HERMANN HESSE

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  Der Nobelpreis für Literatur
 

1946 verliehen an Hermann Hesse

 

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Der Nobelpreis

Verleihungsrede
von
Anders Österling
ständigem Sekretär der
Schwedischen Akademie
anlässlich der feierlichen Überreichung
des Nobelpreises für Literatur
an
Hermann Hesse
am 10. Dezember 1946

 

Majestät, Exzellenzen, meine Damen und Herren,

der Nobelpreis ist einem Schriftsteller zuerkannt worden, der auf allen Gebieten, denen er sich zuwandte, berühmt geworden ist, einem Schriftsteller deutschen Ursprungs, der geschaffen hat, ohne sich um die Gunst des großen Publikums zu kümmern. Der heute neunundsechzig Jahre alte Hermann Hesse kann auf eine bedeutende Produktion von Romanen, Novellen und Gedichten verweisen, die zum Teil ins Schwedische übertragen worden sind.

Er ist einer der ersten deutschen Schriftsteller gewesen, der sich vom Einfluß der Politik freimachte, indem er sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Schweiz niederließ und 1923 die Schweizer Staatsangehörigkeit erwarb. Es muß insoweit jedoch bemerkt werden, daß Hermann Hesse sich im Hinblick auf Herkunft und persönliche Verbundenheit bereits in seiner Jugend ebenso als Schweizer wie als Deutscher betrachten konnte. Als Bürger eines Landes, das zu den neutralen Schutzmächten Europas gehörte, durfte er sich seiner bedeutenden literarischen Aufgabe in verhältnismäßiger Ruhe hingeben, und die Ereignisse haben mit ihrer Entwicklung gezeigt, daß er hinfort neben Thomas Mann als der würdigste Verwalter des deutschen kulturellen Erbes innerhalb der zeitgenössischen Literatur gelten darf.

Mehr noch als bei den meisten anderen Schriftstellern müssen bei Hermann Hesse seine persönlichen Voraussetzungen ins Auge gefaßt werden, damit ein Begriff von den in der Tat erstaunlichen Elementen seiner Natur entstehen kann. Er entstammt einer streng pietistischen schwäbischen Familie; sein Vater war ein angesehener Kenner der Kirchengeschichte; seine Mutter, die Tochter eines Missionars französischer Herkunft, war in Indien aufgewachsen. Selbstverständlich wurde der Sohn zum Theologen bestimmt und als Gymnasiast in das Seminar von Maulbronn geschickt. Er entfloh von dort, ging als Lehrling zu einem Uhrmacher und später als Buchhändlergehilfe nach Tübingen und Basel.
Seine jugendliche Auflehnung gegen die Familienfrömmigkeit, eine Religiosität, die er gleichwohl sein Leben lang im Grunde des eigenen Wesens barg, erneuerte sich mit der Heftigkeit einer schmerzhaften inneren Krise, als er - ein gemachter Mann und bekannter Schriftsteller in seinem Vaterland - im Jahre 1914 neue Wege beschritt, die sich weit von den bisherigen idyllischeren Gefilden entfernten. Im Grunde kann man zwei Motive anführen, die den plötzlich eintretenden, völligen Wandel in Hermann Hesses Werk bestimmten.

Zunächst natürlich der Weltkrieg. Als er zu Anfang an seine sich ereifernden Kollegen einige Worte der Überlegung und der Beruhigung richten wollte und sich in seinem Appell Beethovens Devise zu eigen machte: »O Freunde, nicht diese Töne !«, rief er einen Sturm der Entrüstung hervor. Die deutsche Presse griff ihn heftig an, und er nahm sich diese Erfahrung sicherlich sehr zu Herzen. Die Attacke bestätigte ihm zugleich, daß die gesamte abendländische Kultur, an die er so lange geglaubt hatte, im Verfall begriffen war und zugrunde zu gehen drohte. Die Lösung mußte jenseits der geltenden Regeln gesucht werden, vielleicht im Licht des Orients oder auch als Keim in der ethisch-anarchischen Lehre von der Wiederkehr des Guten oder des Bösen in einer höheren Sphäre. Krank und unentschlossen, suchte er Heilung in der damals mit soviel Eifer verbreiteten und praktizierten Freudschen Psychoanalyse. Freuds Lehre hinterließ denn auch tiefe Spuren in den zu jener Zeit von Hesse veröffentlichten, immer kühner werdenden Werken.

