HERMANN HESSE

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Literarischer Austausch unter Morgenlandfahrern

 

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Lichter
- von NaimED



Lichter

Sonntag war´s, der dritte Advent um genau zu sein. Ich saß in auf einer Bank am Eisenstädter Busbahnhof, zum Schutz vor dem nicht aufhören wollenden Schneefall die Kapuze meiner Daunenjacke tief ins Gesicht gezogen und als Unterlage, um mir an der nassen und kalten Bank keine Krankheiten, die man so vom sitzen auf nassen und kalten Bänken kriegen kann, zu holen, hatte ich die Sonntagskrone gewählt, stilecht aus der Tasche gestohlen und für eh nichts besseres befunden als zum darauf sitzen. Vom Titelblatt grinste ein retouchiert weißes Alfons Haider Lächeln garniert mit Weihnachtsmannmütze zu mir hinauf und wie so oft um 4 Uhr morgens an diversesten Sonntagen (und besonders an denen im Winter, schon alleine auf Grund der Kälte) hier an dieser Stelle fragte ich mich ernsthaft: “Warum schon wieder?” Es war nicht immer dasselbe Alfons Haider Lächeln, es war nur einige Male im Jahr diese schreckliche rot-weiße Idiotenmütze, aber es war immer das selbe Gefühl, eines, das so gar kein Gefühl war, es war ein Scheißgefühl, weil es mich nichts fühlen ließ außer: “Scheiße! Warum echt schon wieder?”
Mein Blick schweifte über den Busbahnhof, direkt neben dem Dom gelegen deshalb auch Domplatz genannt, blieb mehrmals auf der Anzeigetafel für die Busabfahrtszeiten hängen, die mir jedoch nur anzeigte, dass der nächste Bus nach Mörbisch um 16:40 fahren würde und wann alle anderen Busse um diese Zeit wohin fuhren, jedoch nicht ob heute der Bus Richtung Wien um 4:35 (was ich hoffte) oder doch erst um 5:45 fahren würde. “Verfluchte Anzeige!” Murmelte ich in meinen Kragen, denn viel weiter aus meiner Jacke und der mit ihr verbundenen Wärme heraus brachte ich meinen Mund nicht, außer zum Rauchen, womit ich allerdings schon vor einer Viertelstunde aufgehört hatte, weil das Päckchen zu diesem Zeitpunkt und begleitet von der letzten Zigarette einfach leer geworden war. Die Anzeige erinnerte mich in ihrer Art und Weise, orange Schrift auf schwarzem Hintergrund, an etwas, wobei mir nicht so recht bewusst wurde woran, nur dass es ein eben so beschissenes Gefühl auslöste wie das rot-weiß der Weihnachtsmannmütze oder dieses strahlend-Perlmutt des Lächelns. Ständig flackerten einzelne Lämpchen der Anzeige, was mich immer in Erwartung versetzte endlich zu erfahren wann denn nun mein Bus fahren würde, allerdings blieb es bei dem flackern oder einige Lämpchen fielen aus (ich bin kein Elektriker, aber ich denke, so rein aus der Empathensicht, die ich oftmals zu Tag lege ohne es wirklich zu wollen, dass sich bei der Kälte sogar die elektrischen Impulse, die die Lämpchen zum Leuchten brachten einfach dachten: “Scheiß drauf, heute nicht!” und deswegen einfach ausgingen) so dass aus “Mörbisch” “Morbisch” wurde und aus dem “Südtirolerplatz” der “Sud…” und so weiter. Natürlich ich hätte auch aufstehen und ganz altmodisch zum gedruckten Busplan gehen können und mich dort informieren aber: 1. Sind diese Pläne teilweise (und vor allem hier am Land) schwerer zu lesen als ein Aufsatz des späten Heidegger (zu der Zeit als er schon bei Wörtern, die nur aus einer Silbe bestanden, Bindestriche einfügte); und 2. Bin ich ein Kind des 20. Und 21. Jahrhunderts. Nicht umsonst habe ich gelernt, wie man einen Computer benutzt, ich werde mich hüten in die Steinzeit zurückzufallen. Alles in allem könnte man beide Punkte in folgendem Satz zusammenfassen: Mir war zu kalt um aufzustehen und ich war zu besoffen um die schrecklich kleine Schrift auf den normalen Fahrplänen zu entziffern.
