HERMANN HESSE

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wahre Liebe
- von dakini



wahre Liebe

die wahre liebe saß im wartezimmer des patentamtes und seufzte.
sie versuchte es jetzt schon zum zwölften mal. aber sie wollten es einfach nicht einsehen und ihren namen patentieren.
schiffe, dachte sie und schnaubte vor wut. schiffe. buttersorten. wollwaschmittel. pop-songs. und alle nennen sich "wahre liebe".
sie seufzte erneut und nahm einen schluck aus der mitgebrachten tequila-flasche. als prophylaxe gegen depressionen.

müde warf er die reisetasche aufs hotelbett.
endlich angekommen, stöhnte sie und warf ihm einen mißbilligenden blick zu, wegen der reisetasche, auf dem bett.
er sah sie nicht an.
sie legte sich aufs bett und verschränkte die arme hinter dem kopf.
irgendwie, sagte sie, und starrte an die decke, irgendwie ist das alles merkwürdig. ich weiß nicht. irgendwie nicht richtig....
er nahm die reisetasche und ließ sie einfach neben das bett fallen.
ehrlich gesagt, sagte er, spürbar entnervt, kann ich nicht verstehen, was du meinst. du wolltest doch hierher, wegen der legalität. also, was zum teufel ist los mit dir??
er sah sie an und strich dabei mit einer zornigen geste durch sein haar.
habe ich nicht alles gemacht, was du wolltest? was, verdammt noch mal, willst du eigentlich?
sie spürte tränen aufsteigen.
laß uns nicht streiten, sagte sie. vielleicht sind wir einfach nur müde von der langen reise.
er ging ruhelos auf und ab.
ich geh runter in die bar, meinte er dann. ich brauche ein bier. kommst du mit?
nein, entgegnete sie. ich glaube, ich schlafe lieber.
okay, erwiderte er, und es klang fast ein wenig erleichtert. er beugte sich zu ihr und gab ihr einen flüchtigen kuß auf die wange.
ich bin bald wieder bei dir. bye, bye, baby.
und er ging und schloß die tür hinter sich.
sie stand auf, öffnete die terrassentür und trat hinaus. draußen hörte sie die brandung. es roch schwer nach sommer. nach meer und tang und abfällen. irgendwo lachte jemand und eine autotür schlug zu. millionen von sternen sandten ihr licht. lautlos und geheimnisvoll.
sie atmete tief durch, ein paarmal, und ging dann wieder ins bett, wo sie sich einrollte wie ein kind. irgendwann schlief sie ein.
die wahre liebe kroch hinter dem fernsehapparat hervor, streckte sich ein bißchen, warf der schlafenden gestalt noch einen kurzen blick zu und verschwand.


schau mal, sagte lucky und zeigte galatea zwei riesige salatblätter, was hältst du davon? so als frühstück, meine ich?
galatea sagte gar nichts.
das hatte aber nichts zu bedeuten, denn sie sagte sowieso nie viel.
langsam, fast in zeitlupe, schlug sie ihre augen auf.
sehr, sehr schwarze augen.
lucky lächelte.
komm, lainda-tou-sinib, sagte er.
das war die sprache der cherokee und bedeutete: langsames-wesen-mit-sehr-schwarzen augen-wie-dunkler-nachthimmel.
die cherokee gab es nicht mehr, doch eine seiner ahninnen war eine cherokee gewesen, und er fühlte sich mit ihnen auf geheimnisvolle art und weise sehr verbunden. als gäbe es ein uraltes wissen in ihm. schon immer irgendwie. nicht wirklich greifbar, aber trotzdem da. als wohne in ihm so eine alte indianerin, die -erwünscht oder auch nicht- ihre kommentare abgab zu allem, was lucky so trieb. er hatte sich daran gewöhnt.
schwierig wurde es erst nach seinem unfall.
lucky hatte damals arbeit, bei der baubehörde. er gehörte zu einem trupp von straßenarbeitern, und damals sollten sie ein stück straße asphaltieren. warum gerade dieses stück, war niemandem so recht klar, aber schließlich hatte die baubehörde es so festgelegt und die zahlten seinen lohn.
lucky war wochenlang im krankenhaus gewesen. er konnte sich nur nebelhaft daran erinnern, und schließlich entließen sie ihn.
und dann hatte es angefangen. es waren die bäume am anfang.
er konnte plötzlich ihre lieder verstehen. ihre seltsame, uralte sprache. ihre langsamkeit. ihr anders-sein.
und dann die tiere.
es war eigentlich ganz einfach, sie zu verstehen.
zuhören war völlig genug....
natürlich machte er den fehler, diese neuentdeckte fähigkeit allen mitzuteilen. das brachte ihm ein halbes jahr in einer heilanstalt ein.
schließlich lernte er, seine klappe zu halten und sie ließen ihn gehen. geheilt. posttraumatische schizophrenie, war der arbeitstitel gewesen. lucky lächelte. wahrscheinlich würden sie die wahre liebe als verifizierbare autoinduzierte emotionsvariable bezeichnen.
ein tierpfleger, den er besucht hatte, hatte versucht ihn zu warnen.
sag nichts drüber zu irgendjemand draußen, hatte er gemeint.
sie glauben dir sowieso nicht.
aber er hatte es ja besser gewußt.


