HERMANN HESSE

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Der Seitenmacher
- von Tomatto



Der Seitenmacher


1.

Zu Recht fragen Sie sich bereits zu Beginn meiner Geschichte, was sich hinter diesem unscheinbaren, handwerklich angehauchten Titel wohl für ein literarischer Genuss verbergen mag. Da dies allerdings mein erstes Werk ist, habe auch ich noch keine Ahnung, was in den nächsten Zeilen wohl alles auf uns zukommen wird. Kurz bevor ich mich hinter die Tasten gezwängt habe, beschäftigte mich dieser Punkt noch in allen Lebenslagen, denn wie es wohl den meisten jungen Schriftstellern ergeht, musste ich feststellen dass es kaum etwas gibt, worüber nicht bereits geschrieben wurde…
Natur gibt’s ja in unserer glorreichen Epoche noch vor der Haustür und hat in Büchern wenig Sinn, wenngleich auch ein sehr schönes Thema. Selbstverständlich werde ich Freund Baum auch hier nicht ungesehen lassen, denn wie ich hoffe, werden einige meiner Leser sich gern unter seinem Schatten ihrer Leidenschaft, dem Lesen nämlich, hingeben.
Nein, denn nach langem Hin und Her fiel es mir wie Schuppen von den Augen…Es mag zwar endlos viele Bücher geben und die meisten werden auch von mir ungelesen bleiben, aber bestechend ist der Gedanke, dass noch niemand es vollbracht hat, über meine Person zu schreiben, auch wenn sich schon so mancher seine Gedanken über ebendiese gemacht haben dürfte. Hier will der selbsternannte Autobiograf noch hinzufügen, dass dies ein sehr gewagtes und gefährliches Unternehmen sein dürfte, da diese Thematik ihrer Natur nach einen sehr egomanischen Charakter besitzt, und künstlerische Freiheit hier sehr schnell in Charakterlosigkeit uminterpretiert wird. Dennoch werde ich dieses Werk vollenden und viele meiner vergangenen Gehirnkrämpfe in einem Anfall verbalen Durchfalls von mir geben, in der Hoffnung, sie so ein für alle mal loszuwerden.
Begonnen hat alles damit, dass ich beim Eintreffen des Ärzteteams meinen Kopf bereits in die Hände meines Vaters gelegt hatte. Es war dies ein sehr entscheidender Punkt meines Lebens, da ich mit meiner angeborenen Intelligenz sofort erkannte, wie leicht man sich durch Verspätungen unangenehmen Pflichten entzieht und wie schnell Überpünktlichkeit zum Schaden an der Professionalität wird.
Leider reichen meine Erinnerungen kaum weit genug zurück, um aus dieser Lehre den Schluss gezogen zu haben und das ewige Ticken hat auch mir Stunden kostbaren Schlafs geraubt. Erste Suchterscheinungen traten bei mir in Verbindung mit der Schulglocke auf und setzten sich mit Wecker und Handytermin fort. Zuletzt will dann auch noch unser gutes Hauptabendprogramm nicht vergessen werden.
Doch dank des Umzugs meiner werten Erzeuger durfte ich bereits in einem zarten Alter das Leben in der Natur genießen, wodurch es mir möglich war, meine Erinnerungen etwas zu verschönern.
Ein mit Blumen sprechendes Kind, das gern in die Sonne sieht und sich als Geheimagent mit einem Alienbruder versteht. Eines Tages stiehlt er 20S und will mit einem selbstgebauten Floss auf der unweiten Thaya fliehen. Er wurde allerdings von seinem älteren Bruder verraten, nachdem er ihm erzählte, dass sie eine lange Reise machen dürften; vermutlich hatte er Angst.
Ich möchte die edlen Leser hier nicht mit endlosen Kindheitserinnerungen quälen, sondern versuche nur, ihnen die psychischen und sozialen Umstände näher zubringen, unter denen unser Freund aufgewachsen ist. Er zählt zu jener Generation von Menschen, die sich gerne als Außenseiter gefühlt haben, auch wenn sie die ganze Welt gegen sich hatten. Leider gelang mir das nicht immer so gut und das führte unweigerlich zu einem äußerst flüssigen Übergang zwischen mehreren Schulen und mehreren Teilen unseres hochkantigen Landes. Viele Türen haben sich geöffnet und hinter mir wieder verschlossen.
Man mag an der Art meiner Schilderung vielleicht schon bemerkt haben, dass ich bereits des Öfteren eine gespaltene Perspektive zu meiner Vergangenheit entwickelt habe und distanziere mich deshalb als Autor vom Inhalt dieser Erzählungen. Es liegt demnach im Ermessen des Einzelnen, zu bestimmen, was von Wert ist und was nicht.
Da die Geburt nicht meine einzige Verfrühung bleiben konnte, verließ ich die Schule, um Arbeit zu finden. Und ich hab welche gefunden…mehrere Male.
Natürlich haben auch die Lücken meinen Erfahrungsschatz oft bereichert, wenngleich ich aufgrund der Parallelität zu einigen Einzelschicksalen unserer erwählten Jugend nicht gezielt darauf eingehen möchte.

