HERMANN HESSE

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Abendliche Begegnung
- von Daydreaming



Abendliche Begegnung

Ein lebloser Körper lag neben den Gleisen auf dem Schotterbett. Dass es obendrein auch noch ein nackter Körper war, erkannt der der Stationsvorsteher Abel erst, als er seine Laterne darüber schwenkte. Ganz ruhig, wie es zu seiner Art und seinem Alter passte, näherte er sich. Er stand neben dem Körper und sah zunächst in beide Richtungen die Gleise entlang, denn oft kamen noch Güterzüge vorbei, auch spät am Abend. Er kniete nieder und sah, dass ein splitternackter Mann war, der auf dem Bauch lag. Er befühlte den Rücken, die weiche Haut war noch warm.
Was haben sie mit dir angestellt, hm, Dachte Abel.
Es war schon einige Male vorgekommen, dass Betrunkene und Landstreicher die Gleise entlang gestolpert und einfach darauf oder daneben liegen geblieben waren. Die meisten hatte Abel bei seinem abendlichen Kontrollgang entdeckt. Ein paar waren erst gefunden worden, nachdem der Sechsuhrzug bereits angekommen war. Die Lokführer waren immer ganz zittrig und verstört. Abel nahm den Schlauch, um die restlichen Spuren zu beseitigen.
Nun drehte er den Kopf, um das Gesicht des Mannes zu sehen. Es war noch ziemlich jugendlich mit feinen Zügen. Ein friedlicher Ausdruck lag darauf. Er ohrfeigte ihn und der Nackte schlug sofort die blassblauen Augen auf.
„Na, um diese Zeit nackt auf den Gleisen zu liegen ist aber ziemlich ungesund. Was machen Sie denn hier?“
Der Nackte hatte die Augen wie aus Überraschung weit aufgerissen und auch sein Mund stand einen Spalt weit offen, was den Ausdruck der Überraschung unterstrich. Er regte sich nicht, doch als er zu Sprechen begann, klang seine Stimme sanft und ruhig und klar.
„Ich war auf der Brücke.“
Abel sah in die Richtung, in der die Brücke lag. Ein Signal glomm davor in der zunehmenden Dunkelheit.
„Ist Ihnen was zugestoßen? Sind Sie verletzt?“
„Ich wollte springen.“
„Springen? Aber warum liegen Sie hier und wo sind Ihre Kleider?“
„Im Fluss, denke ich. Ja, der Strom trug sie mit sich fort. Der braune, schnell dahin fließende Fluss, über den sich Ihre Brücke spannt.“
Abel wusste nicht, warum er „Ihre Brücke“ sagte, aber die ganze Erscheinung verwirrte ihn, wozu die Auskünfte des Nackten noch beitrugen.
„Wie ist denn ihr Name?“ fragte Abel.
„Guillaume. Julien Guillaume.“
„Sind Sie denn Franzose?“
„Nein. Nein, nicht direkt.“
Abel zog die Augenbrauen hoch.
„Na, Sie sind mir ja ein Fund. Können Sie denn aufstehen?“
„Ich denke schon.“
Er kam auf die Füße und Abel gab ihm seinen Mantel, denn es war kalt. An mehr als seinen Namen und seine Absicht, sich das Leben zu nehmen konnte der mysteriöse Fremde sich dem Anschein nach nicht erinnern. Im kalten Licht des Vollmondes gingen sie zurück zum Bahnhof. Im gut geheizten Zimmer des Bahnhofvorstehers saß Guillaume in zwei Decken eingewickelt, dicke Wollsocken an den Füßen, eine Tasse dampfend heißen Tees in der Hand. Er saß in dem bequemen Sessel, während Abel sich mit einem einfachen Stuhl begnügte. Nachdem Guillaume einige Schlucke genommen und Abel sich eine Pfeife gestopft hatte, begann dieser erneut, ersteren auszufragen.
„Erzählen Sie doch bitte noch einmal ganz genau, was passiert ist“, bat Abel.