Ich saß, wie bereits erwähnt, sehr häufig Sonntag morgens hier, nachdem ich, allen inneren Widersprüche meiner selbst zum Trotz, wieder mal einen Teil von Vaters Unterhaltzahlungen in diverseste Getränkefirmen investiert hatte, und zwar auf die unrentabelste Art von allen. Und jedes Mal hatte ich keine Zigaretten mehr und gerade nur mehr das Geld für den Bus einstecken, wenn überhaupt ich nicht abhängig von der Gnade des Busfahrers war, welcher um diese Zeit und für die kurze Strecke die ich zumeist fuhr, doch hin und wieder bereit war ein Auge zuzudrücken. “Ich war ja selbst einmal jung!” hört man und freut sich, trotz des üblen Beigeschmacks einer dieser Großelternstories über wie viel schlimmer es damals war und das man selbst bei tiefsten Temperaturen noch zu Fuß 40 Kilometer in die Schule ging, dass man verstanden wird und eine gratis Fahrt spendiert bekommt.
Wieder ließ ich meinen Blick schweifen und blieb an den schrecklichen Weihnachtsverzierungen der Straßenlaternen hängen, die aussahen wie verkehrte Christbäume, wobei ich erkannte, dass man das Negativ zweier dieser Laternen aus einem etwas spitzen Winkel betrachten musste und man hatte ein Rechteck aus dem, mithilfe einer Hälfte eines dieser verkehrten Christbäume pro Laterne, ein gleichschenkliges, spitzwinkliges Dreieck herausgeschnitten wurde, ein Christbaum, wenn auch ein ziemlich einfallsloser. Je länger ich die Lichtkonstruktionen betrachtete (und hoffte, dass sie mir vielleicht etwas über die Abfahrtszeiten der Busse verraten würden) desto mehr verschwammen die einzelnen Lichter und begannen zu tanzen, mal wurden aus den Dreiecken Kreissektoren oder andere geometrische Figuren, die ich nicht benennen konnte und wollte (Mathematik - Trauma). Aber einen Busfahrplan, den sie möglicherweise in die morgendliche Dunkelheit hineinemittieren würden, den sah ich nicht.
Mir war unwohl, bedingt durch einen der typischen Samstagabend Alkoholexzesse und mein Magen drehte sich unaufhaltsam, jedoch zwang ich mich den Brechreiz zu unterdrücken, was mir auf Grund des, in mein Gehirn gebrannten, rot-weiß umrahmten frohe Weihnachten Lächelns, schwerer fiel als sonst. Zu schwer. Und was meine Willenskraft nicht mehr halten konnte, hielt auch mein Magen nicht mehr, weswegen sich eine Cola-Rot gefärbte Lache direkt vor meinen Beinen ergoss und den Geruch einer Wiener U-Bahn Toilette verbreitete. Der Schneefall war schlimmer geworden und die Parallelen zu Thomas Manns “Zauberberg” wurden mir immer deutlicher, vor allem durch den roten Auswurf von meiner Seite und dieses fiebrige Gefühl, dass mich gepackt hatte, seit ich auf den Speiseplan von ein- zwei Tagen zurückblickte, nur eben in flüssiger Form, doch die Maiskörner der Pizza Prosciutto vom Mittagessen waren noch deutlich zu erkennen. In einem Schwindel aus eben diesem Gefühl, dem restlichen Alkohol, der noch in meinem Körper war, und der immer beißender werdenden Kälte fielen mir kurz die Augen zu, Schlaf oder Bewusstlosigkeit, unnötig und unmöglich zu unterscheiden in meiner Situation, beides nicht vorteilhaft, wollte man in der Kälte überleben oder zumindest seine Gliedmaßen behalten. Gut, dies war nicht ein Lager auf dem Mount Everest und ich hatte nur ein paar Stunden zu warten, nicht ganze Tage, aber langsam fühlte ich mich verbunden mit jenen, die eben in einem solchen ihre Zehen oder anderes gelassen hatten.