Diese persönliche Krise fand ihren großartigsten Ausdruck in dem imaginativen Roman »Der Steppenwolf«, der 1927 erschien und die Zwiespältigkeit der menschlichen Natur in genialer Weise schilderte, jene Spannung zwischen dem Trieb und dem Geist bei ein und demselben Individuum, das sich außerhalb der alltäglichen sozialen und moralischen Anschauungen stellt. In dieser bizarren Geschichte des Menschen, der, gepeinigt von seiner Nervenkrankheit, gleich einem gehetzten Wolf überall heimatlos ist, hat Hesse etwas Unvergleichliches geschaffen, ein Buch, geladen mit Explosivstoff, gefährlich und unheilvoll, wenn man so will, aber zugleich befreiend durch seine Mischung von düsterem Humor und Poesie, mit denen Hesse den Stoff durchtränkt. Es geht um die Überwindung der Hemmnisse, aber zum Unterschied von der Mehrzahl der von Freud beeinflußten Romane der zwanziger und dreißiger Jahre ist der »Steppenwolf« ein ursprüngliches und inspiriertes Werk. Trotz aller modernen Probleme bleibt Hesse in der Linie der besten deutschen Tradition; der klassische Typ, an den diese ungewöhnlich suggestive Erzählung erinnert, ist E. T. A. Hoffmann, der Schöpfer der »Elixiere des Teufels«.

Als zweiter Faktor, der das Werk Hermann Hesses beeinflußt, mag gelten, daß er der Enkel des bekannten Indienkenners Gundert war und sich schon in seiner Kindheit von allen erschlossenen Quellen der indischen Weisheit angezogen fühlte. Als Hesse in reiferen Jahren eine Reise in das Land seiner Sehnsucht unternahm, lösten sich ihm zwar die Rätsel des Lebens nicht, doch erhielt sein Weltbild eine gewisse Prägung durch den buddhistischen Einfluß; die schöne Erzählung »Siddharta« (1922), die Legende von der Reinheit des jungen Brahmanen Buddha, ist nicht das einzige Zeugnis dafür. Ganz eigenartig schlingen sich in seinem Werk die verschiedensten Ideenverbindungen ineinander, die Franz von Assisi und Buddha, Nietzsche und Dostojewskij in einem Grade entliehen sind, daß man versucht sein könnte, Hesse zunächst als einen eklektischen Experimentator verschiedener Weltanschauungen zu betrachten. Doch ist das vollkommen falsch. Seine Wahrhaftigkeit und Ausgeglichenheit sind die idealen Grundlagen seiner Werke, und selbst bei der Behandlung gewagtester Themen verläßt er diese Linie nicht.
In seinen erfolgreichen Novellen zeigt sich uns seine Persönlichkeit unmittelbar und mittelbar. Seine stets aller Bewunderung würdige Stilistik erreicht ihre Vollkommenheit sowohl in der dämonischen Darstellung aggressiver Ekstase wie in den friedlichen Betrachtungen abgeklärter Lebensphilosophie. Die Geschichte von Klein, jenem verzweifelten Dieb, der nach Italien flieht, um dort nach seiner letzten Glücksmöglichkeit zu fassen, und die wunderbare, flüssig erzählte Schilderung des verstorbenen Bruders Hans in »Gedenkblätter« (1937) sind meisterliche Beispiele aus sehr verschiedenen Bereichen.

Ein besonderer Platz in Hermann Hesses Werk gebührt dem großangelegten Roman »Das Glasperlenspiel« (1943), einer Phantasie über einen geistigen Geheimbund von der heroisch-asketischen Art des Jesuitenordens, der auf der Ausübung einer Art meditativer Therapie beruht. Diese Denklehre fordert höchste Beachtung: der Begriff des Spiels und seine Rolle innerhalb der Kultur begegnet der tief durchdachten Studie des Holländers Huizinga, »Homo ludens«, auf erstaunlich gleicher Ebene. Hesses Idee geht auf eine doppelte Bedeutung hinaus. In einer Zeit des Zusammenbruchs, meint er, obliege ihm die Aufgabe, die kulturellen Traditionen zu retten. Doch könne die Kultur auf die Dauer nicht in ihrer Kraft erhalten werden, wenn man sie in einen Kult von geringeren Werten umwandle. Wenn die Vielfalt der Erkenntnisse in ein formal abstraktes Spiel übertragen werden könne, sei das einerseits ein Beweis dafür, daß die Kultur auf einem organischen Mysterium beruhe, andererseits könne diese höchste Erkenntnis nicht als etwas Unvergängliches angesehen werden, sie sei zart und zerbrechlich wie Glasperlen, und das Kind, das die funkelnden Splitter im Schutt von Ruinen finde, wisse nicht mehr, was sie bedeuten. Ein Roman mit dem Gegenstand solider Weltanschauung läuft leicht Gefahr, als weltfremd betrachtet zu werden, aber gerade dagegen verteidigt Hesse seine Sache mit einigen gelassenen Zeilen zu Anfang seines Buches: »... denn mögen auch in gewisser Hinsicht und für leichtfertige Menschen die nicht existierenden Dinge leichter und verantwortungsloser durch Worte darzustellen sein als die seienden, so ist es doch für den frommen und gewissenhaften Geschichtsschreiber gerade umgekehrt: nichts entzieht sich der Darstellung durch Worte so sehr und nichts ist doch notwendiger, den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben dadurch, daß fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden.«

