HERMANN HESSE

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  Der Nobelpreis für Literatur
 

1946 verliehen an Hermann Hesse

 

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Der Nobelpreis

Kleine Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises an
Hermann Hesse
von
Dr. Kjell Strömberg
ehemaligem Kulturattaché an der schwedischen Botschaft in Paris

 

In den Jahren unmittelbar vor dem letzten Krieg bot die Liste der von der Nobelstiftung für den Literaturpreis vorgeschlagenen Kandidaten durchweg nicht viel Abwechslung. Jahr für Jahr kehrten dieselben Namen wieder, und sie verschwanden erst beim Ableben der Kandidaten, falls diese nicht vorher noch das Glück hatten, von dem hohen Areopag der Preisverleiher ausgewählt zu werden. Mit wenigen Ausnahmen hatten die schließlich Ausgezeichneten viele Jahre antichambrieren müssen. Die Unterbrechung, die der Krieg in die Reihe der Preisträger gebracht hatte, scheint allerdings auch eine gewisse Erneuerung der vorschlagsberechtigten Bildungsinstitute herbeigeführt zu haben, so daß seit 1946, dem ersten Jahr des wiedergewonnenen Friedens, die Zahl neuer, im Wettbewerb an der Seite der alten erscheinenden Kandidaten beträchtlich zunahm. Unter den in diesem Jahr erstmals vorgestellten Persönlichkeiten befinden sich nicht weniger als fünf künftige Preisträger - unter ihnen zwei Franzosen: André Gide und Francois Mauriac, zwei Engländer: T. S. Eliot (bereits im Jahr vorher zur Wahl angemeldet) sowie Sir Winston Churchill, und schließlich ein Russe: Boris Pasternak.

Doch gewann diesmal einer der »Alten«, nämlich Hermann Hesse, der seit mindestens fünfzehn Jahren zur Wahl stehende Kandidat, den edlen Wettstreit um den Literaturpreis des Jahres 1946. Schweizerischer Staatsbürger deutscher Herkunft, gehörte dieser 1877 geborene Schriftsteller zur Generation von Thomas Mann, dem Nobelpreisträger von 1929; mit ihm ist er als beredter Vertreter und Verteidiger des abendländischen Humanismus oft verglichen worden, jenes Humanismus, den die neuen Herren ihres gemeinsamen Vaterlandes eben noch so brutal verhöhnt hatten. Der schmeichelhafte Vergleich erschwert natürlich eine gerechte Würdigung seines mehr oder weniger in diesem großen Schatten stehenden Werkes, man muß jedoch hervorheben, daß Thomas Mann selbst keine Gelegenheit versäumt hat, die Verdienste des zwei Jahre Jüngeren hervorzuheben; er war außerdem der erste, der beharrlich für Hermann Hesses Kandidatur eintrat, bis sie diesem dann schließlich auch zuteil wurde. Andererseits hatte sich Hesse - dessen Großvater väterlicherseits Balte und dessen Großvater mütterlicherseits Welschschweizer gewesen war - seit dem Ersten Weltkrieg offen vom offiziellen Deutschland losgesagt. Er hatte sich in der Schweiz niedergelassen und war dort im Jahre 1923 naturalisiert worden - ein Umstand, der die Verbreitung seiner Werke, sogar vor Hitlers Machtübernahme, auf deutschem Boden nicht gerade begünstigte. In der übrigen Welt war sein Werk vor der Zuerkennung des Nobelpreises - abgesehen vielleicht von den skandinavischen Ländern - trotz teilweiser Übersetzung ins Französische und ins Englische kaum bekannt gewesen.