“Oh, die Sonntags - Krone als Sitzkissen, ich sehe, hier sitzt ein Freund im Geiste, darf ich mich zu ihnen gesellen?” Wie aus einem Traum machte sich die Stimme in meiner Benommenheit breit, rüttelte mich an der Schulter, oder besser der Mann zu dem die Stimme gehörte, Anfang Sechzig, geschätzt, kahlköpfig und in einem Kunstpelzmantel, der bar jeglichen Geschmacks war. Der Mann breitete ebenfalls die Zeitung auf der Bank aus und setzte sich auf das strahlende Lächeln des letzten österreichischen “Entertainers”, was diesen jedoch nicht daran hinderte weiterzugrinsen und der Welt ein frohes Fest zu wünschen, manche lernen eben nie. “Zigarette?” fragte er und hielt mir die offene Packung hin, worauf ich eine herausnahm und genüsslich zu rauchen begann, so genüsslich es eben ging, wenn man bedenkt, dass es in meinem ganzen Mund nach Magensäure und wieder Verdautem schmeckte. “Was machen Sie um 5 Uhr morgens, bei einem solchen Wetter auf dem Domplatz?” “Schifahren, nach was sieht es denn aus? Ich warte auf den Bus Richtung Wien, warten sie, 5 Uhr? Dann hab ich ihn ja schon verpasst. Scheiße!” “Nein, nein, haben sie nicht, der kommt noch, Sonntags immer um 5:35, ich fahre Sonntags immer nach Wien um mir die heilige Messe anzuhören.” Ich musste mich zurückhalten ihm nicht schlimme Worte an den Kopf zu werfen, zu fragen wie blöd man sein muss nur wegen einer blöden Messe, die ja Sonntags in jeder Kirche gehalten wird, extra früh Morgens nach Wien zu fahren, ich wollte es freundlicher ausdrücken als es mir möglich war und zum Glück kam er mir zuvor: “Wissen sie, meine Enkelin, sie singt im Kinderchor ihrer Kirche, draußen in Strebersdorf. Eine wundervolle Stimme hat sie, sie singt die Soli. Letztes Jahr sang sie vor der ganzen Gemeinde “Stille Nacht”, so schön, alle haben geweint.” Inwieweit dieses Lied nun dazu gedacht ist, die Zuhörer zum Weinen zu bringen, wollte ich ihn nicht fragen, denn in seinen Worten klang viel Stolz mit und er wirkte auf mich etwas verloren und weltfremd, wobei man von mir natürlich dasselbe sagen konnte, saßen wir beide doch mit unseren Hintern im Gesicht von Alfons Haider und selbst wenn das der kleinste gemeinsame Nenner von unser beiden Gemütern war, so reichte es doch aus, dass seine Weltfremdheit auch meine sein musste, wenn vielleicht auch mit religiös anderem Vorzeichen. “Wissen Sie, ich bin kein überreligiöser Mensch”, setzte er fort, sich seinerseits eine Zigarette aus der Packung nehmend und nach einem Feuerzeug in der Innentasche seines Kunstpelzmantels wühlend, “aber immer wenn ich sie singe höre und vor allem singen sehe, danke ich Gott für sie und ihre Mutter, meine Tochter. Sie sind wundervolle Wesen.” Gut, Lagebericht, es war 5 Uhr morgens, mein Mageninhalt lag vor meinen Füßen im frischen Schnee und dampfte, die Drecks - Fahrplananzeige funktionierte nicht, es hatte gefühlte 0 grad Kelvin und neben mir saß ein alter Mann (auf dem Gesicht Alfons Haiders, wohlgemerkt, genauso wie ich und deshalb nicht als weltfremd zu bezeichnen) und erzählte mir seine verdammte Lebensgeschichte, gut, vielleicht nicht gleich soviel, aber auf jeden Fall erzählte er mir etwas aus seinem Leben, an dem ich gerade mal den Anteil hatte, dass ich es seit fünf Minuten neben ihm erlebte. Was war los? Würde dies eine dickenssche Begegnung werden, war er der Geist der vergangenen Weihnacht oder was auch immer und würde mir meinen Glauben zurückgeben, worauf ich Truthahn für alle kaufe und ein kleiner Krüppel Gott um Segen für alle bittet? Oder war er einfach ein verwirrter alter Mann, der gerne den Schulmädchen nachsah, wenn sie über die Straße gingen und sich dann zu Hause den einen oder anderen Kinderporno ansah und sich daran aufgeilte. (Ja, ich habe eine wahnsinnig stereotype, vorurteilsbehaftete Menschensicht und wäre sehr erfreut, wenn niemand daran Anstoß nehmen würde.) Oder war er einfach ein liebender Großvater vom Land, dessen Frau vor Jahren gestorben war und dessen einzige Freude es war, seiner Enkelin beim Singen zuzuhören… und den Schulmädchen nachzugaffen. Was auch immer, in meinen Augen war er zuallererst religiöser Fundamentalist, denn die Aussage “Ich bin kein überreligiöser Mensch” deutet zumeist darauf hin, dass er das sehr wohl ist und es nur zu vertuschen versucht, und zweitens: weil er am Sonntag morgen um 5:35 bei einer Schweinekälte auf einen Bus wartete nur um in die Kirche zu gehen.
