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Warten mit Settembrini
- von Harry Haller



Warten mit Settembrini


Und Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebenso wohl oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen.
(Th. Mann)

„Worauf warten Sie?“ spöttelnd kräuselte sich Settembrinis Lippe unter seinem Bärtchen „Sie wissen doch, Warten ist das Vernichten von Zeit. Leben Sie, schaffen Sie, erneuern Sie sich und Ihre Umgebung zu Ihrem eigenen und zum Wohle der Menschheit, aber Warten? - Warten Sie niemals!“
Welche Umstände in mir das längst gelesene Buch wieder hervorriefen, weiß ich nicht, aber ich fühlte, wie die Vorstellung von Settembrini auf einmal an Gestalt gewann, immer deutlicher hervortrat, bis er schließlich zu sprechen begann.
Mir war, als hätte ich den Roman erst gestern gelesen: Hans Castorp in seiner schwülstigen Hingabe an Krankheit und Phlegma, der verführerischen Madame Chauchat und der Persönlichkeit Peeperkorns erlegen, dazu Settembrinis ständige Auseinandersetzungen mit Naphta. Der Zwiespalt, zwischen Geist und Materie, Licht und Dunkel, Leben und Tod. Und jetzt saß ich selbst in einer Arztpraxis und wartete auf meine Diagnose. Auch meine Körperlichkeit blühte nun auf, betonte sich vor dem Geistigen und ich war gewissermaßen an Hans Castorps Stelle gerückt. Ich war der angesprochene und hatte mich nun gegen diesen imaginären Italiener zu behaupten. Das Sein als Unreinheit des Immateriellen? Das Leben als Krankheit, als ewig langgezogener Sterbensprozeß?
Der Termin war in einer Viertelstunde. Hoffnung und Bekümmernis hingen daran. Die Symptome ließen nichts Gutes ahnen, aber die Ärzte wollten sicher gehen. Zuletzt hatte sich auch mein Befinden gebessert, so daß ich die Schmerzen auf eine vorübergehende Schwäche schieben konnte. Und jetzt, hier wartend, war ich noch nicht gebunden an eine Krankheit, an die Gewissheit der Einschränkung oder Umstellung oder gar des nahenden Endes. Ich nutzte die Zeit, die mir verblieben war, um mein Geistiges zu erfrischen, um es zu stärken und zu erhärten für den Ansturm, den Angriff des Körperlichen, des Unreinen, Krankhaften.
„So ist’s recht,“ setzte Settembrini erneut an „wehren Sie sich tapfer. Steigen Sie in den Ring und bekämpfen Sie den Gegner mit allem, was ihnen zu Rate steht. Es ist ein gefährlicher Feind, mit dem Sie sich da anlegen, ein Schurke, ohne Ehre, und er wird sich nicht scheuen, heimtückische Mittel gegen Sie einzusetzen. Unterschätzen Sie ihn ja nicht!“
Wie real mir diese Einbildung vorkam. Worauf wartete ich? Auf eine Erlösung? Eine Botschaft, die mir vermittelte, wie die Zukunft für mich stehe?
„Was denn, geben Sie schon auf? So ganz ohne Kampf? Das sieht mir ganz nach kläglichem Durchhaltevermögen aus. Sollten Sie wirklich so wankelmütig sein, Ihre Gedanken erneut auf die Krankheit zu lenken?“
