HERMANN HESSE

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- von Warius



"Wieder 5 Minuten zu spät!" schellt die rauhe, grobe Stimme des Vorgesetzten in Bernds Ohr. Seit fast zwei Jahren arbeitet er in der Fabrik, kein einziger Tag davon ohne Zweifel und Hoffnung einst dieses "Bauwerk der modernen Sklaventreiberei", wie er seine Arbeiststelle insgeheim nennt, zu verlassen. Doch bisher konnte er sich nicht aufraffen, sein Leben umzugestalten. "Was gibt es ekligeres als die Macht des Geldes?" Grimmig schleift er seinen Körper auf den Holzstuhl, den er bereits letzte Woche über vierzig Stunden lang einsaß. Genauso die zwanzig Wochen davor.
"Moin!" Im Türrahmen steht Franz, gleichaltrig mit Bernd, wenn auch meißt besserer Laune. "Schon wieder verpennt? Ich glaube ich schenke dir mal einen neuen Wecker, der das Wort "Pause" sprechen kann, denn für jenes bist du ja bekanntermaßen sehr hellhörig." Die Fröhlichkeit von Franz ist selten eine Echte, auch wenn er sie erstaunlich gut zu schauspielern wußte, das weiß Bernd. Außerdem legt er mehr Eifrigkeit und Engagement in sein Werken, was ihn zu einem Günstling der Vorgesetzten hebt.

Bernd: Ich habe nachgedacht. Nunja, eigentlich denke ich seit Antrittsbeginn dieser Arbeitsstelle darüber nach. Darum ist es besser formuliert wenn ich sage: Mein Nachdenken hat eine Entscheidung gefällt. Ich werde kündigen, besser heute als morgen.

Franz: Das ist mir unverständlich, was glaubst du dir davon zu erhoffen?

Bernd: Die wahre Welt möchte ich erleben, nicht die graue Seelenlosigkeit der Betonwände, die rohe, zweckmäßige Beschaffenheit der Arbeitsmaterialien. Funktionen des Lebens will ich ergründen, anstatt selbst ein Funktionsrad des Menschenuhrwerks zu sein, Kleines, bei Versagen beliebig ersetzt. Da ich seit Geburt mich als mich fühle, will ich ich sein, mit allen kleinsten Zweigen, Nestern und Früchten die dieser individuelle Baum trägt. Ein Fisch schwimmt nicht auf Bäumen, ein Mann gebärt keine Kinder, blau ist nicht grün und ich bin nicht geschaffen für Arbeit von außen aufgetragen. Der Brunnen meiner kreativen Ideen sprudelt unentwegt, doch viel dieser wertvollen Flüssigkeit fließt in den Abfluß, meine Hände sind durch die schändliche Schufterei zu schwach um alles zu bergen. Das Ideal meiner gegenwärtigen Tätigkeit ist also kein endogenes, sondern ein exogenes, doch ein jeder Mensch kann nur glücklich werden durch Verwirklichung endogener Zielsetzungen. Viele negieren äußere Bedingungen zu inneren Zielsetzungen, fügen sich freiwillig, doch ich werde nie vollständig eine hampelnde Marionette, immer mehr Schnüre versuche ich durchzuschneiden."

Franz: Lieber eine Marionette mit gestützten, sicherem Stand, als den Gesellschaftspflichten apart und unsicher wankend auf sich selbst gestellt.

Bernd: Was soll ich mich stützen lassen, wenn ich meine Beine eigengetrieben viel stärker trainieren kann. Wie überhaupt soll ich mich stehend fühlen, wenn ich mich an andere anlehnen muß um beide Beine auf den Boden stellen zu können. Einem Kind unterstellt man auch erst dann laufen zu können, wenn es sich alleine aufrecht vorwärts bewegt.

Franz: Doch vorher muß die Mutter es stützen und lenken, sowie auch der Chef einen lenkt, bis man selbst zum Chef wird. Ab diesem Zeitpunkt steht man auf eigenen Beinen.

Bernd: Und diese stehen auf dem Hierarchieberg der leidenden Untergebenen, welche nur aus dem einen Grund dieses Leiden durchziehen: Um selbst jenen Berg zu erklimmen. Auf wahre zwischenmenschliche Harmonie zielen die wenigsten in der Arbeitswelt ab, den meißten fehlt die geistige Kraft dieses höchste Gut zu erkennen. Stattdessen spielen sie Fußmatte, um später selbst ihre Füße abtreten zu können, werden vom Untergebensten der Unfreiheit zum befehlshabenden Dienenden der Unfreiheit.

Franz: Doch Stolz erfüllt einen nach getaner Arbeit, sei sie auch erzwungen. Jede abgeschlossene Aufgabe wird belohnt durch ein endorphines Gefühl der gelungenen Leistung.

