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Treibt Hesse in den Selbstmord ?
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| hey, kein Gedanke, ich greife nach den Sternen ! |
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| Autor |
Nachricht |
LeanderGoldmund
Hier seit: 09.12.2002
Beiträge: 5
Ort: Kassel
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Geschrieben:
10 Jan 2003 23:25 Titel:
Treibt Hesse in den Selbstmord ? |
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Nunja, etwas salopp, der Titel, aber ich hörte neulich über zwei Ecken, dass sich schon viele Menschen nach der Hesse-Lektüre das Leben nahmen. Weiß jemand etwas Rezeptiongeschichtliches dazu?
Und weiß jemand etwas mit dem Stichwort "Steppenwolfgemeinde" anzufangen? |
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jürgen
Hier seit: 10.12.2001
Beiträge: 163
Ort: neuengörs
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Geschrieben:
11 Jan 2003 14:12 Titel:
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Also das ist mir völlig neu. Es ist bekannt, dass es nach Goethes "Werther" und nach Dostojewskis "Brüder Karamasow" eine Selbstmordwelle gegeben hat, aber nach Hesse?
Das leuchtet auch gar nicht ein, Hesse lässt den Leser ja nicht in der Ausweglosigkeit stehen, sondern bietet einen Ausweg an. Ich glaube, die meisten Leser wurden durch Hesse eher gestärkt und haben wieder Mut gefasst, zu sich und ihrer Andersartigkeit zu stehen und ihr eigenes Leben zu leben.
Aber natürlich gibt es Ausnahmen.
Gruß
Jürgen. |
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LeanderGoldmund
Hier seit: 09.12.2002
Beiträge: 5
Ort: Kassel
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Geschrieben:
11 Jan 2003 22:53 Titel:
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Mir geht es gernau so, wie Du beschreibst, denn ich vertraue auch auf den Humor, den Hesse im Steppenwolf als Lösung anbietet, nur vielleicht können andere das nicht. Wie gesagt, ich hörte nur dergleichen, und wusste an jenem Tag, während ich den Steppenwolf in einem Zuge las, nicht so recht, wie der Abend für mich ausgehen würde.
Grüsse, LeanderGoldmund. |
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Gast
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Geschrieben:
13 Jan 2003 18:52 Titel:
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Ich denke nicht das Hesse lesen zum Selbstmord anregt, wenn gleich er auch in vielen seiner Werke vor kommt.
Ich frage mich allerdings welche Einstellung Hesse zum Selbstmord hatte und wie er ihn sah. |
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Gast
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Geschrieben:
13 Jan 2003 19:20 Titel:
nein |
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Hesse macht stark, da stimme ich zu. nie konnte jemand das in worte fassen, wie er es tat... seine eigenen Erlebnisse hat er in seinem Schreiben verarbeitet und wir alle wissen, dass er trotz suizidversuches wieder aufgestanden ist und ein langes leben fuehrte.
Mir hat er geholfen mit Tod, Krankheit und Andersdenken und Anderssein fertig zu werden |
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jürgen
Hier seit: 10.12.2001
Beiträge: 163
Ort: neuengörs
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Geschrieben:
13 Jan 2003 22:50 Titel:
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Gast fragt nach Hesses Meinung zum Selbstmord. Hesse hat sich außer in Briefen in dem kurzen Prosastück "Stunden am Schreibtisch" (1949) einmal näher über das Thema geäußert. Dieser Text ist aufgenommen in die Sammlung "Kleine Freuden" S. 303ff.
Er ist leider ein paar Seiten lang, zu lang, um hier zitiert zu werden. Vielleicht hat ja jemand Lust, sich den Text mal rauszusuchen.
Gruß
Jürgen. |
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Gast
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Geschrieben:
14 Jan 2003 18:50 Titel:
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Danke für den Tip, ich werd versuchen da ran zu kommen.