In seinem ersten Bericht vom Jahre 1931 über dieses Werk betonte Per Hallström, der damalige Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, entgegen der allgemeinen Meinung der deutschen Kritik, Hermann Hesse sei in erster Linie nicht Romancier und Philosoph, sondern ein ganz mit seinen persönlichen Problemen beschäftigter Dichter, obwohl sein wesentliches Schaffen aus den Prosaerzählungen von allerdings besonders gepflegtem Stil bestehe. In seinen Erzählungen, vor allem in »Peter Camenzind« und »Unterm Rad«, die beide vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind, könne man einen deutlichen Einfluß von Gottfried Keller, dem klassischen Darsteller des ländlichen schweizerischen Wesens, erkennen. Seine eigentliche Originalität habe Hesse in den großen Romanen der zwanziger Jahre erreicht, vor allem in »Demian« (1919) und ganz besonders im »Steppenwolf« (1927). Beide seien von der tiefen Gewissenskrise geprägt, welche die abendländische Welt nach dem großen Morden zerriß. Das letztere Werk - eine Art Goethescher Bildungsroman neuer Formel, in dem sich Themen von E. T. A. Hoffmann, Nietzsche, Freud und Dostojewskij begegneten - sei als der Höhepunkt seines gesamten Schaffens zu betrachten.

Trotz seiner kaum verhohlenen Bewunderung ist der Berichterstatter jedoch nicht überzeugt, daß dieses beunruhigende Werk, das die menschliche Seele im Kampf mit den mannigfachen Versuchungen und Kräften der Zerstörung zeigt, tatsächlich dem literarischen und geistigen Streben entspricht, das der verstorbene Nobel durch seinen Preis unterstützen wollte - »es sei denn, der Erfinder des Dynamit hätte einen Instinkt des Bösen glorifizieren wollen, der das menschliche Denken blindlings zum Scheitern bringt«. Kurz, er konnte den Kandidaten von Thomas Mann nach bestem Wissen und Gewissen nicht vorbehaltlos für den »großen schwedischen Weltpreis literarischer Großtaten« empfehlen. So kommt es, daß der schon zuvor gekrönte Autor der »Buddenbrooks« und des »Zauberbergs« in einem zur Feier des sechzigsten Geburtstags Hermann Hesses von der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichten, außerordentlich lobenden Artikel diesmal offiziell für seinen alten Freund und Exilgefährten, den Autor des seiner Meinung nach zu Unrecht verkannten »Steppenwolfs«, den Nobelpreis forderte.

Doktor Per Hallström hatte sich wiederholt in die Lektüre des umfangreichen Werkes von Hermann Hesse vertieft und über die Ergebnisse Rechenschaft abgelegt. Doch nicht einmal das Hauptwerk der späten Jahre, »Das Glasperlenspiel«, tausend Seiten, 1943 veröffentlicht, ein Ozean von einem Roman, hat seine Ansicht ändern können. Diese apokalyptische Vision von der Zukunft der Menschheit, die reife Frucht von zehn Jahren Arbeit und Spekulation, war geladen mit einem allzu unverständlichen Symbolismus, als daß sie die Aufmerksamkeit des zahlenmäßig begrenzten Publikums der kleinen Schweiz hätte fesseln können; mitten im Krieg hatte man andere Sorgen und ließ sich nicht gern mit diesem Übermaß an Pessimismus konfrontieren. Der deutsche Markt aber war seit Kriegsbeginn für Hermann Hesse streng gesperrt.
Alles in allem war es also seine lyrische Dichtung, die - gleichzeitig in ihrer Gesamtheit gesammelt und veröffentlicht - bei Hesses schwedischen Beurteilern den Ausschlag gab. Diese Poesie, besonders diejenige neueren Datums, bot nach Meinung von Anders Österling und einigen anderen kompetenten Mitgliedern der Akademie auf diesem Gebiet das Vollkommenste, was in der deutschen Sprache unserer Tage geschaffen worden war. Die Schwedische Akademie, von dem Wunsch beseelt, die reine Dichtung dort zu belohnen, wo sie in einem der Poesie feindlichen Klima noch blühte, wußte kaum eine bessere Gelegenheit und ein würdigeres Objekt zu finden, um diese Absicht zu verwirklichen: das ist die Schlußfolgerung der eingehenden Prüfung. Das Ganze, Vers und Prosa, gut gegeneinander abwägend, wird man sich einig, den Preis für 1946 Hermann Hesse zuzuerkennen »für sein inspiriertes, kühnes und tiefes Werk, das mit seinen verschiedenen Aspekten den klassischen Humanismus und zugleich eine Stilkunst von höchsten Werten repräsentiert«.

