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Siddhartha
entstand zwischen 1919 und 1922 in Montagnola und erschien 1922. Das Buch schildert
den Weg des Siddhartha, eines Sohnes aus vornehmem Brahmanengeschlecht, der
seine Heimat verläßt, sich einer Asketensekte anschließt und
ein Samana wird, da ihm die geistige Welt, in der er aufgewachsen, erzogen und
gebildet wurde, nicht mehr genügen kann. Doch die Erkenntnis, nach der
ihn dürstet, findet er nicht als Büßer, der sich kasteit und
die irdische Welt verachtet, findet er aber auch nicht in der Begegnung mit
Gautama Buddha. Govinda, der Freund und Gefährte, folgt dem Erhabenen.
Ihm selbst erschließt dessen Lehre nicht das Geheimnis, das er zu enträtseln
sucht. Er setzt seine Wanderschaft fort und erlebt die Welt der Sinne.
Kamala, die schönste der Kurtisanen, wird ihm Lehrmeisterin, in kaufmännischen
Geschäften gewinnt er Reichtum und Macht, aber angeekelt verläßt
er, im Innern stets Samana geblieben, die Welt des schönen Scheins. Aus
der Verzweiflung erwacht er zu neuem Leben und lernt als Gehilfe des Fährmanns
Vasudeva das Geheimnis des Flusses, die Dauer im Wechsel der Erscheinungen,
die Einheit im ewigen Wandel. Siddhartha ist in der Sprache des Sanskrits der
Name für den, der sein Ziel erreicht hat. Siddhartha-Hesse
hat die Harmonie der Welt wiedergefunden.
Auch die ruhig gemessene, klangvolle Sprache der Dichtung gibt dieser Haltung
Ausdruck. Ihren Inhalt bezeichnet der Dichter selbst als den Ertrag einer bald
20jährigen Vertrautheit mit den Gedanken Indiens und Chinas. Enthält
das ein Jahrzehnt zuvor erschienene Indien-Buch nur ein äußeres Bild
des Landes, das ihm von Jugend an Verlockung war, so beweist das neue Werk,
wie sehr er sich in die geistige Welt östlicher Weisheit eingelebt hat.
Es machte ihm daher auch besondere Freude, daß ein indischer Gelehrter,
den er bei einem internationalen Kongreß in Lugano kennenlernte, nach
dem Vorlesen des Schlußkapitels von Siddhartha
erklärte, es sei ihm unfaßlich und ergreifend, einen Europäer
zu finden, der wirklich ins Zentrum des indischen Denkens gelangt sei. Die Dichtung
fand bei den indischen Völkern einen sehr interessierten und guten Widerhall.
Sie wurde in zwölf indische Sprachen übersetzt.
Die Lebensgeschichte Siddharthas ist nicht zuletzt,
wenn auch in exotischem Gewande, wiederum eine eigene Biographie, eine neue
Selbstdarstellung, in der man den Versuch, sich von der pietistischen Welt der
Väter zu befreien, erblicken kann. Die Dichtung ist aber zugleich auch
- Hesse hat es selbst bestätigt - die Darlegung des eigenen Glaubens.
>>
Siddhartha ist ein sehr europäisches Buch, trotz seines Milieus, und
die Siddhartha-Lehre geht so stark vom Individuum aus und nimmt es so ernst
wie keine asiatische Lehre es tut. [...] Siddhartha ist der Ausdruck meiner
Befreiung von indischen Denken. [...] Der Weg meiner Befreiung aus jedem Dogma
führt bis Siddharta und geht natürlich weiter, wenn ich am Leben bleibe.
<< *1
>> Ich suchte das zu ergründen, was allen Konfessionen und allen
menschlichen Formen der Frömmigkeit gemeinsam ist, was über allen
nationalen Verschiedenheiten steht, was von jeder Rasse und von jedem Einzelnen
geglaubt und verehrt werden kann. << *2
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Titelblatt der Erstausgabe aus:
Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979.
Bild 2: Bernhard Zeller (Bearbeitung): Hermann Hesse. Eine Chronik in
Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Erweiterte Auflage 1977.
Seite 115.
Zitat aus:
*1 Ursula u. Volker Michels (Hrsg.): Gesammelte
Briefe. Zweiter Band. Brief an Rudolf Schmidt vom 18.11925. Suhrkamp Verlag,
Frankfurt a. M.1973. Brief an Marie-Louise Dumont, Februar 1929. Seite
96f.
*2 Volker Michels (Hrsg.). Schriften zur Literatur
Band 1.An die persichen Leser des "Siddhartha" 1958. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt am Main. 1972. Seite 50.
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