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Kreuzwege
- von Samira



Kreuzwege

Neulich stand ich ungeduldig an der Kasse im Supermarkt. Ich war schon genervt davon, dass anscheinend überhaupt nichts vorwärts ging. Immer diese jungen, unerfahrenen Angestellten in den Supermärkten, die keine Ahnung von nichts haben... Doch als ich schließlich meine Waren auf das Fließband legen konnte, staunte ich nicht schlecht, als mein verärgerter Blick die Kassiererin streifte: Die kannte ich doch!
Wir waren viele Jahre lang zusammen im Turnverein gewesen, meistens in einer Gruppe, da wir gleich alt und auch ungefähr auf dem gleichen Niveau waren. Wir hatten immer viel Spaß zusammen, ärgerten die Trainer, erlitten im Sport Niederlagen, feierten aber auch Erfolge. Während der Wettkämpfe diskutierten wir über Gott und die Welt, sie hatte große Pläne, wollte Krankenschwester werden, um Kindern in Afrika zu helfen. Später trainierten wir sogar gemeinsam eine Gruppe jüngerer Kinder. Nur außerhalb des Vereins haben wir nie etwas zusammen unternommen. Jeder lebte sein Leben, sie besuchte die Hauptschule, ich das Gymnasium. Meine Eltern meinten wohl, dass sie nicht die richtige Freundin für mich sei. Ihr Vater war arbeitslos und konnte die Familie mit den sechs Kindern gerade noch versorgen. Als älteste Tochter musste sie oft auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen und ihrer Mutter im Haushalt helfen, da diese anscheinend überfordert war. Trotzdem war sie glücklich, liebte ihre Familie, hatte Ziele, hatte Spaß am Leben. Im Nachhinein frage ich mich manchmal, warum wir uns, trotz unserer unterschiedlichen Herkunft, nicht außerhalb des Sportvereins füreinander interessiert hatten. Denn dort gab es uns wirklich nur im Doppelpack. Auf die Meinung meiner Eltern gab ich damals auch schon länger nichts mehr.
Ich hatte zwar ab und zu mit dem Gedanken gespielt, sie einzuladen, doch irgendwie kam es nie zu einer Einlandung. Bis sie dann plötzlich nicht mehr zum Training gekommen ist. Erst hatte ich gedacht, sie sei vielleicht krank geworden, doch selbst nach mehreren Wochen war sie nicht wieder aufgetaucht. Schließlich hatte ich versucht, sie telefonisch zu erreichen, doch die Nummer war nicht mehr gültig. An einem regnerischen Nachmittag bin ich dann mit dem Bus in das heruntergekommene Viertel gefahren, in dem sie mit ihrer Familie gewohnt hatte. Doch dort musste ich von einer Nachbarin erfahren, dass die Familie schon vor etwa einem Monat die Wohnung Hals über Kopf verlassen hatte. Einen Grund dafür habe ich nie erfahren. Die neue Adresse war auch unbekannt. Mit der Zeit habe ich sie schließlich vergessen und neue Freundschaften geschlossen.
Jetzt sitzt sie da vor mir, eingeschlossen hinter ihrer Kasse. Ihre Wangen sind eingefallen, sie hat stark abgenommen. Die Haare wasserstoffblond, die frühere dunkle Farbe ist im Ansatz jedoch schon deutlich zu erkennen. Das Gesicht dick geschminkt, als wollte sie etwas verdecken. Früher hatte sie nichts von diesen ‚aufgetakelten Tussis’ gehalten. So Eine wollte sie nie werden. Der Glanz ihrer Augen ist verschwunden, sie sind stumm geworden, blicken müde die Kunden an. Selbst ihr geschäftsmäßiges Lächeln wirkt trostlos. Der form- und schmucklose Supermarktkittel verbirgt ihre hübsche Figur. Einzig gleich geblieben ist der Pferdeschwanz, der ihre Haare streng aus dem Gesicht hält.
Als sich unsere Blicke begegnen, zeigt mir das scheue Aufleuchten ihrer Augen, dass sie mich erkannt hat. Doch sofort senkt sie den Blick wieder. Vielleicht hofft sie, ich hätte sie nicht erkannt. Vielleicht schämt sie sich auch. Vielleicht erinnere ich sie unvermittelt an ihre früheren Ziele im Leben.
Als ich bezahlte, hat sie ihren Blick nicht wieder gehoben. Ich selbst war zu feige, sie einfach nur zu grüßen. So verließ ich den Supermarkt, ohne ein Wort zu ihr gesagt zu haben. Seitdem vermeide ich es, in diesem Geschäft einzukaufen.

 



 
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