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Ankommen
- von Goldmund



Ankommen

Abenddämmerung am Bahnhof. Der erste Zug fährt vorbei. Ebenso der zweite. Der dritte. Der vierte. Dann - nichts.

Kein Mensch steht am Bahnsteig, nie – so scheint es - ist es so still gewesen. Ein leiser Wind weht, der tausend Geschichten in sich trägt. Er singt oft Lieder, die er auf seiner Reise durch verschiedene Länder und über tausend blaue Wasser gehört hat. Er erzählt von Liebe und von Hass, von Hoffen, Bangen, Gewinn und Verlust, vom Fragen und von der Suche nach den Antworten. In der Ferne – die Lieder nicht hörend – sitzen Menschen, scheinbar dazu verdammt, taub zu sein, vor ihren eigenen Geschichten, die sie nicht verstehen, weil sie alles erforschen, weil sie allem auf den Grund gehen, weil sie so viele Geheimnisse und Rätsel nicht lieb haben wollen. Dies sind dieselben Menschen, die die Fenster schließen, wenn der Wind zu laut, seine Stimme zu bedrohlich oder zu klagend wird. Sie wollen sein Weinen nicht hören, denn er hat kein Gesicht, man kann ihn nicht erklären, außer mit Physik - und die interessiert keinen.

Jede Nacht verirrt sich ein einsamer Wanderer am Meer – mancher zum ersten, mancher zum hundertsten Mal – dort versucht er dann, seine Hoffnung, seinen Glauben oder seinen Mut wieder zu finden - und mancher auch sich selbst - indem er sich gegen den Wind und sein eigenes Ich ankämpfend, zum Leuchtturm durchschlägt.

Das Meer ist zu weit entfernt in diesen Stunden, als der Mond aufgeht, legt sich der Wind, der eben noch über den Alexanderplatz und am Funkturm vorbeifegte, wie eine weiche warme Decke über den Bahnhof und breitet sich nach und nach über der ganzen Stadt aus. Der Wetterbericht spricht von einer schwülen Nacht – ein meteorologisch ganz exakt zu bestimmendes Phänomen - der Wind aber möchte sich einfach nur ausruhen, ankommen.

René erwacht. Ute kommt gerade von der Nachtschicht und Matthias von der Party nach Hause. Bea reibt sich verschlafen die Augen. Christoph sitzt schon seit einer Stunde im Zug – er ist Pendler. Frau Lehmann schüttelt die Betten ihrer Patienten auf, hilft ihnen bei der Morgenwäsche. Christian sitzt im Flugzeug, beißt in ein hartes Brötchen, trinkt wässrigen Kaffee und versucht die Dame neben sich zu beruhigen. Marco bleibt heute liegen und Jasmin hat ihren Wecker nicht gehört. Sie ist unterwegs, fliegt mit dem Wind noch durch Zeit und Raum, über Felder und Wüsten, durch Amazonasgebiete, landet dann auf einem Hochhaus mitten in New York und als sie erwacht, ist alles blau. Nur ab und zu ziehen an ihrem Fenster schneeweiße Wolken und in ihrem Kopf vereinzelt die Fragen der vergangenen Nacht vorüber. Bevor sie sich auf den Weg zu ihrer gewohnten Arbeit macht, geht sie in den kleinen Laden um die Ecke und kauft sich etwas, das aussieht, wie der Himmel an diesem Tag. Ihre blauen Augen fangen an, zu leuchten. Die quälenden Gedanken der letzten Nacht schmelzen wie jedes einzelne köstliche Bonbon und sie denkt, während sich die letzten Traumfetzen auflösen: „Wahrscheinlich kommt es darauf an, Geduld zu haben. Einen Schritt nach dem anderen zu gehen, nicht vorgestern schon das übermorgen ändern und die Fragen, die sich noch nicht einmal stellen, schon heute beantworten zu wollen.“ Genau in diesem Moment fühlt Jasmin, dass sie nahe daran ist, anzukommen.

 



 
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