Hermann Hesse, von empfindlicher Gesundheit und ernstlich erkrankt, hatte sich in ein Sanatorium im Tessin nahe dem Luganer See, dem Ort, wo er sich auch für seine alten Tage ansiedelte, zurückgezogen; dort erfuhr er die unverhoffte Neuigkeit seiner Krönung. Da er nicht nach Stockholm fahren konnte, um den Preis selbst in Empfang zu nehmen, wurde dieser dem literaturkundigen Gesandten der schweizerischen Eidgenossenschaft in der schwedischen Hauptstadt, Henry Vallotton, übergeben. Anders Österling hielt im Namen seiner Kollegen von der Schwedischen Akademie die öffentliche Verleihungsrede und feierte Hermann Hesse als den größten zeitgenössischen Lyriker deutscher Sprache nach dem Ableben Stefan Georges und Rainer Maria Rilkes. Als Mensch guten Willens, stets treu seiner dichterischen Berufung, im Ringen um die bedrohten menschlichen ldeale, habe Hermann Hesse Wesenszüge gemeinsam mit Buddha und Franz von Assisi, aber auch mit Nietzsche und Dostojewskij.

In seiner Dankesbotschaft, die der schweizerische Gesandte nach der offiziellen Feier der Preisverleihung während des Banketts verlas, bekannte sich Hermann Hesse als leidenschaftlicher Verfechter der Idee, die sich in der Nobelstiftung verkörpere, »der Idee der Überstaatlichkeit und Internationalität des Geistes und ihrer Verpflichtung, nicht dem Krieg und der Zerstörung, sondern dem Frieden und der Völkerversöhnung zu dienen«. Für den Preisträger des Jahres bedeutete der ihm zuerkannte Preis weniger eine persönliche Ehrung als eine Anerkennung der Rolle, die der deutsche Beitrag für die gemeinsame Kultur noch spielen konnte, mit anderen Worten: eine Geste der Befriedung, geeignet, allen Völkern der Erde den Weg zu einem geistigen Zusammenwirken zu eröffnen...

Obwohl das Halbdutzend von Hesses Hauptwerken bereits vor seiner Auszeichnung übersetzt worden war, wurde sein Name eigentlich erst nach diesem Ereignis allgemein bekannt und sein gewaltiges, einige fünfzig Titel umfassendes Werk von der internationalen Kritik untersucht und in den Universitätsvorlesungen der Alten wie der Neuen Welt bis hin zum Fernen Osten besprochen. Japan scheint hinsichtlich der Zahl der Übersetzungen den Rekord zu halten, während die Vereinigten Staaten von Amerika - was die Zahl der dem Werk Hermann Hesses gewidmeten Doktorarbeiten betrifft - nach Westdeutschland an zweiter Stelle standen. Die neue Welle von Aufmerksamkeit, die sich während der letzten Jahre in den USA ausbreitete, ließ dort nun aber auch die Übersetzungen Raum gewinnen. In Frankreich waren Romain Rolland und André Gide lange Zeit Freunde und treue Briefpartner Hermann Hesses gewesen. André Gide, der das Vorwort zu der französischen Übersetzung von Hesses Buch »Die Morgenlandfahrt« (erschienen 1932) verfaßt hatte, konnte übrigens unmittelbar nach ihm seinen Namen in der Liste des Nobelpreises f ür Literatur verzeichnet finden.


 
 
 
   

 


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