Der vermeintliche Franzose schlug die Beine übereinander und machte eine Geste, als befände er sich nicht im Hinterzimmer eines heruntergekommenen Vorortbahnhofs, sondern in einem vornehmen Salon in Paris, wo feine Herren über Politik und Philosophie diskutierten.
„Wie ich schon sagte, ich stand also auf der Brücke, meine weltlichen Kleider im Fluss darunter. Natürlich hatte ich vor, zu springen, denn wie Sie ja sehr wohl wissen, ist diese Brücke ausschließlich für den Zugverkehr konzipiert. Die Gründe für mein Handeln liegen mir jedoch ebenso im Dunkeln – oder sollte ich sagen, im Unklaren – wie Ihnen in diesem Moment. Doch gerade, als ich die Scheu vor dem Sprung überwunden und den Tod akzeptiert hatte – damit kenne ich mich aus, müssen Sie wissen – ich hatte die Knie schon gebeugt, da erklang eine Stimme, die einer Melodie sang so wunderschön, dass sie eine ganze Großstadt lahm legen könnte, nur durch ihre bezaubernde Anziehungskraft. Und ich erkannte das Lied, es ist schon uralt, viel älter als die Lieder der Kirche. Und auf einmal war mir alles klar; dort stand ich, meine Zehen klammerten sich an die kalte Stahlkante und es war wie ein Licht, das über dem Fluss erschien und mir sagte, nicht zu springen. Ich war erfüllt von Wärme und purem Glück. Alle versperrten Wege taten sich vor mir auf. Es war wie damals, ich konnte wieder sehen, was den Augen verborgen bleibt. Sie müssen wissen, ich komme nicht von hier. Mein, wie soll ich sagen, Aufgabenbereich lag etwas höher.“
Er lächelte ein wenig verlegen und löst die Augen von der Decke. Abel wusste nicht, was er davon halten sollte. Er hatte schon allerlei merkwürdige Geschichten gehört, aber so etwas, vorgetragen mist solcher Überzeugung und Aufrichtigkeit, noch dazu ohne den Einfluss von Alkohol, dem derartige Erzählungen unterworfen waren, war ihm noch nie berichtet worden.
„Und Sie wissen nicht, woher Sie kommen?“ fragte Abel zaghaft.
„Es ist keinesfalls so, dass ich es nicht wüsste, nur es zu erklären in einer, überzeugenden Weise, dürfte mir schwerlich gelingen.“
Wieder zeigte er sein verlegenes Lächeln, als versuchte er, die Umstände zu entschuldigen.
„Als ich die Brücke verließ“, fuhr er fort, „überkam mich plötzlich neben dem Gleise eine starke Müdigkeit, der ich schließlich nachgeben musste, bis Sie, mein Herr, mich dort auflasen, wofür ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet bin.“
Obwohl er keine Angst hatte, war Abel doch unwohl in Gegenwart dieses Fremden, der von plötzlichem Licht und übernatürlichen Stimmen sprach. Vielleicht gehörte er in eine Anstalt und wusste es selbst nicht. Es war zu spät, jetzt noch herumzutelefonieren, also beschloss er, seinem Gast eine Schlafstätte für die Nacht zu bieten, denn gefährlich erschien dieser ihm nicht. Doch zu Abels Überraschung lehnte Guillaume dies ab.
„Lieber würde ich ein Stück mit Ihnen gehen. Sehen Sie, ich konnte nicht umhin, zu bemerken, dass diese Station bald geschlossen werden soll. Das muss Sie sehr bedrücken.“
Abel fragte sich, woher der Fremde von der bevorstehenden Schließung der Station, deren einziger verbliebener Bediensteter er war, wusste und warum er ausgerechnet mitten in der Nacht einen Spaziergang machen wollte. Er überlegte sich, den Spaziergang Richtung Ortsmitte zu lenken, um so den jungen Mann bei der Polizeiwache vorzustellen. Die Beamten dort kannten sich sicherlich besser mit derartigen Fällen aus als ein kahlköpfiger Eisenbahner. So gingen sie vor die Tür, Guillaume nur mit seinen Decken und dem geliehenen Mantel, er sagte, das sei vollkommen ausreichend, und der Stationsvorsteher mit dem hinkenden Gang und der Laterne vorneweg. Als er den Weg zum Ort einschlagen wollte, berührte Guillaume ihn sanft am Arm.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir ein Stück an den Gleisen entlang gingen?“