Penetrant setzte sich die Vorstellung dieses Pädagogen in meinem Hirn fest. Sorgfältig gab er Acht, daß mein Denken sich nicht bequeme, dem Körperlichen zuzueilen. Erhebe dich, Geist, zum Fluge in die Sphären der Freiheit. Was hieß denn Warten? War es wirklich dieses Verschlingen von Zeit? War es nicht auch eine Ordnung? Ein Bewerten und Betonen gewisser Zeitabschnitte vor anderen und dadurch elitär und persönlichkeitsfördernd, ja fast undemokratisch, weil es Wichtiges aus Unwichtigem heraushob?
„Geben Sie sich keinen falschen Illusionen hin! - Zugegeben, Ihr Gedankengang entbehrt nicht einer gewissen Logik, aber worauf wollen Sie hinaus? Wollen Sie die Demokratie angreifen?“
Ich begann eine stille Diskussion mit meinem inneren Gegenüber:
Zumindest habe ich diese Lehre gezogen, daß das Individuum sich in demokratischen Verhältnissen nicht immer so entwickelt, wie Sie es wohl wünschten, quod erat demonstrandum, was Ihren überaus folgsamen Zögling des Berghofes angeht. Der Fortschritt ist elitär, und ich meine hierbei den geistigen Fortschritt, der nicht unbedingt Hand in Hand mit dem von Ihnen propagierten materiellen gehen muß, ja der materielle ist eigentlich sogar ein Hindernis, da er ja die Aufmerksamkeit des Geistes auf sich zieht, immer umsorgt und gesichert sein will. Ein gebautes Haus erfordert mindestens ein zweites, um es zu verwalten und zu schützen.
„Piano, piano, fast möchte ich meinen jenen unseligen Ingenieur wieder vor mir zu haben, der sich humanistischer Betätigung befleißigte, indem er Sterbenden den Weg zum Friedhof ebnete. Sie meinen, Warten sei elitär, weil es Wichtiges von Unwichtigem trenne? Und worauf warten Sie? Auf Ihren Befund? Die Diagnose des Arztes? Welch ärmliches Zeugnis Ihres Lebens, wenn das also das wichtige Ereignis ist, auf das es zu warten lohnt. Besser wäre es dann, wenn das Ergebnis negativ ausfiele, denn Sie hätten dann Anlass, durch die nahende und – aufgrund der neuen Information – auch spürbare Verkürzung Ihrer Lebenszeit, aus dem modus passivum in gestaltende Tätigkeit überzuwechseln.“
Gut, lassen wir die Diagnose sein, ich bin selbst nicht sehr ergriffen von der Vorstellung, in irgendeiner Art und Weise abhängig zu sein, von Äußeren und widrigen Einflüssen. Aber Fakt bleibt doch, daß Warten dem ohne Halt und Kontur dahinfließenden Zeitstrom eine, wenn auch eigene Ordnung verleiht. Und auch ist es ein Zeichen von Aktivität, so paradox es klingen mag, denn der Wartende ist ja nicht willentlich passiv, sondern abhängig vom Eintreten der für sein Vorhaben richtigen Zeit.
„Meine Einstellung zu Paradoxien kennen Sie ja. Daß ein Leben ohne bestimmte Beimengungen unmöglich scheint, ohne das Automobil, auf das Jahrelang hingespart wird, ohne das Haus, dessen Vorstellung einem die Zukunft vergoldet, ohne die Liebe, die so lange herbeigesehnt wird; ist das nicht tragisch? Ist es nicht eigentlich eine Katastrophe? Und so wird es in eine Warteschleife geschoben, bis das erhoffte Ereignis eingetreten, der unvollständige Besitz erweitert, ein letzter Zweifel ausgeräumt ist. –

