HERMANN HESSE

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Hermann Hesse und der Humor
(oder: Über ironische und humoristische Dichtung)

 

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Hermann Hesse und der Humor
(oder: Über ironische und humoristische Dichtung)
Artikel von Keith Murray
am 04.03.2002
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Dem Leser von Hermann Hesses Schriften ist Hesses ironischer-humoristischer Stil wohl bekannt, besonders aus Werken wie Die NĂŒrnberger Reise und Der Steppenwolf. Ist Hesses Humor bloß eine erzĂ€hlerische Marotte oder hat er eine ganz andere, wichtigere, Bedeutung? In diesem Aufsatz werden wir Hesses Humor nĂ€her betrachten, am Anfang mit einem Blick auf seinen Ursprung und dann durch eine Auswahl von seinen Gedichten und ProsastĂŒcken.

 
Friedrich Schiller
 
Hesses Humor hat seinen Ursprung in Friedrich Schillers Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung". Diesen Aufsatz schrieb Schiller 1795, als er in Jena wohnte und alleine war. Seine Zeitgenossen und ehemaligen Nachbarn Johann Gottlieb Fichte, Alexander von Humboldt und Friedrich Hölderlin waren bereits umgezogen und er fĂŒhrte Brief-Korrespondenzen und verfaßte verschiedene philosophische Gedichte. Im November veröffentlichte er in seiner Zeitschrift die Horen den Aufsatz "Über das Naive", den wir heutzutage als "Über naive und sentimentalische Dichtung" kennen. In diesem Aufsatz unterscheidet Schiller "naive" und "sentimentalische" Dichter: "Alle Dichter, die es wirklich sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie blĂŒhen, oder zufĂ€llige UmstĂ€nde auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorĂŒbergehende GemĂŒtsstimmung Einfluss haben, entweder zu den naiven oder zu den sentimentalischen gehören." Den naiven Dichter beschreibt Schiller so:

"Der Dichter einer naiven und geistreichen Jugendwelt, sowie derjenige, der in den Zeitaltern kĂŒnstlicher Kultur ihm am nĂ€chsten kommt, ist streng und spröde, wie die jungfrĂ€uliche Diana in ihren WĂ€ldern, ohne alle Vertraulichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn sucht, dem Verlangen, das ihn umfassen will.
Die trockne Wahrheit, womit er den Gegenstand behandelt, scheint nicht selten als Unempfindlichkeit. Das Objekt besitzt ihn gÀnzlich, sein Herz liegt nicht wie ein schlechtes Metall gleich unter der OberflÀche, sondern will wie das Gold in der Tiefe gesucht sein. Wie die Gottheit hinter dem WeltgebÀude, so steht er hinter seinem Werk, und das Werk ist er; man muss des ersten schon nicht wert oder nicht mÀchtig oder schon satt sein, um nach ihm nur zu fragen."
GegensÀtzlich beschreibt er dann die Welt des "sentimentalischen" Dichters:

"Ganz anders verhĂ€lt es sich mit dem sentimentalischen Dichter. Dieser reflektiert ĂŒber den Eindruck, den die GegenstĂ€nde auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die RĂŒhrung gegrĂŒndet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine Idee bezogen, und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische Kraft. Der sentimentalische Dichter hat es daher immer mit zwei streitenden Vorstellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit seiner Idee als dem Unendlichen zu tun, und das gemischte GefĂŒhl, das er erregt, wird immer von dieser doppelten Quelle zeugen."
 
Homer BĂŒste
 
Also nach Schiller sei der naive Dichter der antike Dichter, z.B. Homer, er sei Natur, lebe in einer Welt, in der der Mensch Teil der Natur sei. Der sentimentalische Dichter sei der moderne Dichter, z.B. Shakespeare, er suche die Natur, er lebe in einer Welt, in der der Mensch von der Natur entfremdet sei.