und, so sagte der chef-bioingenieur der supra-gen-gesellschaft mit seinem gewinnbringendsten lächeln, sie können völlig beruhigt sein. wir werden alle ihre wünsche absolut zuverlässig erfüllen.
was auch immer sie möchten.
intelligenz, musische talente, alles jahrelang wissenschaftlich erprobt.
hier, sehen sie unsere referenzliste....
supra-gen war eine gesellschaft für bio-engineering. einfach gesagt, führten sie "kosmetische" korrekturen an embryos durch. so daß die zukünftigen eltern dann auch den ersehnten nachfolger erhielten.
mit erfolgsgarantie.
chile war eines der wenigen länder, in denen bio-kosmetik legal war. legal, aber nicht billig.
dann, und der chef-bioingenieur lächelte wieder, hätten wir ja alles wesentliche. haben sie sonst noch irgendwelche wünsche?
ja, sagte sie, und sah aus dem fenster, das draußen eine seltsame mondlandschaft vorgaukelte, holoprojektion, ich hätte gerne, dass er schwarze augen hat. sehr schwarze augen. sie sah unsicher ihren mann an.
sonst, glaube ich, war das alles.
der ingenieur tippte ein paar codes in seinen computer.
und sie, fragte er, und sah ihn dabei an.
noch irgendetwas?
ja, antwortete er, und zu ihrer überraschung klang seine stimme plötzlich belegt. ich möchte, daß er.... daß er....
er suchte nach den richtigen worten.
ja ? fragte der bio-ingenieur geflissentlich. ja ?
...ich meine, fuhr er fort, ich meine, er sollte eine gewisse begabung mitbringen für.... für altertümliche instrumente, besonders für....für flöte, wissen sie, flöte....das kriegen sie doch hin, oder?
er sah den ingenieur an.
der tippte noch mehr codes in den computer.
flöte, ja, hier, murmelte er.
irgendetwas besonderes? europäisch? asiatisch? oder einfach nur flöte allgemein?
kostet allerdings einen aufschlag, sagte er dann entschuldigend. gehört nicht zum standard-programm.
flöte allgemein ist okay, sagte er und sah seine frau kurz an.
okay, sagte der ingenieur wieder und nickte erfreut.
tja, dann sind ja alle technischen fragen geklärt. wenn sie mir jetzt bitte folgen würden....


draußen saß die wahre liebe und sah sich das firmenportal an. sie saß schon seit stunden dort. nur zwischendurch war sie kurz losgegangen, weil der tequila zu ende war.
die wollust schlenderte die straße entlang und setzte sich neben sie.
oh gott, du schon wieder, sagte die wahre liebe, nicht gerade erfreut.
die wollust kicherte. na komm schon, sagte sie und kicherte, tu doch nicht so irre moralisch. das macht alt, ergänzte sie und kicherte erneut.
die wahre liebe würdigte sie keines blickes.
im grunde sahen sie sich sogar etwas ähnlich.
zum leidwesen der wahren liebe, denn sie wußte genau, daß die wollust häufig so tat, als sei sie die wahre liebe.
die leute standen einfach darauf.


nein, sagte lucky und betrachtete versonnen ein gänseblümchen, ich glaube, ich weiß nicht so genau, was "solipsismus" bedeutet.
galatea seufzte. das war eben so mit diesen kurzlebigen, schnellatmigen wesen. und sie war ja schließlich auch schon 496 jahre alt.
dann werde ich es dir erklären, sagte sie in ihrer seltsamen, gutturalen sprache.


und, sagte sie, als sie ihren eistee schlürfte, meinst du, es ist richtig, was wir tun?
oh gott, darling, erwiderte er, wir sind tausende von meilen gereist.... müssen wir alles noch einmal von vorne aufrollen? du weißt doch genauso gut wie ich, welche risiken heutzutage eine normale empfängnis beinhaltet... und du wolltest es doch auch, hast du das vergessen?
sie antwortete nicht. später tranken sie noch ein paar cocktails.
noch später, im hotel, lagen sie auf dem bett.
ich liebe dich, sagte sie, und sie meinte: ich brauche dich.
ich liebe dich auch, sagte er, und er meinte: ich will dich.
die wollust zog ihren pullover aus und sah der wahren liebe plötzlich ziemlich ähnlich.


weißt du was, galatea, sagte lucky und goß sich noch ein glas selbstgebrannten schnaps ein, ich spiel dir jetzt mal was vor.
aber bitte nicht das didgeridoo, sagte galatea, davon bekomme ich immer panzerjucken.
okay, sagte lucky, ich nehm die flöte.
und was spielst du, fragte galatea.
den schildkrötenblues, antwortete lucky.
oh ja, flüsterte galatea. den schildkrötenblues liebte sie nämlich.
er hob die flöte zum mund und fing an zu musizieren.
die klänge drangen weit in die laue sommernacht und verzauberten alle, die sie hörten.
die wahre liebe saß hinter dem haus im gras.
sie lächelte.

 



 
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