Liebe Grüße Orphelia |
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Lothar
Hier seit: 05.01.2003
Beiträge: 68
Ort: Berlin
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Geschrieben:
15 Jan 2003 00:08 Titel:
Briefwechsel |
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Da gibt es den Brief eines Vaters, der Hesse explizit vorwirft, dessen Bücher hätten seinen Sohn in den Selbstmord getrieben. Hesses Antwort ist interessant und lehrreich, aber ich habe es nur noch dem Sinn nach in Erinnerung. Ich glaube, der Briefwechsel stammt aus der zweiten Hälfte der 40er Jahre, bin mir aber nicht sicher. Vielleicht kann ja jemand die Quelle genauer angeben!?
Im übrigen bin ich der gleichen Ansicht wie ihr, kann mir aber ganz gut die verschlungenen Pfade vorstellen, wie dieses Vorurteil entstand. Ich würde auch nicht ausschließen wollen, daß es tatsächlich den ein oder anderen gegeben hat, bei dem ausgerechnet die düsteren Seiten des Hesseschen Werkes den letzten Ausschlag gegeben haben, denn jemandem, der diesen Weg wirklich bis zur letzten Konsequenz geht, war an einem bestimmten Punkt nicht mehr zu helfen. Der kann auch Bücher mißverstehen. Für die übergroße Mehrheit der Betroffenen wird aber wohl das gelten, was der anonyme Gast geschrieben hat und das wiegt sehr viel schwerer. |
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ulisses
Hier seit: 17.09.2001
Beiträge: 95
Ort: innsbruck
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Geschrieben:
19 Jan 2003 20:07 Titel:
brief an den vater eines selbstmörders |
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ich schreibe gerade an einem spezialgebiet über den steppenwolf und will euch mein momentanes wissen natürlich nicht vorenthalten, ich war einst ja auch ein leidenschaftlicher morgenlandfahrer (@timo: möglicherweise bin ich's immer noch :wink: ):
Sehr geehrter Herr,
Sie haben das begreifliche Bedürfnis gehabt, Ihren väterlichen Schuld-Anteil am Schicksal Ihres Sohnes auf einen anderen abzuwälzen und haben das in einem weder artigen noch klugen Brief getan.
Von ebenso gesinnten Lesern und Vätern hat einst Goethe, mit dem ich mich sonst nicht von ferne vergleichen darf, ganz ähnliche Briefe über seinen "Werther" bekommen. Es war eine problematische, etwas dekadente Jugend vorhanden, in welcher Selbstmorde vorkamen und die Väter suchten nicht bei sich oder ihren Söhnen die Dekadenz, sondern in dem verfluchten "Werther", welcher Dinge auszusprechen gewagt hatte, die man nach ihrer Meinung totschweigen oder weglügen sollte. Sie müssen die Verantwortung für meine Bücher (die unter Opfern entstanden sind, von denen Sie nichts zu ahnen vermögen) mir selbst überlassen, ich bin Ihrer Vorschrift nicht bedürftig. Hätten Sie die Sorgfalt aufgebracht, den "Steppenwolf" wirklich zu lesen und zu verstehen, so hätten Sie gesehen, dass er nicht die Geschichte eines Untergangs, sondern die einer Krise und Heilung und dass der "Steppenwolf" kein Dekadenter, sondern ein Lebensfähiger ist.
...also ihr lieben morgenlandfahrerInnen: nicht krise und dann selbstmord, sondern krise, um sich selbst zu heilen. und bitte leset nochmal genau die stelle des steppenwolftraktats, in dem hesse sich über die selbstmörder auslässt.
ich hoffe, ich habe geholfen.
lg
lukas alias ulysses |
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Lothar
Hier seit: 05.01.2003
Beiträge: 68
Ort: Berlin
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Geschrieben:
20 Jan 2003 00:41 Titel:
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| Danke Lukas, genau diesen Brief meinte ich! Und war er denn aus der zweiten Hälfte der 40er? |
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Gast
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Geschrieben:
22 Jan 2003 15:57 Titel:
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tut mir leid lothar, aber von jahreszahlen steht leidergottes in der quelle nicht viel. trotzdem denke ich mal, dass du da ganz richtig liegst....1941, 42 oder 43, is ja nicht so wichtig, oder?
