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Silberne Taschenuhr
- von maregna



Silberne Taschenuhr



von maregna

Ihr Herzlein pocht immer noch, nach fast hundert Jahren Uhrenleben! Ich kann ihre Feder mit diesem fein gekerbten Kegel durch sanftes drehen mühelos spannen und schon beginnt ihr Leben auf’s Neue, scheinbar ohne zu altern schlägt das silbrig zärtlich klingende Herz, lässt Zahnräder im Kreis bewegen, deren Ton wir nicht wahrnehmen, um am Ende des Bewegungsflusses einen Zeiger vorzurücken: Sekunde, Minute und Stunde....

Sie ist abhängig von unserem Willen: Wir können diese Feder erneut spannen, um ihr wiederum ein Tagesleben zu schenken. Oder sind wir’s, die vom Zeiger der Uhr in Abhängigkeit verfallen? Sind wir diejenigen, welche den Zwang verspüren dieses Uhrenleben zu verlängern?

Jaja, heute! Heute werden die Uhren nicht mehr täglich zu neuem Stundenschlag erweckt, heute braucht keine Uhr sich zu sorgen um ihr Leben, geräuschlos atmen sie die Stunden aus, lassen uns hasten zwischen den Minuten, wir wollen vollbringen, bevor der Stundenschlag uns das selbst gesetzte Ziel zerstört!

Auf meinem Schreibtisch liegt diese Taschenuhr, nichts zwingt mich den Rhythmus der in Rubinen gefassten Mechanik hin und wieder zu verfolgen. Nichts verlangt nach einem fast täglichen Spannen der Feder, die jenes Uhrenherz munter schlagen lässt. Und doch möchte ich diesen Klang hören und vielleicht ein klein wenig erfahren, vom bisherigen Leben dieser Uhr...

Einen kleinen Teil ihres Lebens verrät sie mir, einen weiteren Teil davon kann ich mir zusammenreimen, der Rest wäre Phantasie, - alles miteinander versponnen könnte die vergangene Zeit ergeben. Ihre Geschichte scheint im Jahre 1907 zu beginnen, irgendwann im April dieses Jahres lag das gute Stück in einem Juweliergeschäft, nachdem sie in mühlicher Handarbeit gefertigt wurde...

Sicherlich hatte sie damals ein jungfräuliches Aussehen, silbern glänzend, nostalgisch geformte Uhrzeiger, welche sich unter bläulich schimmerndem Kristallglas munter bewegten. Vielleicht war sie im Schaufenster eines vorstädtischen Uhrmachers auf dunkelfarbigem Samt gebettet, wartend auf jenen, dessen Anblick ihn verzauberte... Ganz bestimmt lag sie nicht als Schnäppchen der Woche, oder als Sonderangebot auf ihrem samtenem Bette, nein, der Erwerber sollte schon etwas besonderes, dem Anlass entsprechendes kaufen können, mit dieser Taschenuhr.

Wie die Geschichte so spielt, hatte sich einige Jahre vordem die Taschenuhr zum Verkauf geboten wurde, ein junges Paar gefunden, sagen wir im Jahre 1905, vielleicht sogar im April? Nun, nehmen wir das doch an und beobachten zwei junge Menschen, die sich kennen lernten im beginnenden Frühling des Jahres. Die Märzsonne hatte den letzten Schnee an den Feldrainen ins Erdreich gestopft, erstes Grün zeigte sich und säumte den Wegrand. Im Dorf begann geschäftiges Treiben, die Aussat stand bevor und eine übermütige Zeit der Gefühle trieb die Menschen zur Nähe zueinander. Die Mädchen witzelten bei der Arbeit, lachten über belanglose Worte, blinzelten den Buben zu, drehten sich geniert weg...An solch einem warmen Frühlingstag haben Augen in Augen geblickt, haben sich verloren in einer Tiefe, einer Leben füllenden Tiefe, zwei Blicke haben den Bund für ein ganzes Leben geschlossen, auch ohne Worte.
Tage später erst schien es gegeben, dass beide Menschen sich wiederum vier Augen teilten, sich Blicke und auch Worte schenkten, vielleicht belanglose aber zündende Worte. Einen ersten gemeinsamen Weg miteinander versuchten sie zu laufen durch die Felder und Koppeln bei zartem Grün der Bäume über hügeliges Land und wärmenden Strahlen. Hände fanden sich, hielten fest, als wollten sie nie mehr loslassen voneinander, saßen im Gras der Feldränder vor Blicken geschützt, denn noch durfte wohl nicht jeder erfahren vom Glück, einem Glück ihrer Wünsche. Doch nichts verlangt mehr nach Gemeinsamkeit und Zuwendung, als das Gefühl jemanden inniglich zu mögen, nichts schmerzt mehr als Entfernung, als Trennung vom geliebten Teil des Menschen. Immer öfter begegneten sich die beiden, saßen im Gras und berührten sich zärtlich, tauschten liebevolle Worte, denen bald der erste Kuss wohl folgte.