Eine List ist mir gelungen,
derer ich mich rühmen kann
Hoffnung ist euch aufgedrungen,
schlägt die Welt in ihren Bann
viele Tausend Jahre schon...

– Wissen Sie, wer so spricht? Kein geringerer als der Lichtbringer selbst, Mephisto lächelt und versklavt den Menschen, indem er ihm vorgaukelt, die Freiheit sei zu erlangen, nur warten müsse man noch ein Weilchen und schon schließen sich die unsauberen Hände um den Geist und bieten allerlei zuckersüße Zerstreuung an, damit das Warten nicht als unangenehm empfunden würde. Wenn die Aktivität abhängig ist von günstigen Zeiten, dann ist es der ganze Mensch, der abhängig ist von ‚äußeren und widrigen Einflüssen’, wie Sie eben zu bemerken pflegten.“
Natürlich ist es leicht, das Warten als Machwerk der Trägheit und des Bösen abzustempeln. Aber was ist denn der Grund, daß es so eine große Rolle im Leben eines einzelnen spielt? Ist es nicht letztendlich die, bis zu einem gewissen Grade bestmögliche Organisation des Chaos, das wir Gesellschaft nennen? Das Warten ermöglicht die Teilhabe aller an den Errungenschaften der Menschheit, es ist insofern als stabilisierender Faktor am Bau der Welt beteiligt und ist somit eine der ordnungsbildenden Tendenzen des Unzusammenhängenden und Auseinanderdriftenden. Die Geburt des Wartens fällt doch mit der Erschaffung der Zeit zusammen. Erst der Ablauf, das Nacheinander der Ereignisse, das Ausdehnen des Räumlichen in die Zeit, machen Warten notwendig, da es im Nicht-Gleichzeitigen des Lebens die Vermittlung und den Zusammenhang übernommen hat.
„Treffend bemerkt und doch falsch gedeutet! Wohl ist es richtig, daß in der Abfolge des Geschehens gewissermaßen ein Zwischenraum entsteht, da ein Ereignis schon beendet, das andere aber noch nicht begonnen hat, aber nicht das Warten, also Stillstand ist der Zusammenhang, sondern die Zielstrebigkeit, also Bewegung. Im übrigen ist es immer die Frage, welcher Wert einer Sache beigemessen wird, denn aufgezwungener körperlicher Stillstand kann mit reger geistiger Beschäftigung einhergehen. Die Untätigkeit ist es, die ich anprangere, besonders da, wo sie zum Prinzip erhoben und mit klugen Worten verborgen wird, was aber Tätigkeit ist, so sind es mehrere Eigenschaften, die sie auszeichnen und nicht immer ist körperliche Anstrengung damit verbunden. Tätigkeit ist vor allem Veränderung, und diese umfasst sowohl die äußere, als auch die innere Welt. Wenn sich das ‚Ich’ bildet und weiterbildet, so ist das ebenfalls Tätigkeit.“
Wenn ich mir also die Bemerkung erlauben darf, war Ihr Eleve und Sorgenkind doch gar nicht so untätig. Immerhin fing er an, sich zu bilden und weiterzubilden...
„Aber zu welchem Zweck? Was nach Wissensdurst aussah, war eigentlich die Suche nach Bestätigung seiner müden und stumpfen Lebensweise, eine Rechtfertigung der Trägheit.“
Aber träge ist er doch erst durch den Berg geworden, durch die aus Anlass der Höhenluft herausbrechenden Krankheit, sowie andere Verlockungen, denen Hans Castorp im wahrsten Sinne des Wortes erlegen war.
„Nein, so einfach ist das nicht. Latent war alles schon enthalten, und so wie das günstige Klima seine Krankheit zum Ausbruch brachte, ließen andere günstige Umstände seine Lebensweise zum Ausbruch bringen.“
Warten als Krankheit?
„Das Prinzip ‚Warten’ ja, aber wie ich schon sagte, nicht jede Untätigkeit ist auch Stillstand. Wenn das Warten nicht dazu dient, vorhandene Zeit zu liquidieren, sondern ihren Eigenwert erkennt und nutzt, ist dagegen nichts einzuwenden, bis auf die eine Kleinigkeit, daß das Wort ‚Warten’ leider schon verunreinigt ist und bei Gebrauch immer diesen fauligen Beigeschmack behält.“

Die Tür öffnete sich und die Arzthelferin trat ein. „Ihr Bluttest liegt nun vor, der Herr Doktor erwartet Sie.“
Ich schreckte aus meinen Phantastereien auf. Die Vorstellung Settembrinis wurde augenblicklich durch die Realität abgelöst. Mich überkam ein Gefühl von Panik. Die Arzthelferin blieb mit einer Mappe in der Hand an der Tür stehen, bis ich aufgestanden war und führte mich durch den Korridor an den Türen des Labors, des Röntgenraums und der Toiletten vorbei zum Arztzimmer. Ihr weißer Umhang, den sie über die Kleidung gestreift hatte, wehte hinter ihr her, da sie schnell und weit ausholend voranschritt. Und doch, nicht alles war gelöscht, in mir blieb das Gefühl haften, als hätte ich eben eine lebhafte Diskussion mit einem realen Menschen geführt. Manchmal ergreift uns die Einbildung mehr als die vermeintliche Wirklichkeit, zumal man diese auch nur wahrnimmt, wenn man sie sich einbildet. Verändert blickte mich die Sterilität der Praxis an. Mit anderen Augen sah ich den Arzt vor mir, schüttelte ihm die Hand. Freundlich bot er mir Platz an und nahm seine Unterlagen zur Hand. Jetzt war der Moment gekommen, ich musste der Zukunft in die Augen sehen, gleich würde ich erfahren, wie es um mich stünde. Wieder stieg die Angst hoch, die Stärkung hatte nicht sehr lange vorgehalten. Jetzt, wo die Bestimmung unaufschiebbar war, wollte ich lieber nicht wissen, was mir bevorstand. Doch da war mir, als hörte ich in mir erneut ein Lachen, ein klares, spottendes und durchdringendes Lachen.
„Zögern Sie nicht,“ rief Settembrini, „bestehen Sie!“

 



 
 

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