Bernd: Die angebliche hohe Wertigkeit dieses Gefühls ist Illusion, die ewig gleiche Richtung der Zeit trickst den Arbeitenden aus. Die Glückshormonausschüttung erfolgt nur momentan und steht in ihrer Dauer in keinem reellen Verhältnis zu der Zeitspanne der vorangegangenen Qual. Doch da sie nach der schweren Tätigkeit erfolgt, wird die eigentliche Härte der Tätigkeit gerne vergessen. Sinn läge nur in diesem belohnenden Vorgang des Gehirns, fände er während der Tätigkeit statt.

Franz: Stell dir vor, jeder würde nach solchen Prinzipien agieren wie du, jede Produktivität wäre gestoppt.

Bernd: Meine Aussage lautet nicht: Keiner arbeite! Meine Aussage lautet: Keiner arbeite, wenn das Leid der Arbeit ihre Sinnigkeit übertrifft. Bei den meißten übertrifft die Sinnigkeit das Leid, doch meine Produktivität entspringt dem individuellen Geistigen. Wird dies unterdrückt, steigert sich mein Leid unermeßlich. Einige konsumieren Drogen, weil sie arbeitslos sind, suchen ihre existentielle Sinnlosigkeit im Rausch zu vergessen, doch ich fühle mich zu Drogenkonsum gezwungen, peinigt mich fremdbestimmte Arbeit zu sehr. Ins Schaffen von Produkten eigener Kreation kann ich hingegen tief eintauchen, mich ganz mit der Herrlichkeit des Schöpfens erfüllen. Schon Aristoteles wußte, daß demjenigen die meißte Glücklichkeit beschert ist, der in der Lage ist, ungehindert nach seinen eigenen Fähigkeiten und Kräften zu werken.

Franz: Auch mich quält der werktägliche Anwesenheits- und Arbeitszwang sicherlich. Doch muß ich sagen, wäre er völlig abhanden, lägen andere Qualen nahe, vorraus die der Langeweile.

Bernd: Die Langeweile ist das Ergebnis eines schwachen Geistes, kombiniert mit wertlosem Willen nach Berieselung mit Sinnesreizen. Ein starker Geist weiß ständig Innovatives anzufangen, selbst den Aufenthalt in einer Abstellkammer kann er stundenlang mit immer neuen Gedankengängen erfüllen. Beschallung braucht er nicht von Außen, er kann sich selbst ein Lied singen, er braucht keine Aufgaben, er selbst kann sich selbige stellen. Nur wer zu schwach ist, sich eigengetrieben ständig neu zu erheben, geistig zu weiten, im Sinne jenes Weltgeistes des Hessegedichtes "Stufen" zu agieren, braucht Vorgaben zur Aktivität. Ich jedoch bin in der Lage meine Aktivität eigen zu gestalten und bin so letztendlich garantiert produktiver als in jeder anderen Konstellation, da jede andere erzwungen und falsch ist.

Franz: Was ist erzwungen und falsch daran, seine Pflicht zu erfüllen?

Bernd: Schau dich doch an, wie du oft pfeifend daherspazierst und Witze reißt, als ob du dich im Paradiese fühlst. Dabei hast du soeben gestanden, dich ebenfalls täglich in Qual zu suhlen. Es ist nichts als ein Maske, die du vor dich herträgst; und ich frage dich, wo bleibt der Wert des Individuums, wenn das Individuum gezwungen zu sein scheint, individuelle Bedürfnisse und Gefühle zu verstecken? Schon ein "Guten Morgen" ist voll Lüge, ein jeder weiß, daß der Morgen nicht gut wird, denn er ist voll ekliger Stereotypie und freudloser Tätigkeit. Allerdings scheinen die intellektuell Schwächeren Freude an dieser perversen Maskerade zu haben, es ist eine Art Sarkasmus, der hilft durch den Tag zu kommen.

Franz: Bedien du dich doch auch diesem Sarkasmus.

Bernd: Ich bediene mich den Mitteln, die mir richtig und angemessen erscheinen. Hier, mein Kündigungsschreiben für den Chef, ernsthaft und seriös formuliert.

Kündigung

Was führt ihr bloß für blasse Leben?
Geistig schwach, naiv und angepaßt.
Doch Stolz füllt trotzdem euer Streben,
Arbeit, die nicht ihr, die euch erfasst.
Im Blick beschränkt will ich nicht sehen,
Oder Wohl und Heim erflehen,
täglich trägem Trott nachgehen,
fremder Orte Platz wegstehen.
Gleiche Zeiten, gleiche Taten,
wissend welche Weichen warten.
Alles ist so gleichgestellt,
jeder altert nur für's Geld!

Mein Tageslicht knipsen, das will ich selber!
Pflegen und Ernten die eigenen Felder!

Es frißt mich sonst völlig, reißt mich in Stücke
Als eine Schraub' in Maschineries Lücke!

Der Körper und der Geiste - Niemals Automat!
D'rum leb ich lieber leise. Solches bleibt erspart.


Einige Zeit später wurde beobachtet, wie Bernd aus dem Büro des Chefs kam, mit jenem strahlenden Gesichtsausdruck, der sonst nur bei frisch Verliebten nach Geständnis ihrer gegenseitigen Zuneigung oder bei Sportlern nach Erringen einer Auszeichnung vorzufinden ist.

 



 
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