HERMANN HESSE

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Analyse des Lyrik-Beitrages von .




„“ von
Gedanken von Bettina.

„Unterm Strich“ – eine oft gehörte Redewendung der heutigen schnelllebigen Zeit, so betitelt Timm sein ob der Kürze und gedanklichen Disziplin herausragendes Gedicht, dessen Bedeutungshorizont sich erst nach mehrmaligem intensivem Lesen, am Besten laut, erschließt, dann jedoch geht dem Leser auf, was alles diese nur scheinbar abgenutzte Redewendung bedeuten kann, vom lyrischen Ich, das hier im Verborgenen bleibt, neu beschworen.
Da haben wir zunächst die Alltagsmathematik: In der Gastwirtschaft bekommen wir die Rechnung präsentiert und wundern uns, was da unterm Additionsstrich so alles zusammenkommt: Mehrwertsteuer, Umsatzsteuer, Getränkesteuer, Tabaksteuer und und und....Immer ist es mehr, als wir zunächst annahmen. Bei der Gehaltsabrechnung haben wir dann das umgekehrte Phänomen: Abzüglich aller Steuern, Abgaben usw. bleibt immer viel weniger, als wir hofften...
Des weiteren begegnet uns gedanklich die figurative Redewendung: Da bedeutet „unterm Strich“ Bilanz ziehen, nachsehen, was bleibt...
Und schließlich kann es noch die Bedeutung des etwas Ungesetzlichen, des Unter-der-Hand-Erhaltenen haben, unterm Strich eben der offiziellen Abrechnungen.
Wir werden im Folgenden sehen, dass sich die Überschrift nach Klarheit der Gedichtaussage auf alle drei Bedeutungsebenen bezieht.
Was findet sich nun im Zuge dieser lyrischen Spurensuche, das es zu bilanzieren gilt? Timm setzt uns da ganz ausgefallene Gedankensplitter und Gedächtnisbröckchen vor, die er in magische Bilder zu chiffrieren weiß mit großem Sprachgefühl für das Passende.
„Worte die in Verlassenheit münden“ – das fehlende Komma vor dem Relativsatz, Schnelligkeit implizierend, erinnert an die frz. Interpunktion, die Relativpronomen und dazugehöriges Bezugswort als Einheit ansieht, so auch hier: Man hört förmlich eine heftige Auseinandersetzung zwischen Menschen, seien es nun Liebende oder Familienmitglieder oder Freunde, ein Wort gibt das andere, und plötzlich knallt eine Tür, ist man abrupt ganz allein. Und nun?
(Worte) ...“An deren Gleichströmigkeit die Stimme zerbricht.“ Ein neuer Satz, Großschreibung, Rückblick auf Gewesenes. Es heißt nicht „Gleichförmigkeit“. Was soll also das Bild vom Strom, vom Strömen? Ganz einfach: Haben wir uns nicht auch schon des Öfteren von Worten „überschüttet“ gefühlt? Wie ein „begossener Pudel“, um mal die Alltagsmetaphorik zu bemühen. Das war immer dann der Fall, wenn uns jemand verbal dominieren wollte, der Lehrer etwa, oder der Großvater oder der Vater der Freundin oder die erzürnte Mutter...
aber vielleicht auch der eine oder andere Politiker im Wahlkampf. “Gleichströmigkeit“ beinhaltet dann auch noch gleichbleibende fließende Zeit, langanhaltende Bewegung. Der man nicht entkommen kann. Und gegen den Strom zu schwimmen ist bekanntlich sehr schwer...So „zerbricht die Stimme“, man wird gebrochen, kann nicht mehr standhalten, verstummt...erlebt eine Umkehrung des Stimmbruchs, vor der sich Rezitatoren und Redner ebenso wie Schauspieler und Medienschaffende panisch fürchten. Es bedeutet ihr berufliches Aus. Hier im Gedicht ist es ähnlich: Wessen Stimme zerbricht, der entgegnet nichts mehr, stirbt seelisch..
„Oxidierte Trauerspäne unter der Haut“ – Todespartikel, Trauer, Verletzung, die ständig schmerzt, wie eine halbvergessene Kriegsverletzung durch Granatsplitter, die wandern, inoperabel, lästig. "Oxidiert“: Das sind die Wirkungen des Wasserfalls der Rede, der „Gleichströmigkeit“, der oben beschworenen Kommunikationsprobleme mit Verlassenheitsfolge. Wobei „Trauerspäne“ ein wenig an den „Grünspan“ erinnert, der sich bei der Oxidation von Metalloberflächen bildet. Das Bild schmerzt schier körperlich, beim bloßen Lesen. (@jürgen: Tucholskys Gänsehauteffekt“)

„Eingewachsene Empfindungsmakel oder
schmerzende Gewissheit einer pulsierenden Existenz?“

Das lyrische Ich versucht die schlimmen Verwundungen zu verarbeiten und stößt dabei auf existenzielle Fragestellungen: Soll man lange Vergangenem nachtrauern oder Verletzungen immer wieder aufbrechen lassen , soll man sich „Empfindungsmakel“ zulegen, unter denen man leidet wie unter eingewachsenen Nägeln, die höllisch schmerzen können, oder soll man sich einfach sagen: Dies ist das Leben, es hält auch Dunkles, Trauer, Schmerzen und Verwundungen seelischer Natur bereit, die es zu bestehen gilt? Daran wächst man, wird bewusster und lebenserfahrener. Und findet sich wieder in „pulsierender Existenz“. Dann muss man tätig werden. Und das sieht bei timm so aus:
„Nach plastischer Eigenchirurgie blieb
die gehäutete Zeit.“

Im Imperfekt wird ein Phänomen beschrieben, das schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Ingeborg Bachmann in ähnlichen Worten als „die gestundete Zeit“ beschrieb, die „sichtbar am Horizont“ wird. Jede geistige und seelische Entwicklung des Menschen ist eng mit der Zeit verwoben, ist ein Teil von ihr, okkupiert sie. Bei I. Bachmann gibt es noch jemand, der außerhalb des Irdischen die Zeit stundet, bei timm jedoch greift das lyrische Ich zur „plastischen Eigenchirurgie“, wird selbst aktiv, legt Hand an: Weg mit den Trauerspänen unter der Haut, weg mit dem Selbstmitleid,< ärgert dich dein rechtes Auge, so reiße es heraus!> rät schon die Bibel.
Fazit: „die gehäutete Zeit“. Was so nach Schlange im Frühjahr, schuppenloser Forelle oder Hühnchen ohne Fetthaut klingt, ist ein sehr weitgehendes Bild: Die Zeit wird ihrer schützenden Mantelfunktion beraubt („Zeit heilt alle Wunden!“?). sie wird abgezogen vom Alten,Vergangenen und liegt nun bar und bloß da, zum schnellen Verbrauch und reineren Genuss einladend. Der aber erfordert einen klaren Kopf, viel Energie, den Mut, sich von Gefühlsballast zu befreien („plastische Eigenchirurgie“) und den Tatsachen ins Auge zu blicken, die im Hier und Jetzt auf uns warten. Und zwar ganz allein.


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