HERMANN HESSE

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Zeitalter
- von Shiva



Zeitalter

Zeitalter

Schweigend sitz ich hier und schaue
stütze mich auf warmen Sand
um mich seufzt die grüne Aue
friedvoll ruht am Fluß das Land.

Auf dem Strom ziehn Boote hin
wortlos wälzt die Wasserflut
sich gleich Gedanken durch den Sinn
sich wie durch Adern hin das Blut.

So, ewig gleich fließt Vater Strom
an tausend Leben ruhig vorbei
geduldig nahend seinem Ziel
lauscht Lebenslied und Todesschrei
und der Geschichte Wechselspiel
durchzieht beständig sein sanfter Ton.

Doch wie, wenn jenes Land
und nicht der Fluß in Ruhe bleibt?
Wie, wenn der Wechsel Schein,
und nur das Wasser weitertreibt,
vorbei an reglos, starrem Sein
befangen in der Zeiten Band?

Die Frage gräbt sich mir ins Herz
läßt Sinn und Seele Zweifel schmecken
läßt Wissensdürste drängend wecken
und säht der Neugier grellen Schmerz.
Wohlann, nie wird den Fluß versteh'n
wer ihn vom Ufer scheu betracht'.
Zum Kern des Rätsels vorzudringen,
ins Auge des Geheimen seh'n,
ist nur dem Mut'gen zugedacht
ist nur durchs Leben zu erringen.

Auf denn, mit den grauen Wellen
folg dem Fluß zum Grund hinauf
wo aus Bergesgründen quellen
reiner Wasser munt'rer Lauf
kraftvoll springt das Bächlein noch
über Schlucht und Tal
ungestüm in seinem Joch
gräbt ins Land sein Mal.

Schon naht sich des Baches Quell,
da er klar und sonenhell
zwischen moosbegrünten Steinen schnell
und von Menschen unberührt
längs des Weges talwärts führt.

Tief und schwarz dehnt dieser Schlund
abwärts sich zum Erdengrund.
Hier nun schreckt mein forscher Blick
vor der Schwärze scheu zurück,
fließt erneut den Bach hinab,
fügt sich in des Wassers Trab.
Wer am Anfang Demut findet
läßt den Urgrund unergründet.

Und erneut vorbei an grüner Aue
blick ich staunend jenen Strand
wo mein Sinn das Sein verließ
fragend mich zum Strome fand
der Erkenntnis mir verhieß.

Breit und träge fließ ich weiter
eng gebunden an den Pfad
gieß mich machtvoll jetzt und breiter
meerwärts hin zur Küstenstadt.
Hier ist Flußes mächtg'er Leib
strikt durch Menschenwerke eingeengt,
ängstlich sichernd den Verbleib.
Weh, wenn er die Ketten sprengt!

Endlich naht der Strom dem Delta.
Seufzend zieht ein Wind herbei
salz und tangesschwer.
Klagend dringt der Möwen Schrei
spricht vom nahen Meer.

Rastlos, aufgewühlt vom Wind
fängt die graue See mich auf.
Gleich der die Mutter ihrem Kind
hemmt sie sanft des Flußes Lauf.
Und, wie alle Ströme sich ergießen,
in das grenzenlose Weit
müssen die Äonen fließen
in den Schoß der Ewigkeit.

Vor der Weite flieht mein Geist,
unbefähigt sie zu fassen,
müde nun und weitgereist
sich dem Körper einzulassen.
Dort am Anfang meiner Reise
gedenke ich vergangnen Tagen
und auf wundersame Weise
enden schließlich alle Fragen.

Eins nur fand ich mühevoll
dies nur ward von mir erkannt:
Dort wo Frieden herrschen soll
bleibt Ursprung und Ende unbenannt.

 



 
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