Aus einem ihm nicht ersichtlichen Grund willigte Abel ein und so stiegen sie vom Bahnsteig herab und liefen auf dem Schotter den Weg, den sie kurz zuvor schon in die entgegen gesetzte Richtung zurückgelegt hatten. Sie erreichten die Stahlbrücke, die nur schwach vom Mondlicht beleuchtet wurde.
„Wie oft sind Sie schon hier gewesen, obwohl dieser Teil der Strecke gar nicht mehr in Ihre Zuständigkeit fällt? Wie oft haben Sie hier über dem Fluss schwebend gestanden, in die verheißungsvolle Ferne geblickt und sich gefragt, wozu das alles gut sein sollte? Stationsvorsteher eines Bahnhofs, an dem kaum noch Züge halten, der auf den neu gedruckten Fahrplänen schon nicht mehr erwähnt wird. All die langen, einsamen Jahren haben Sie treu und ohne zu murren Ihren Dienst versehen und was ist der Dank für all Ihre Aufopferung? Man wird Sie entlassen, quasi aufs Abstellgleis schieben und ausrangieren. Bitter ist die Zukunft, doch auch sie wird süß, wenn sie erst Vergangenheit ist.“
Guillaume legte eine Pause ein und trat an den Rand der Brücke. Mit der einen Hand hielt er sich an der Stahlverstrebung fest, mit der anderen hielt er seinen Umhang aus Wolldecken zusammen. Abel schwieg und betrachtete das Spiel des Mondlichtes auf den Wellen.
„Als ich hier stand und die himmlische Melodie hörte, da wurde mir klar, dass ich falsch lag mit dem Wunsch, zu springen. Ich hatte etwas vergessen. Nicht ich war derjenige, der sein Leben den Fluten anvertrauen wollte, nein. Und als ich im Gleisbett vom Schlaff übermannt wurde, da geschah auch das nicht ohne Grund. Verstehen Sie, ich lag dort nur deswegen, weil Ihr Kontrollgang Sie genau zu dieser Stelle führen würde. Waren nicht Sie es, der am Tag zuvor auf dieser Brücke stand und sich des Schicksals eines überflüssigen, arbeitslosen Eisenbahners entledigen wollte?“
Abel schluckte hart.
„Ich …“ begann er. „Wir sollten jetzt zurückgehen Vielleicht kann Ihnen der Wachtmeister im Ort helfen.“
„Aber Sie brauchen nicht zurückzugehen“, erwiderte Guillaume sanft.
Er nahm den Arm des Stationsvorstehers. Sogleich wurde dieser von unglaublicher, aber ausgesprochen angenehmer Wärme erfüllt. Sein Blick wurde klar, seine Haltung straffer.
„Nein“, sagte er flüsternd, „ich muss nicht zurück. Nie mehr.“
Der dünne Baldachin der Wolken riss auf und statt des fahlen Mondlichts breitete sich ein Licht aus, so golden und warm, schöner noch als einem sonnigen Frühlingstag. Es erleuchtete die Brücke und des schien, als glühe die Konstruktion selbst. Das Licht wurde heller, ja blendend und die Wärme breitete sich aus, während Guillaume und Abel sich mit dem Ausdruck reiner Freude und Entspannung noch immer an den Armen hielten. Zuletzt war das Licht so gleißend, dass vom Gleis aus die Brücke nicht mehr zu erkennen war. Als es langsam schwächer wurde und schließlich ganz erlosch, war die Brücke leer. Unter ihr bahnte sich der braune Fluss seinen Weg im Schummerlicht der Vollmondnacht.

 



 
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