Er wurde in seiner Außenseiterposition dadurch bestätigt, dass sein Ruf sowie seine Sprache ihm in vielen Farben entgegenschillerten. Die geteilte Seele des seufzenden Clowns, der lauthals lachend in das Chaos der menschlichen Gedankenmaschinerie flüchtet, um die Fäden der Welt um sich zu spinnen.
Natürlich verfangen sich solche Geister oft in den klebrigen Zeilen uralter Bücher und binnen kurzer Zeit wachsen aus der vergammelten Information unzählige neue Illusionen, die ihre Wurzeln bis tief in seinen Körper strecken. Doch hat er verstanden, ihnen die Nahrung zu enthalten und wartet somit, bis nur die Stärkste überlebt, um dann an dem zu wachsen, dessen Ursprung er selbst in sich trägt.
Nochmals bitte ich jene skeptischen Geister der Versuchung zu widerstehen, Geschriebenes auf den Autor zu projizieren und ihn nicht jenseits seiner schriftstellerischen Fähigkeiten zu beurteilen.
Lange schien ihm, der Mensch erlebe seine größten Abenteuer im Kopf, bis dieser ihm zeigte wie es ist, selbst welche zu erleben. Und die Entdeckungsreise setzte sich bis über die Knie und zurück zur Körpermitte fort. Mit jeder Stunde, die er schaufelnd, hackend und tragend verbracht hat, rückte er der Wahrheit näher, dass man Angefangenes vollenden kann. Und dass die Suche nicht nur bei ihm im Kopf begonnen hat. Edler Seelen sind es nicht vieler, doch vermag uns ein einziger Blick dem Bruder zur Seite stehen zu lassen.

Schließlich musste er akzeptieren, dass sein Blick während des Weges verstellt war und als er immer neue Punkte erreichte, sah er sich schließlich gezwungen seiner Umwelt jegliche Seriosität und Glaubwürdigkeit abzuerkennen. Doch jeder Mensch, der in sein Leben getreten ist, hat ihm gezeigt, wer seine Freunde sind und seine Heimat verstreute sich lange Zeit über die Herzen weniger Menschen. Heute ist kaum mehr einer darunter, der ihm heute noch dieselbe Bedeutung hat und immer weniger kennen ihn lange. Seine Identität löst sich langsam vom verzerrten Spiegel der Realität und er findet sich als Individuum wieder, das beginnt, aus Ergebnissen zu lernen.
Ich bringe dem Leser hier nur das Drama seiner Kultur nahe, in der niemand dort ankommt, wo er hin will und so mancher aus der Vision in die Isolation gedrängt wird. Ich wünschte ihn mit meinem Bericht nicht gelangweilt zu haben und dass mir der Ausstieg aus dem humoristischen Teil verziehen sei.