Auf dieser Dichtomie, also auf den Dichotomien von Welt und Natur, von Unschuld und Entfremdung, bilden sich so Schiller drei verschiedene Arten der Literatur. Wenn das Bild des Idealen so stark sei, daß die RealitĂ€t ganz im Hintergrund bleibe, sei die Art die Elegische. Wenn die RealitĂ€t allerdings so stark sei, daß das Ideal verdunkelt wird, herrsche dann ein satirischer Ton. Und wenn die RealitĂ€t und das Ideal sich vereinigen, sei das Idyll vorhanden. Diese drei Arten der Literatur befinden sich in Hesses Dichtung sowie in seiner Prosa durchaus.

Ein elegischer Ton ist besonders stark in Hesses Gedichten und in jenen ProsastĂŒcken, in denen Hesse sich an seine Kindheit erinnert. In seinem Gedicht "Elegie im September" verwendet Hesse Bilder aus der Natur, um den GefĂŒhlen des vergangenen Sommers eine feste Form zu verleihen: "Nur der wĂ€rmende Wein und bei Tafel der lachende Apfel/Wird noch vom Sommer und Glanz sonniger Tage erglĂŒhn." Am wichtigsten in diesem Gedicht sind Hesses Gedanken an den Sommer, außer in den ersten Strophen wird der kommende Herbst kaum erwĂ€hnt, auch wenn das Gedicht September 1913 geschrieben worden ist und das Wort "September" sich im Titel befindet. Das Ideal des Sommers ist so ausfĂŒhrlich bezeichnet, daß die RealitĂ€t des Herbstes kaum einen Platz im Gedicht hat.

Noch weitere Beispiele von Hesses elegischem Ton findet man in seiner Prosa. 1907/8 schrieb er die ErzÀhlung "Berthold", die Fragment geblieben ist. Die Geschichte handelt von einem Jungen, Berthold, der in einem kleinen Dorf aufwuchs und als Student in Köln einen Freund ermordet. Wie alle ErzÀhlungen Hesses, enthÀlt diese viele Elemente aus Hesses eigenem Leben, sie ist also teilweise autobiographisch. Einige von diesen Zeilen könnten in einer konventionellen Selbstbiografie Hesses verwendet werden:

"Da lag im grĂŒnen Flußtal die Stadt"
"Mitten durch das StĂ€dtlein rann der schmale, schnelle Fluß."
"BetĂ€ubt und glĂŒhend kam Berthold spĂ€t nach Hause. Der Vater war in Furcht um ihn gewesen und empfing ihn mit liebevollem Schelten."
"An den meisten Tagen ließ er sich unbefangen treiben und beging seine Streiche, wie jeder Knabe die seinen begeht."
Doch im Vergleich zu anderen autobiographischen Werken wie z.B. Demian und Rosshalde findet dieses Buch nicht z.Z. Hesses Kindzeit statt, also nah am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sondern kurz vor dem Anfang des DreißigjĂ€hrigen Krieges! Auch in diesem Beispiel findet der Leser eine elegische Wirkung: Elemente aus Hesses Kindheit werden mit anderen Details aus einer unschuldigen Zeit gemischt, die echte RealitĂ€t des Fin de siĂšcles ist unterdrĂŒckt. Komische Szenen in der ErzĂ€hlung, als Berthold z.B. glaubt, daß er beim Raufen einen anderen Jungen getötet hĂ€tte, und deswegen von zuhause weglĂ€uft, zwingen auch den Leser dazu, sich nach einer vergangenen Welt zu sehnen.

Hermann Hesse 1925 in NĂŒrnberg 
Hermann Hesse
 
Vor allem sind Der Steppenwolf und verschiedene kritische AufsĂ€tze satirisch geschrieben, also die Werke, in denen Hesse sich mit den falschen Werten der Gegenwart auseinandersetzt. Am Anfang ist Der Steppenwolf, wie die frĂŒher geschriebenen Romane Demian und Siddhartha, ganz ohne Humor. Ein Kaufmann beschreibt kĂŒhl wie ein Landstreicher im Haus seiner Tante empfangen wird, und dieser "Steppenwolf" treibt sich melancholisch durch die Straßen. Aber in kurzer Zeit entwickelt sich ein scharfer Humor, der die Mißachtung des Ideals attackiert. Harry Haller verspottet z.B. eine Radierung von Goethe, die an der Wand in einem bĂŒrgerlichen Haus hĂ€ngt:

"'Hoffen wir', sagte ich, ‚daß Goethe nicht wirklich so ausgesehen hat! Diese Eitelkeit und edle Pose, diese mit den verehrten Anwesenden liebĂ€ugelnde WĂŒrde und unter der mĂ€nnlichen OberflĂ€che diese Welt von holdester SentimentalitĂ€t! Man kann ja gewiß viel gegen ihn haben, auch ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer, aber ihn so darzustellen, nein, das geht doch zu weit.'"
In dieser Szene ist die RealitĂ€t des gutbĂŒrgerlichen Hauses, des fein gezeichneten Bildes, so stark geworden, und das Ideal des echten Goethe so im Hintergrund begrenzt, daß der Text sich in eine satirische Form verwandelt. Besonders merkwĂŒrdig ist die direkte Verwendung des Wortes "SentimentalitĂ€t". Daß Hesse diese Szene ohne einen absichtlichen Verweis auf Schillers Aufsatz skizzierte, ist kaum möglich.

Auch in seinen Essays kehrt Hesse zu einer satirischen Ausdrucksweise zurĂŒck. September 1925 unternahm Hesse eine Lesereise nach Deutschland, mit Aufenthalten in Ulm, Augsburg, MĂŒnchen und NĂŒrnberg. Diese Reise war Hesse eine Qual, und produzierte 1926 seinen Aufsatz "Die NĂŒrnberger Reise". In diesem StĂŒck erinnert sich Hesse an keinen von den höflichen Verehrern, mit denen er konfrontiert wurde, sondern an Figuren aus seinen eigenen Schriften:

"Mein alter Freund Pistorius, den ich seit Jahren kaum mehr gesehen hatte, tauchte auf und hatte sich inzwischen nicht weniger gehĂ€utet und gewandelt als ich, dankbar ging ich wieder mit ihm durch seine dunkel glĂŒhende, von heiligen Symbolen erfĂŒllte Seelenwelt und zeigte ihm, was inzwischen aus mir und aus den Keimen geworden war, ĂŒber denen wir einst gebrĂŒtet. Auch Louis der Grausame erschien eines Tages, flĂŒchtig, mit der Reisetasche in der Hand, nur fĂŒr Stunden zu halten. Er wollte nach den Balearen reisen und dort malen, lud mich sehr ein, Mitzukommen, ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört."
WĂ€hrend seiner Reise mußte Hesse die RealitĂ€t der modernen Stadtexistenz erleben, die ganz anders als sein Ideal im Tessin war, woran er schon gewöhnt war.

Seltener findet man Beispiele des Idylls in Hesses Schriften: am Ende des Siddhartha, in Der Steppenwolf, Der Morgenlandfahrt und Das Glasperlenspiel, und in dem entsprechenden Gedicht "Stunden im Garten". Jedes Mal ist eine Synthese von der RealitĂ€t und dem Ideal vorhanden: die scherzhafte Manipulation von der RealitĂ€t im magischen Theater, die Absorption des ErzĂ€hlers in den Körper Leos und die (knappe) Umsiedlung Josef Knechts aus Castalia in die Welt, um Tito zu lehren. Diese Strophen aus "Stunden im Garten" sind amĂŒsant und tröstlich zugleich:

"Horch, da weckt mich, nachdem eine Stunde,
  nachdem eine kleine
Ewigkeit sanft mich gewiegt, eine frische Stimme.
  Vom Hause
Ruft mir, von Stadt und Einkauf zurĂŒckgekommen,
  die Gattin,
Und ich rufe zurĂŒck und erhebe mich"
Der Humor spielt eine wichtige Rolle in Hermann Hesses Schriften. Er trÀgt zu seinen kritischen Bemerkungen bei, und jede Art von Humor hat ihre eigene bestimmte Relevanz. In seiner Verwendung des Humors ist Hesse auf einer Bahn, die mit Schiller anfÀngt.

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