“Sie sehen mich an, junger Mann, als wäre ich ein Gespenst.” “Tut mir leid, anders dreinschaun kann ich im Moment nicht, sie wissen, der Alkohol.” “Oh, ich verstehe, lange Nacht gehabt, nicht wahr?” Während er das sagte schob sich ein Grinsen in sein Gesicht, das einerseits so wissend und weise war, dass man sich voll verstanden fühlte wie nie zuvor und andererseits so schelmisch und lausbubenhaft, dass man denken konnte, er wäre 7 Jahre alt und hätte gerade mit ein paar Schweizerkrachern die Hühner seiner Großmutter in die Luft gejagt (wobei jedem Leser, der dies als Tierquälerei betrachtet, gesagt sein sollte, dass es hier nur um den Artenschutz und streng wissenschaftliche Beobachtungen geht… und es einfach verdammt geil aussieht wenn die Dinger platzen). “Naja, so lang war die Nacht dann doch nicht, sie war nur anstrengend. Es wird einfach Zeit für mich ins Bett zu gehen. Ich fühle mich nicht gerade wohl, wissen sie, es ist bitterkalt und ich habe wohl zuviel getrunken.” Ich hatte mir die typisch belehrende Antwort erwartet, die man nach solchen Aussagen immer von älteren Menschen bekommt, aber er sah mich nicht mehr an, seine Blick war auf die Lichtdreiecke fixiert, man konnte sehen wie sie in seinen Augen reflektiert wurden. “Wissen Sie”, sagte er äußerst nachdenklich und ohne seinen Blick abzuwenden, “ich finde es schrecklich wie enthusiastisch die Welt Weihnachten feiert. Selbst in den unbedeutensten und kleinsten Ortschaften hängen sie solcherlei Lampen auf, in Form des Stern von Bethlehem, einer Glocke oder eines Engels um eine Adventsstimmung zu erzeugen, ganz als wäre dies ein Staatsfeiertag, bei dem man die Fahne aufhängt. Dabei vergessen die Leute, dass Licht nicht nur leuchtet, sondern auch blenden kann. Es blendet die Leute und sie sehen den Sinn Weihnachtens nicht mehr, kaufen ihren Kindern sündteures Spielzeug, sitzen singend um den Weihnachtsbaum, nur um danach wie verrückt Geschenke aufreißen zu können, äußerst schade wenn sie mich fragen.” Also doch der Geist der vergangen Weihnacht, oder wie? Ich hatte keine Lust auf eine dieser traditionell gegen konsumkulturell geprägten Diskussionen zum Thema Weihnachten, man musste ja nur den Fernseher einschalten, so nach Mitternacht und man würde auf den öffentlich rechtlichen einige von diesen sehen, mit hohen Vertretern der Kirche, die kritisierten und kritisierten, aber nichts daran änderten, dass Weihnachten nun mal die Zeit im Jahr war, in der die Wirtschaft einen Boom sondergleichen erlebte, ja es sogar viele Firmen gab die genau auf diese Zeit im Jahr hinarbeiteten um den Käufern das richtig große Geld aus der Tasche zu ziehen. “Was glauben sie, junger Mann, wie viel die Stadt sich diese Lichtinstallationen kosten lässt? Tausende an euro, aber die Busabfahrtsanzeigetafel bringen sie nicht zum funktionieren, die haben sie aufstellen lassen, weil es so modern ist, aber das war es dann auch schon, prinzipiell nichts anderes als dieser Weihnachtsschmuck, nur hängt sie halt permanent da u d bringt nichts, außer den Fortschritt zu feiern. Ihr eigentlicher Sinn bleibt ihr verwährt, dadurch dass sie nicht funktioniert. So ähnlich wenn nicht genau so ist es doch heutzutage mit Weihnachten, wenn sie verstehen was ich meine?” “Wissen sie, ich bin der falsche Gesprächspartner hierfür, ich denke nicht, dass Weihnachten so sehr gefeiert werden muss, nur weil der Heiland geboren wurde, wenn sie so wollen, ich glaube nicht daran, insofern könnte es meinetwegen auch keinen religiösen Kontext haben beziehungsweise gar nicht sein.” In meinem Hirn schrie eine Stimme: “Humbug” und in meiner kranken Fantasie sah ich mich als Hauptdarsteller der Muppets - Weihnachtsgeschichte von lauter Filzfröschen umgeben.
