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Analysen

Analyse des Lyrik-Beitrages Für Dich und Für Brian Jones von cyan.


Für Dich und Für Brian Jones

Die Vorstellung ist vorbei. Das Lachen des
Clowns ist einer Träne gewichen. Die nächste
Stadt. Das nächste Glück. Alles nur Zirkus.
Das Auge des Clowns nun Wasserfall. Wohin?
Dort von wo ich gekommen bin, ist Stille.
Wohin ich gehe ist Musik. Die Stille siegt.

Die Tränen bleiben.

Lockende Blicke, vergnügte Blicke, traurige Blicke
bilden keine Worte. Ein Schrei stößt aus dem Herzen,
Blues. Die Aussage verhallt ohne Antwort im Raum.
Du könntest es ihm sagen. Es ist vorbei. Es ist aus.
Er hat es lange genug gemacht. Sie brauchen Ihn nicht
mehr. Niemand braucht Ihn.

Die Herbstblätter fallen.

Es wird kalt. Sein Herz liegt im Dreck. Schnee bedeckt
den Schrei.

Heute oder morgen und es ist

- Vorbei.






„Für Dich und Für Brian Jones“ von cyan
Gedanken von Bettina.


Vor der ausführlichen Gedichtanalyse noch eine Vorbemerkung an den geneigten Leser in eigener Sache, das sei mir hier gestattet. Ihr werdet euch sicher fragen, nach welchen Gesichtspunkten man ein für die Besprechung geeignetes Gedicht auswählt. Nun, das ist nicht immer einfach, und schon bei dieser zweiten Analyse hatte ich ziemlich lange herumgesucht und überlegt, bis ich schließlich cyans Gedicht herausgriff.
Ein Gedicht sollte wohl mehrere Sinnebenen haben, damit es über den reinen Bekenntnischarakter des lyrischen Ichs hinauskommt und den Leser auch erreicht. In letzter Zeit häuften sich bei JD jedoch Gedichte, die allesamt wie Tagebucheinträge aus dem Leben des/der Schreibenden wirkten, meist auch noch in einer wenig bearbeiteten Form. Diese Art des Schreibens - wir mögen sie therapeutisch nennen - eignet sich eher für psychologische Analysen denn für literarische, und man täte dem Schreiber Unrecht, sein Werk literaturkritisch zu „zerreißen“. Solches Schreiben ist sicher auch notwendig, hat aber nur Aussagewert für Nahestehende oder Menschen, die sich in einer ähnlichen Lebenslage befinden. Lyrik jedoch erhebt den Anspruch, allgemeingültige Aussagen zu transportieren in geformter kunstvoller „ver-dichteter“ Sprache, und diesem Anspruch genügen nicht viele Gedichte. Das vorliegende Poem hingegen bietet einige Interpretationsansätze und hat eine ganz eigene Bildsprache, mit der man sich auseinandersetzen kann.

Schon der Titel des Werks ist ungewöhnlich: einerseits persönlich – an eine nahestehende Person gerichtet – andererseits an das traurige Schicksal des Bandmitglieds der ROLLING STONES erinnernd, jedem Rockmusikliebhaber wohlbekannt (Brian Jones nahm man seine Freundin und seinen Platz in der Band weg, man brauchte ihn nicht mehr).Beide Aspekte sind in der Figur des traurigen Clowns zu finden, ein Bild, das ja auch oft im Alltag gebraucht wird, um die Lächerlichkeit des Scheiterns darzustellen. Das Bild wird erweitert: „Alles nur Zirkus“. Man hat den Clown abserviert, der Zirkus zieht ohne ihn weiter, er bleibt ohne Perspektive zurück. Niemand hat es für nötig gehalten, ihm das in geeigneter Form mitzuteilen. So wird aus dem gewohnten, bunt aufgemalten Lachen des Clowns zunächst „eine Träne“, dann „ein Wasserfall“.
„Wohin?“ fragt er sich ratlos. „Die Tränen bleiben“. Dann greift Resignation um sich: „Er hat es lange genug gemacht. Sie brauchen ihn nicht mehr. Niemand braucht ihn“. Der Clown findet keine Worte, seine Vorstellung lebt von der Körpersprache der Pantomime. Aber: „Ein Schrei stößt aus dem Herzen. Blues.“ Niemand beachtet ihn mehr: „Schnee bedeckt den Schrei.“ Bald wird es vorbei sein mit ihm. In jeder Beziehung.
Verfolgen wir nun die beiden Bedeutungshinweise der Überschrift, dann findet sich Brian Jones in der Figur des nicht mehr benötigten Spaßmachers im Rockzirkus, der vereinsamt zurückgelassen wird und sich selbst aufgibt. Andererseits gibt es noch die persönliche Sinnebene des lyrischen Ichs, das vielleicht eine schwierige gescheiterte Beziehung im Bild des abservierten Clowns darstellt. Aus einer Laune der Partnerin heraus ist man unvermutet überflüssig, erfährt nicht den wahren Grund für die plötzliche Trennung und kann mit dem Schmerz nicht fertig werden...er bringt einen förmlich um.
Cyan hat eine spannungsreiche Form gewählt: Das Gedicht besteht aus drei Textabschnitten, zwei längeren und einem kurzen, sowie aus mehreren Zwischenzeilen, die das Geschehen strukturieren. Man könnte ein eigenes Gedicht nur aus diesen Zeilen schreiben:

  Die Tränen bleiben
Die Herbstblätter fallen.
Heute oder morgen und es ist
- Vorbei.

- Die Sätze in den oberen längeren Abschnitten sind kurz, teils auch nur Satzfetzen: „Die nächste Stadt. Das nächste Glück.“ Es entsteht der Eindruck eines unsteten Schaustellerlebens, einer gewissen Umtriebigkeit und Gehetztheit, wie sie Zirkusleuten eigen ist. Es gibt einen kurzen Inneren Monolog, Stilmittel aus der Romanprosa: „Dort von wo ich gekommen bin, ist Stille. Wohin ich gehe, ist Musik. Die Stille siegt.“ Das lyrische Du, das auch im Titel auftauchte, wird angesprochen: „Du könntest es ihm sagen.“ Die Partnerschaftsrolle wird reflektiert, Sprachlosigkeit kritisiert. Mangelnde wirkliche humane Kommunikation – trotz der vielfältigen Möglichkeiten gerade im Internetzeitalter offenkundig ein Problem.
- Sehr gelungen ist im Text die Verzahnung von erzählenden und lyrischen Elementen, der Text wirkt strukturiert und abwechslungsreich. Hinzu kommen noch die sinntragenden Metaphern wie etwa „das Auge des Clowns nun Wasserfall“ (Bild für zunehmende Traurigkeit – Pars pro toto) oder „Ein Schrei stößt aus dem Herzen. Blues.“ (Personifikation – Bild der zunehmenden Verzweiflung, „Blues“ für ein trauriges Lebensgefühl, auch Assoziation zur Musikwelt des Brian Jones)sowie die Zeilen: „Sein Herz liegt im Dreck. Schnee bedeckt den Schrei.“ , die nun die endgültige Trostlosigkeit und Verzweiflung, aber auch das melancholische Lebensgefühl des Clowns /des lyrischen Ichs darstellen und besiegeln: „Heute oder morgen und es ist –Vorbei.“ Womit wir wieder beim Anfang wären: „Die Vorstellung ist vorbei.“ Ein geschlossener Kreis also – formal wie auch inhaltlich.
- Was bleibt für den Leser? Die Erkenntnis, dass es im Leben mitunter harte Zeiten der Melancholie gibt, die man oft gar nicht selbst verschuldet hat; fehlt dann auch noch die Kommunikation, so wird es schier unerträglich. Da hilft nur
- Rückzug und Besinnung auf die eigenen Stärken, vielleicht auch ein Ortswechsel oder eine ganz klare Standortbestimmung. Diese nimmt der Autor hier vor, und zwar transportiert durch die Clownsfigur, und genau das ist der Moment, in dem der Leser Zugang zum Gedicht bekommt: Er kann Identifikationsmuster finden, die Figur des Clowns benutzen, um Abstand von seiner eigenen Lebenssituation zu gewinnen, denn dafür ist sie geschaffen worden. Der Clown reklamiert Trauer und Melancholie, obwohl er gerade dadurch ja immer wieder sein Publikum erheitert: “Lockende Blicke. Vergnügte Blicke. Traurige Blicke.“ Umgehen mit Rückschlägen, lernen aus Fehlern. Damit es nicht auch für uns heißt: „Die Tränen bleiben.“

10.02.03


Für Dich und Für Brian Jones
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