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Sie, der Andere und Paris
- von glasperlenspieler



Sie, der Andere und Paris

Lass uns einfach Freunde sein, hatte sie gesagt. Das war vor zwei Jahren und heute bin ich zwanzig. Mit meiner Altklugheit fühle ich mich manchmal wie neunundneunzig. Aber ich bin gescheiter als damals, immerhin.

Wir sind Freunde und sehen uns alle drei Wochen, reden über Belanglosigkeiten, wüssten aber mehr zu erzählen und zu erfahren. Doch damals, nachdem alles kaputt gegangen war, Gründe gibt es viele und keinen wirklichen, trat die Freundschaft zwischen uns. Als Mauer.
Einiges bleibt unausgesprochen, dafür Belangloses, höchstens noch: "Wie geht es dir?" – "Gut, etwas Stress an der Uni und zu Hause, aber eigentlich gut." Das Versprechen von damals bindet uns aneinander, lass uns Freunde sein.
Für mich war es anfänglich Hoffnung, denn "Freunde sein" klingt fast wie "wieder zusammen sein." Manchmal war es sogar "einfach gute", oder noch schlimmer, "sehr gute". Ist doch verdammt nahe bei "wieder zusammen".
So quälte ich mich, sah sie oft, obwohl alles vorbei war. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, wegen dem Anderen, dem Austauschschüler von Paris, welcher am 14.2. wieder zurück reiste.
Also blieb noch ich. Und die Hoffnung, dass aus einem "Freunde sein" wieder mehr würde. Immer wiederkehrende, atemlose Hoffnung.
"Es bringt nichts, er geht nach Paris, in zwei Wochen schon. Du wirst ihn viel zu selten sehen und er wird eine Neue kennen lernen. Paris, so weit weg."
Rational richtig. Auch für sie. Deswegen versuchte sie halbherzig mich wieder zu lieben. Halbherzig.
Aber ich war für sie weiter weg als Paris. Und in Paris war der Andere, darum hasste ich Paris, die Liebe, sie und den Anderen. Hasste mich und hatte grosse Selbstzweifel, quälte mich, wollte sterben und verachtete mich deswegen, mit achtzehn. Und erhoffte in dem "gute Freunde" mehr, als da war.
Nun ist diese Floskel, dieser Versprecher, das Einzige, was uns noch bindet. Aber schon beinahe gelöst. Lass uns keine gebundenen Freunde sein, sehen können wir uns trotzdem alle drei Wochen.

Manchmal spüre ich das Vergangene, das, was zwischen uns gewesen ist, kaum merklich, etwa ein Blick von ihr, das Parfüm oder einer ihrer so eigenen Ausdrücke.
Doch ich tu' es ab, bin jetzt gescheiter, mit neunundneunzig. Damals war ich siebenundneunzig, zum Sterben bereit, und altklug. "Paris ist weit weg." Ich habe Recht behalten mit dem Anderen, einmal ist sie noch bei ihm gewesen, doch er hatte schon eine Neue.
Zwei Jahre "Freundschaft". Kein hoffen, kein quälen mehr, aber es geht mir wirklich gut, ein wenig Stress.
Und älter und desillusionierter.
Dafür ist Paris seit vierzehn und zwei Monaten wieder sehr nah, für mich, ohne sie und den Anderen, immerhin.

 



 
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