HERMANN HESSE

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- von Balázs



Durch die angelaufene Fensterscheibe des sich langsam schleppenden Personenzuges, an die ich meine Nase so dicht presse, dass die sich vor Tagesanbruch in die Arbeit beeilenden Fabrikarbeiter meinen, ein schaubegieriges Kleinkind schaute ihnen ins Aug, scheint das Land gespentisch kahl zu sein wie auf einem Bilde mit blass aufgetragenen, graulich getönten Farben. Ein mit Reif bedeckter, ans strenge Kreuz des Frosts geschlagener Baum um den andren, ähnelnd Marterltorsos, kommt an mir vorüber; langsam, kummervoll, bietet ein trauriges Bild über die Welt um mich. Langsam drücke ich die müden, rötlichen Augen zu, spüre, wie sich die fast unerträgliche Wärme des alten Heizgeräts verbreitet in meinem Leibe, erfüllend ihn mit bittersüßer Gelassenheit. Der benommene Kopf saust mir, von der Müdigkeit überwältigt nicke ich ein. Das schlecht gelüftete, übel riechende Zimmer ließ mir das stumpfe Erwachen mit einem Lehrheitsgefühl in den untersten Teilen des Magens besonders schwer fallen; ich war schon gegen 3 Uhr wach, wälzte mich schlaflos im Bett, das ich gestern abend nur zum Scheine, missgelaunt gemacht habe. Um 4 auf, schnelle Waschung im Bad, Zittern vor Kälte, billiges Butterbrot am altmodischen Küchentisch, Suche nach den Kleidern fürs Heute. Alltagstrott. Ich stand am Fenster und sah durchs Rouleau die im Nebelregen blinzelnden Lichter der Tankstelle, die grad vor unsrem Haus liegt. Sah die mechanischen Bewegungen eines zu warm angezogenen Angestellten, spürte den säuerlichen Geruch seines Schwitzens fast in der Nase. Klo, Durchfall. Schon wieder. Noch fünf Minuten Fernseher. Blasiert glotzte ich die ausdruckslosen Gesichter jener Fleischpuppen in der Wiederholung der gestrigen Talkshow, die schmerzlich zuckenden, welken Lippen. Schauerstille, verwaiste, abgenützte Stühle, ermüdete Schattenmenschen um die kameralichterfüllte Bühne. Soviel ist das Leben. Kleine Siesta im Vorzimmer, ich sitze auf dem wackeligen Telefontischlein, vergrabe das Antlitz in beide Hände. Der Schuh ging leicht an. Wintermantel auf. Es war dunkel im Treppenhaus, ich habe kein Licht gemacht. Habe die Stufen gezählt, von eins bis neun, dann wieder, denn ich hab‘s im Laufe der Jahre erlernt, daran eine kleine Freude zu finden, wenn das Erwachen noch so unangenehm ist. Für einen kurzen Moment war ich vor der Tür zur Straße stehen geblieben, bevor ich ins Freie hinaustrat. Die Augen schließend machte ich noch einen ganz kleinen Schritt; frische, kühle Luft schlug mir das Gesicht. Das Sternenzelt bedeckte mich; ich, der kleine Mann, war ganz alleine in der großen Welt, meine Einsamkeit ragte in den Himmel… Die Eisenräder knarren, ich zucke zusammen, der Gedanke, dass der Zug vielleicht ankam, schießt mir durch den von der Wärme stumpfen Kopf. Ich richte meinen abgetragenen, zerknitterten Anzug, versuche die Falten abzuglätten, ordne die sich vom Schwitzen zusammengeballten Haare, wische mir die Stirne mit einem Taschentuch. Verlegen taumle ich auf, gehe der Tür zu, aber neue Fahrgäste strömen herein. Ich wanke auf meinen Platz zurück. Die Neueintreffenden, vielleicht Einwohner des Dorfes, auf dessen Station wir halten, oder aus abgeschiedenen Heimen mit alten, quitschenden Fahrrädern hierher Fahrenden schwätzen laut, zünden sogar irgendeine namenlose, billige Zigarette ohne Filter an, die vielleicht in zerdrückten Papierstangen auf dem Markt am Rande des Fleckens von ausländischen Hökern feilgeboten worden sind. Arbeitergewohnheit ist das. Der Rauch kratzt mich in der Kehle, verdrossen öffne ich das Fenster. Kalte Morgenluft strömt herein und streut Pulverschnee, erfrischt einen.

 



 
 

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