Natürlich war damit nicht viel getan, denn was macht die Maus im Tiefkühlfach? Was ich sagen will ist was nutzt es zu haben was man will, wenn daneben die Welt zusammenbricht? Und wenn’s dann soweit ist? Willkommen in der neuen Weltordnung! Stille breitet sich über altes Land und die großen Erleuchteten treten hervor, um die restlichen Freaks mit breitem Lächeln zu empfangen…
Ekelhaft, wie sich die Kopfscheiße durch die Tasten drückt und fraglich, wo sie landen wird.
Es klingt hier der Moralapostel, wo jegliche Vorstellung derselben zu verschwinden droht.

2.

Nun mag ich denn abgewichen sein vom Leben unseres Freundes, und jeder Bücherfreund, der über die Biografien seiner liebsten Menschen Bescheid weiß wird Klage an meinen Geiz mit wahren Fakten erheben. Doch womit kann ein Mensch prahlen, dessen Ehrgeiz aus Unzufriedenheit stammt und dessen Stolz sich an Verbotenem gebrochen hat.
Es möge sich nun bereits eine lange Reihe von Fragen gebildet haben und so mancher ungeduldige Geist wird an der Diffusität der möglichen Antworten scheitern.
Vielleicht verfolge ich mit meiner drängenden Art bloß die Absicht, eine Art Lücke in den Denkapparat meines Zuhörers zu zwängen, um zumindest das Verlangen nach fortgesetzten Ausführungen hervorzurufen. Man bedenke jedoch, dass kein Mensch Antworten geben kann dem sein eigenes Leben niemals zugesichert wurde.
Dies sei auch die Ursache für die Weiterführung meiner Thematik, welche womöglich meine einzige Gelegenheit darstellt, in selbst gewählter Form über die Möglichkeit einer Selbstdarstellung zu berichten. Leichte Verdaulichkeit wurde dem Leser an keiner Stelle zugesichert und er geht in eigenem Risiko in die Konsequenz meiner Arbeit über. Eine errechenbare Handlung und den klischeehaften Abklatsch einer verlorenen Seele möchte ich Ihnen ersparen, dennoch liegt es in meinem Bemühen, eine schmackhafte Serie gehaltvoller Satzkompositionen zu präsentieren; durchaus in der Lage, den Genius durch die bloße Ahnung von Niveau zu stimulieren.
Den Aufmerksamsten unter meinen Lesern dürfte meine an sich penetrante Selbstbeweihräucherung nicht entgangen sein. Ich führe diesen Umstand auf ein anspruchsloses Leben in einer jugendgerechten Räucherkammer zurück und dem Drang gelegentlich auftretender Bewohner zur Kontaktaufnahme mit Traumgestalten, damit diese sich einer etwas körperbetonteren Art des gesellschaftlichen Zusammenspiels widmen können. In diesem Sinne hoffe ich auf phantasiegerechte Weiterführung unserer Korrespondenz.

3.