Er sah mich jetzt direkt an, wobei ich mehr das Gefühl hatte, er würde einen Punkt hinter meinen Augen fixieren. “Sehen Sie, dass ist doch das Problem, keiner glaubt mehr daran. Man muss doch in Jesus nicht den Sohn Gottes sehen, man muss Weihnachten doch nicht in einen religiösen Kontext packen, ja, ganz im Gegenteil, sollte man gar nicht, man sollte “Weihnachten” auch nicht nur einmal im Jahr haben. Wissen Sie, das Problem ist folgendes: uns wird von allen Seiten, vor allem von der amerikanisch geprägten medialen, suggeriert, dass Weihnachten das Fest der Familie sei, eine teit der Heimker und Einkehr, in eine aufgesetzte Idylle, die unterstrichen wird von durch Weihnachtsbeleuchtung erhellte Straßen, es scheint ganz so, als wäre gerade das Auftauchen dieser ausschlaggebend dafür, dass man jetzt in sich geht und seinen Lieben zeigt wie gern man sie hat, auch wenn man die restlichen Wochen des Jahres kaum Interesse an ihnen zeigt. Und eben das ist aufgesetzt und falsch, wie so vieles heutzutage. Die Jugend ist jedes Wochenende in einer aufgesetzten Feierlaune, wobei hinter jedem einzelnen ein kleiner, unverstandener Nihilisten Scheißer, sie entschuldigen mein Ausdrucksweise, steckt, der nichts anderes hat als einen starken Geltungsdrang und der sein Verhalten als Kompensation seiner Minderwertigkeitskomplexe benutzt. Und Weihnachten ist das für unsere ganze Gesellschaft. Zu Weihnachten denkt man nach, zu Weihnachten hat man sich lieb, herrscht überall auf der Welt Waffenruhe und das alles nur, weil jede Stadt den Las Vegas Charme der Friedlichkeit rausholt und meterhohe Christbäume in ihr Zentrum stellt und ein Riesenspektakel daraus macht. Es geht hier nicht mehr ums glauben Wollen, es geht ums glauben Müssen. Friede auf Erden, für eine Woche, und dann bomben wir uns wieder die Schädel ein. Und alles nur wegen der blöden Lichter.”
