HERMANN HESSE

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Blind
- von Utopiae



Blind

Ich bin nur Gedanken. Wo bin ich? In einem endlosen Schwarz aus Empfindungslosigkeit treibe ich dahin. Was bin ich? Gibt es mich überhaupt? Meine Gedanken versuchen mich zu begreifen. Bin ich ein Gedanke? Kann ein Gedanke denken? Denken meine Gedanken dann auch?

Ich bin nicht nur Gedanken. Ich bin ein Körper. Ich fühle meine Füsse, meine Beine, meine Hände, meine Arme. Ich fühle meinen Leib, meinen Kopf, gefüllt von Gedanken. Doch ich fühle keinen Untergrund. Liege, sitze, stehe ich? Schwebe ich? Ich fühle nichts als meinen Körper – diesen aber aufs Genaueste. Ich fühle wie mein Herz schlägt, wie mein warmes Blut durch meine Adern gepumpt wird. Ich fühle, wie Zellen sterben und andere sich teilen, fühle, wie meine Haare und Nägel wachsen. Ich fühle, wie sich meine Gedanken als elektrische Impulse durch mein Gehirn bewegen. Ich fühle, wie die Luft durch Mund und Nase in mich hinein- und wieder hinausströmt.

Die Luft duftet. Diese Empfindung ist so herrlich, dass ich versuche, jeden existierenden Geruch um mich herum wahrzunehmen. Ich rieche mich, rieche meine haut, meine Haare. Ich rieche meinen Schweiss und die Luft, die aus meinen Lungen strömt, wenn ich ausatme. Sie riecht anders als die frische. Ich rieche meine Gedanken, rieche das Pulsieren meines Herzens, rieche jedes Atom meiner selbst. Doch ich rieche keinen anderen Körper, rieche nichts als mich. Wo bin ich? Gibt es mich? Wo sind die Antworten?

Ein dumpfes Pochen dringt in meine Gedanken. Es ist mein Herz, ich kann es hören. Die Gerüche verblassen, ich bin nur noch Gehör. Wie viele Sinne habe ich noch? Was wird noch alles auf mich einströmen? Das Pochen meines Herzens wird deutlicher. Ich höre das Rauschen, mit dem das Blut durch meinen Körper fliesst. Ein leises Piepsen erfüllt mein ganzes Hören, ich kann es nicht orten und finde keine Ursache dafür. Ein weiteres, rhythmisches Rauschen zieht meine Aufmerksamkeit auf sich; Es ist mein Atem. Ich höre - fühle nicht mehr - das Wachsen meiner Haare, meiner Haut. Ich höre die Geräusche, mit denen sich ein Atom an ein anderes reibt...
Atom. Alles besteht aus Atomen, ich also auch. Also gibt es mich, bin nicht nur ein Gedanke. Aber was bin ich, wenn Atome Gedanken sind?

Ich sehe. Sehe das Schwarz der Lichtlosigkeit geschlossener Augen. Was werde ich sehen, wenn ich meine Augen öffne? Wie soll ich mit diesem neuen Sinneseindruck zurechtkommen? Die anderen Empfindungen verblassen, verdecken sich gegenseitig. Was ist wichtiger? Dass ich meine Haare wachsen höre, oder dass ich es fühle? Was ist richtiger? Welcher Empfindung soll ich trauen?
Ich fühle, höre, rieche keinen anderen Körper als meinen eigenen, gar nichts als Luft um mich. Wo bin ich? Was bin ich? Werden mir diese Fragen beantwortet, wenn ich meine Augen öffne? Werde ich sehen, wie sich die Atome bewegen? Werde ich sehen, wie meine Haare, Nägel, Zellen wachsen? Werde ich sehen, was ich bin? Wo ich bin? Ob ich bin? Wird mir dieser ein Sinn alle Antworten bringen, die mir die anderen verschweigen...?

Ich öffne die Augen.

Keine Veränderung. Es ist schwarz. Kühle Luft streift meine Augen, ich schliesse sie wieder und öffne sie erneut. Nichts. Angestrengt starre ich in die Leere. Ich fühle, rieche, höre nichts mehr. Ich bin nur Augen.

Und meine Augen sind blind.

 



 
 

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