Sollte jedoch Hermann Hesses Prosaschaffen eines Tages nicht mehr so hohe Geltung genießen wie im Anfang, so ist doch sein lyrisches Werk über alle Zweifel erhaben. Nach dem Tode von Rainer Maria Rilke und Stefan George steht er als zeitgenössischer lyrischer Dichter deutscher Zunge an erster Stelle. Er verbindet eine erlesene Reinheit des Tons mit einer ergreifenden Wärme des Gefühls, und der Adel seiner musikalischen Form ist heute schlechthin unübertrefflich. Er verfolgt die Linie Goethes, Eichendorffs und Mörikes und trägt zum Zauber des Poetischen erneut mit einem ganz persönlichen Kolorit bei. Die Tragik seines Innern, seine gesunden und kranken Stunden, seine intensive Gewissensprüfung, sein Opfer, das er dem Leben bringt, seine Erzählfreude und sein Naturkult - das alles spiegelt sich mit ungewöhnlicher Klarheit in der Sammlung »Trost der Nacht« von 1929. Eine spätere Sammlung »Neue Gedichte« (1937) ist vom starken Atem reifer Weisheit und schwermütiger Erfahrung durchweht und strömt eine Zartheit des Gefühls aus in der Schilderung von Bildern, von der Atmosphäre und der Harmonie der Geschöpfe.

In einer so knappen Charakteristik ist es nicht möglich, den vielfältigen Werken gerecht zu werden, die diesen so bezwingenden Autor auszeichnen und die ihm mit vollem Recht eine Menge treuer Verehrer eingetragen haben.
In seinen etwas sektiererischen Thesen drückt sich die süddeutsche Gemütsart in einer sehr persönlichen Mischung von Ungebundenheit und Frömmigkeit aus. Wenn man die ständige Neigung zur Auflehnung in Betracht zieht, dieses unablässig brennende Feuer, das den Träumer zum Kämpfer macht, wenn es um ihm heilige Dinge geht, könnte man ihn zu den Romantikern rechnen. Über die Realität sagt er an einer Stelle, man dürfe sich keinesfalls damit begnügen, sie zu verehren und zu achten, denn diese elende, stets trügerische und unschöpferische Realität könne nur verändert werden, wenn man sie nicht wahrhabe, wenn man zeige, daß wir stärker sind als sie.

Die Hermann Hesse zuerkannte Auszeichnung ist also mehr als die Bestätigung des Ruhms. Sie will auch ein literarisches Schaffen ins rechte Licht rücken, das in seiner Gesamtheit das Bild eines guten Menschen zeigt, der gekämpft hat, der seiner Berufung mit beispielloser Treue gefolgt ist und dem es gelang, in tragischer Zeit das Banner des echten Humanismus hochzuhalten.
Leider hat sein Gesundheitszustand dem Autor die Reise nach Stockholm nicht erlaubt. Deshalb wird der Gesandte der schweizerischen Eidgenossenschaft in Schweden den Preis für ihn entgegennehmen.

Damit wandte sich der Redner an den Vertreter von Hermann Hesse, den Schweizerischen Gesandten Dr. Henry Vallotton:
Exzellenz, darf ich Sie jetzt bitten, aus der Hand Seiner Majestät des Königs die Insignien des Preises entgegennehmen zu wollen, die unsere Schwedische Akademie Ihrem Landsmann Hermann Hesse zuerkannt hat.


 
 
 
   

 


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