Sein Gesicht war rot geworden und das nicht wegen der Kälte. Sein ganzer Körper zitterte vor Erregung. Der Mann war wütend, äußerst wütend und er begann schwer zu atmen. Seine Augen wurden glasig, er hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt und verkrampfte, er schien etwas sagen zu wollen, aber sein Mund öffnete und schloss sich nur, ohne dass Laute herauskamen, seine andere Hand griff an seine Brust und auf einmal kippte er nach hinten von der Bank herunter und begann zu röcheln. Scheiße, der hatte einen Herzinfarkt. Ich sprang von der Bank und ließ das Alfons Haider Lächeln allein und kniete mich neben seinen Kopf in den Schnee, hatte mein Handy bereits gezückt und die Notrufnummer gewählt. Er hatte noch Puls, schien wieder zu Bewusstsein zu kommen, mit geschlossenen Augen lag er da und begann wieder ruhiger, allerdings sehr flach zu atmen. Mit schwerer Stimme sagte er: “Wissen sie, ich sollte mich nicht so aufregen, in einer Zeit der Ruhe wie der jetzigen, es ist Weihnachten, zu Weihnachten stirbt man nicht, zu Weihnachten soll die Familie zusammenkommen um zu feiern, nicht um zu trauern, oder? Ich will meiner Enkelin nicht das Weihnachtsfest verderben.” Er lachte etwas, was aber sofort in ein gequältes Husten umschlug. Ich hielt seinen Kopf etwas in der Höhe, mir war noch immer schlecht und ich hoffte, dass ich mich nicht schon wieder übergeben würde und dass mich meine Kraft nicht verlassen würde, es drehte mich wie wild und der nasse Schnee schmolz mein ganzen Bein entlang, sodass meine Hose schon komplett nass war und mir dadurch immer kälter wurde. “Junger Mann, sie sind schuld daran. Warum hörten sie mir zu, wenn jemand zuhört, muss ich erzählen und mein Leben war lange und aufmerksam genug, dass ich, wenn ich erzähle wütend werde. Ich treffe hin und wieder Jugendliche um diese zeit hier, aber nie hören sie zu, sie sitzen immer nur da und wenn ich mit ihnen sprechen will, stehen sie auf und gehen weg, das ist gesünder für mich.” “Das ist zuviel der Ehre, wissen sie, ich bin kein Zuhörer, ich bin nicht anders als die alle, vielleicht war mein Zuhören nur so aufgesetzt wie alles, was sie der Jugend unterstellen.” “Dann trifft die Schuld mich selbst und nicht sie. Entschuldigen sie bitte. Ich sollte mir vielleicht weniger Gedanken machen. Hehe, das erinnert mich an den Steppenwolf von Hermann Hesse, es gibt einen Satz darin, der es treffend formuliert: “Mit dem Denken ist es mit dem Schwimmen. Man kann es weit darin bringen aber irgendwann ersäuft man.” Vielleicht ist dieses Aufgesetztsein der Gefühle nichts schlechtes, eine Art Schutzfunktion, sehen sie mich an, ich bin der beste Beweis, ich war ehrlich und was hat es mir gebracht? Ich liege rücklings im Schnee und das Atmen fällt mir schwer und sie in ihrem Zustand müssen sich um mich kümmern. Das Denken, junger Mann, macht und hilflos, noch mal, sehen sie mich an. Jahrelang habe ich mir den Kopf zerbrochen und was hat es mir gebracht? Einen Herzinfarkt am dritten Advent, welch Ironie. Nehmen sie meine Zigaretten, mir werden sie nicht mehr viel nützen.” Widerwillig kramte ich in der Innentasche seines Mantels nach seiner Packung Marlboro. “Sie können sich ruhig eine anzünden. Viel schlimmer als es jetzt um mich steht, wird es nicht mehr, woran Jahre des aktiven Rauchens schuld sind, macht jetzt fünf Minuten Passivrauchen auch nicht schlimmer.” Ich zündete mir eine Zigarette an und er öffnete die Augen und sah wieder auf die Weihnachtsbeleuchtung an. “Schön ist es ja trotzdem, auch wenn es blendet.” Da begann sich bereits das Blaulicht des Notarztwagens in seinen Augen zu reflektieren.
Nachdem sie ihn in den Wagen geladen hatten und ich alle Angaben machte, die ich machen musste meinte er noch aus dem Inneren des Wagens hinaus zu mir: “Wie es aussieht höre ich meine Enkelin heute nicht singen. Vielleicht nie wieder, vielleicht schon nächste Woche. Froher Weihnachten, junger Mann, auch wenn es aufgesetzt klingt.” Dan fuhren sie mit Blaulicht davon.
Kurz darauf kam auch schon mein Bus. Ich stand noch immer vor der Bank und blickte in die Weihnachtsbeleuchtung. Der Busfahrer öffnete die Tür, ich nahm die beiden Zeitungen und die beiden Weihnachtsmannmützenlächeln und warf sie in den Mistkübel. “Na, so früh schon unterwegs?” meinte der Busfahrer und ich nickte nur kurz. “Einen Euro fünfzig Cent bitte.”
Als ich ausstieg meinte er noch: “Schöne Weihnachtsbeleuchtung habt ihr hier. Guten Morgen.” Ich blieb noch an der Haltestelle sitzen und wartete auf den Sonnenaufgang, mit dem die Beleuchtung abgestellt werden würde.

 



 
 

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