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Die Worte des Vogels
- von Demian2



Die Worte des Vogels

Eine große Müdigkeit beschwerte mich damals. Ich sah alles wie aus verschwommener Ferne und mein Garten schien mir ein weites, brachliegendes Feld. Die Morgensonne schimmerte kühl und trostlos zwischen den vertrockneten Sträuchern und den geknickten Halmen hindurch und es war, als müsste sie jeden Moment verglimmen. Die Bäume trugen dieses Jahr keine Früchte und ihre kargen Äste hatten sich zu finsteren Gestalten verformt, auf mich deutend und böse lachend. Die Blumenpracht war im Winter vom Schnee dahingerafft worden und es war, als hätte sich der Erdboden für immer den schillernden Blüten verschlossen.

Bisweilen saß ich benommen im Halbschlaf und betrachtete am Horizont die Silhouette eines Vogels, der in der Morgensonne badete. Dann war mir, als hörte ich aus der Ferne sein fremdes, verliebtes Lied, eine Melodie wie aus den funkelnden Augen einer bezaubernden Tänzerin. In meiner Benommenheit fiel es mir schwer, die Klänge zu fassen, und oft schien mir, sie kämen aus meiner Fantasie, aus den fernen Weiten meines Inneren.

Mit der Zeit jedoch entwickelte ich die Fähigkeit, unter Verschluss aller überflüssigen Sinne, den fremden und fernen Vogelgesang deutlich und nah zu vernehmen. Ich ließ ihn in meine Ohren fluten, bis er mein ganzes Wesen einnahm. Die Laute des Vogels waren Worte, Worte die ich zunächst nicht verstanden hatte, doch die sich mir nun in inniger Klarheit offenbarten und deren Sinn ich plötzlich zutiefst begriff. Es waren aber nicht Worte, die man aussprechen kann oder darf. Es waren Worte, die aus den Tiefen eines Ozeans auftauchten und sogleich wieder in den brausenden Wogen vergingen, Worte, die aus dem Inneren eines Vulkans brachen und rasch zu kalter Lava erstarrten, Worte die aus dem Mittelpunkt einer Sonne sprühten und sich tanzend in der Unendlichkeit des Alls verloren, Worte, die von Liebe und zugleich von Hass kündeten. Worte, die nicht wahr und nicht falsch waren. Worte, die es nicht zu verstehen galt, sondern zu begreifen.

Mein Garten war wieder erblüht, etwas verspätet zwar, doch dafür war seine Pracht umso reicher. Auf jeder Blume, auf jeder Frucht, auf jedem Blatt und auf jedem Grashalm prangten die Worte des Vogels wie Morgentau und sprachen in ihrer fremden Weise zu mir und zu jedem, der mit mir war.

 



 
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