Gibt es dort eine Grenze, wo unser Verständnis endet? Besitze ich alleine durch die Möglichkeit der Erklärung das Recht auf anstandslose Behauptung?
Es würde mir an kleinen Erzählungen nicht mangeln, nein, stolz habe ich schon mit Erlebnissen meiner Vergangenheit geprahlt und andere nur mit gesenktem Kopf meinem nächsten Vertrauten erzählt; jedoch würde es mir am nötigen exhibitionistischen Gedankengut mangeln, welches denn in der Lage wäre, meine intimsten Stunden ans Licht zu tragen. Mein einzig wahres Anliegen ist die Kunst, aktuelle Perspektiven am Wandel eines Weltbildes erkennbar zu machen. Bilder derselben kennen wir zur Genüge, und schnell wird ein Neues als unzulänglich bezeichnet. Dem entgegenzusetzen auch die Abwesenheit eines zufrieden stellenden Modells.
Hierin liegt die Begründung für mein Bemühen auf die Anwendung persönlicher Gleichnisse zu verzichten, da diese ohnehin nur darauf abzielen würden, den Leser zum Extrahieren einer vorgefärbten These zu bewegen.
Behauptungen aufzustellen mag zwar für die Strukturierung abstrakter Sichtweisen ein Muss darstellen, jedoch sollte der Leser einen kreativen Prozess nicht aus der existentiellen Perspektive des Autors verstehen, sondern vielmehr am Potential der Formulierung die Intensität einer möglichen Absicht erspüren.
Worüber sich der Einzelne eine Meinung bildet, wird oft bereits im Vorfeld einer literarischen Karriere beschlossen und es würde an aktuelleren Ansätzen als dem meiner Person nicht mangeln. Es gibt heute bereits Bücher über mögliche Themen, und der Aufbau des Jungtextes ist mithilfe vielschichtiger Grundschemen präzise konstruierbar. Schicht um Schicht wird der freie Textfluss untergliedert und in wenigen Schritten verwandelt sich die eigene Meinung in einen Grad der offiziellen Wertigkeit.
Angesichts des gewaltigen Aufgebots an Informationen ist es anscheinend nötig geworden, durch vorgefertigte Grenzen der Übertragung Verständnis durch Annahme zu ersetzen. Allerdings wage ich bei solcherlei Gedanken die Frage, ob das hierzu nötige Vertrauen außerhalb des Kollektivs für den Einzelnen als tragbar gewertet werden darf. Von der Regierung gebildet, betreten wir das Amt des Staatsbürgers, im Gutglauben, natürlicher Intelligenz mit jedem Recht misstrauen zu können.
Getrieben von der Angst, Bekanntes sich entgehen zu lassen, bildet der Konsum oft die letzte Bastion der kleinbürgerlichen Selbstbehauptung. Dessen bloße Präsenz dient in unserer heutigen Zeit als Legitimation jeglicher Fehlinterpretation. Schwer ist es geworden, angesichts der Komplexität des Angebots etwas zu schaffen, das für sich selbst zu sprechen vermag; selten dient ein Wort mehr seinem ursprünglichen Zweck, wenn fremde Gedanken es leiten.
Der Kern meiner Formulierungen ist die Idee. Sie stellt etwas Geschehenes dar, dessen Konsequenz die Entstehung dieses Buches war. Für eine Fortsetzung dieses Prozesses müsste man sich durch das abgeschlossene Werk erneut inspirieren lassen, beziehungsweise der Inhalt müsste die Kraft besitzen, andere Leute zur Verarbeitung desselben zu bewegen.
Da diese Wege einander nicht ausschließen, möchte ich sie als Formen literarischen Lebens bezeichnen, die jenseits einer Absicht durch die verschiedenen Felder der Betrachtung gezogen werden.
Doch dieser Flexibilität unseres Bewusstseins steht eine Bequemlichkeit im Denken gegenüber, die jegliches Wissen nur mithilfe anerkannter Autoritäten aufnehmen kann. Die Polarisierungen des allgemeinen Interesses reichen von seichter Berieselung bis zu schierer Unverständlichkeit und münden in den Wahnsinn einer Kultur, die, in nackter Überforderung, durch angenehmere Tonarten schneller zu beeinflussen ist.
Endlose Reihen an Lehrmeinungen und statistischen Fakten mögen sich nun schon auf die andere Seite der Waagschale gesellt haben, um aufzuzeigen, dass die Meinung vieler nicht immer der eigenen entspricht, und diese dennoch oft kaum über weniger Gewicht zu verfügen scheint.
Schwere Worte, die hier über Großes streifen; ich hoffe, nicht zu scharf am Geschmack meines Lesers vorbeizustreifen, um ihm nicht zumindest etwas von dem geben zu können, was ich versuche, in diese Höhen zu tragen.

 



 
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