noch etwas zum werk: die ausdrücke "krise" und "heilung" muss man festhalten, weil sie immer wieder auftauchen. man kann in ihnen das zentrum von hesses selbstauslegung sehen. beide begriffe kommen auch in dem bereits herangezogenen "nachwort" vor und zwar in dem maßgeblichen schlussparagraphen, in dem der autor seine interpretation des romans noch einmal zusammenfasst und sogar wirkungsvoll mit dem wort "heilung" ausklingen lässt:
"Ich kann und mag den Lesern nicht vorschreiben, wie sie meine Erzählungen zu verstehen haben. Möge jeder aus ihr machen, was ihm entspricht und dienlich ist! Aber es wäre mir doch lieb, wenn viele von ihnen merken würden, dass die Geschichte des Steppenwolfs zwar eine Krankheit und Krise darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht ein Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung." |
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Lothar
Hier seit: 05.01.2003
Beiträge: 68
Ort: Berlin
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Geschrieben:
23 Jan 2003 03:54 Titel:
Heilung |
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Ja, stimmt Lukas, die Jahreszahl ist nicht so wichtig. Dachte nur, falls wieder jemand eine Arbeit schreiben muß, wie gerade Ecosia, dann hätte er oder sie gleich die vollständige Quelle bekommen, wenn du sie sowieso parat hättest...
Ich war übrigens überrascht, als ich den Brief jetzt nochmal lesen durfte, daß der Vorwurf des Vaters sich anscheinend nur auf den Steppenwolf bezog, denn das hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Traurig, daß Hesse es noch einmal so betonen mußte, denn meines Erachtens liegt der Aspekt der Heilung doch auf der Hand. Aber findest du nicht auch, daß man dieses Zitat auch gegen ihn verwenden könnte, wenn man es unbedingt darauf anlegte, denn andere Werke von ihm gehen ja nicht im konventionellen Sinne 'gut' aus!?? Man sollte dieses etwa naive Kriterium wohl nicht überbewerten und hält sich besser an den ersten Teil des von dir zitierten Kommentars. Im dritten Anhang zum Glasperlenspiel, dem indischen Lebenslauf, den ich letzte Woche nochmal las, spielt das Thema Selbstmord übrigens auch eine Rolle. |
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Lutschel
Gast
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Geschrieben:
23 Jan 2003 16:36 Titel:
Wo? im dritten LL :-)) |
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@ Lothar: Du meinst sicherlich den 2. Lebenslauf "Der Beichtvater" in welchem es heißt: "Es ist nicht bloß eine Sünde und Torheit, sich einen solchen Tod zu bereiten,... Aber es auch überdies jammerschade, wenn ein Mensch in Verzweiflung stirbt. Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu erwecken."
@ all: Da braucht man eigentlich nix hinzuzufügen. Aber da war er halt schon alt und wußte aus Erfahrung, daß nach jedem REGEN auch wieder Sonnenschein folgt und umgekehrt.
@ Cheffe: Was weiß ich.  |
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Lothar
Hier seit: 05.01.2003
Beiträge: 68
Ort: Berlin
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Geschrieben:
24 Jan 2003 07:43 Titel:
Klaro! |
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Ja, natürlich meinte ich diese Stelle aus dem ZWEITEN Lebenslauf, den ich im Anschluß an den dritten nochmal las, 'weil ich gerade dabei war...' Vielen Dank für die Korrektur, Lutschel. Ich verlier' wohl langsam den Überblick, und das ist wohl die Strafe dafür, wenn man sich an mehreren Diskussionen gleichzeitig beteiligt...  |
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Gast
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Geschrieben:
05 Feb 2003 18:30 Titel:
Überlegungen |
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Ich hab länger darüber nachdenken müssen, ob manche Hesse Werke eine solche Ausstrahlung besitzen.
Sicherlich manche Texte/ Textstellen stimmen Leser traurig, bringen sie zum grübeln lassen sie alles in Frage stellen manchmal so gar das eigene Leben. Aber getrieben wird sicher niemand, denn der Selbstmord (es heißt ja auch "Selbst"mord) ist eben immer die Entscheidung desjenigen der in vollziehen will.
Das Selbstmord Sünde sein soll, kann ich nicht verstehen, sollte denn nicht jeder Mensch selber über sein Leben entscheiden können, also auch darüber ob er es selbst beendet? |
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