rechnung. "Gute Besserung!" rief ich ihm noch zu, bevor ich den Zug bestieg und nach Hause fuhr.
Lange Zeit war es still um ihn geworden, bis ich in den Nachrichten einen Bericht über einen Wiener "Wunderheiler" sah, der gerade wegen schwerem Betruges verhaftet worden war. Sein letzter Patient, ein Engländer, hatte über fünfzigtausend Euro bezahlt, im Glauben, dass jener ihm den Hautkrebs vom Halse schaffe. Drei Tage nach der Sitzung war er an ebendiesem verstorben.
Ich schaltete den Fernseher ab, lehnte mich in meinem Sessel zurück und trauerte um ihn, sein Geist war lange vor seinem Körper gestorben.

 



 
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