Nun hatten sie sich gegenseitig versprochen, der laue sommerliche Wind brachte die Gefühle zu all diesen Worten der Sehnsucht und Liebe, dessen wachsende Kraft kommenden Herbst und kargen kalten Winter überstand, ja und immer stärker wurde. Monate beginnender Gemeinsamkeit füllte die Herzen mit überschwänglicher Wärme, den Eltern war’s recht, was beide wohl sehr glücklich machte, denn nun durften sie planen und hoffen, auf nie versiegende Liebe füreinander.

Wiederum im April des folgenden Jahres gaben sich beide ein Verlobungswort, der erste Frühling nach ihrem ersten Augenleuchten... Wir wissen heute, beide wollten gern im Frühjahr, genau zwei Jahre nach dem sich Blicke trafen, ein großes Fest feiern, die Hochzeit. Ich glaube in den ersten Apriltagen des Jahres 1907 hatte sich Hannchen ein Hochzeitsgeschenk für ihren lieben zukünftigen Mann ausgedacht und war auf dem Weg zu diesem Uhrmacher, in dessen Auslage eine eben erst georderte silberne Taschenuhr auf einem samtenen Kissen ruhte....Ich glaube, Hannchen hatte sich ohne Zögern für dieses Stück tickendes Silber entschieden und den Meister beauftragt den Deckel desselben zu gravieren. Die Inschrift verrät: „ Zum Andenken an den 22/4.07, von seiner lieben Hannchen“.

Seit diesem Tage wurde jenes silberne Pochen des Herzens dieser Uhr wohl täglich durch drehen des Ankers erneuert. Wie oft haben des Mannes Gedanken beim Blick auf diese Uhr wohl bei seinem Hannchen geruht? Wie viele Minuten, oder Stunden gar? Ich ahne die Nervosität kurz vor der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes, der ungeduldige Blick auf die Zeiger, als die Hebamme das Wochenbettzimmer hinter sich schloss...

Gezählt haben mag sie die Stunden der Arbeit, hat angezeigt wann Zeit für feierabendliche Stunde nahte, verschwand mit geübtem Griff nach jedem Blick auf ihre Zeiger immer wieder in diesem kleinen extra für diese Uhr geschneiderten Täschchen im Saume der Weste...

Geschlagen hatte sie wohl auch die Stunden, Tage und Jahre des Leidens durch die Kriege, zerteilte mit ihrem feinen Klang die mit Hunger gepflasterte Zeit, Monate und Jahre der Einsamkeit, des Zwanges für einen Krieg seine Familie zu verlassen, ohne Gewissheit auf ein Leben danach. Doch auch Momente des Wiedersehens, kurze Stunden des Urlaubs von der Front, Zeit der Ängste vor dem Tode im Kriegsgewirr... Wie viele Stunden des Glückes wären denn aufzuwiegen mit dem Ticken in unglücklichen Zeiten? Jeder nach Uhrzeit prüfende Blick war ein Moment des Gedenkens, der Erinnerung an jenes Hannchen, in deren Auftrag diese Gravur im Deckel der Uhr entstand, wenn auch der Beschenkte nicht immer sich dessen bewusst zu sein schien, - sein Hannchen lag zwischen seinen Händen und stets in seiner Nähe. Hannchen hat ihrem geliebten Kurt eine lebenslange Erinnerung geschenkt, die mit ihrem zeitteilendem Ticken ein Leben zerlegte, in glückliche und leidvolle Stunden. Sie war kein „Besitz“, diesen gibt es nicht wirklich, denn alle Dinge dieser Welt können nur „Lebensbegleitgegenstände“ sein, nicht mehr und nicht weniger.

Diese Uhr, dessen Herz noch immer schlägt, hat wohl der Sohn der beiden miteinander verliebten Menschen nach dem Ableben der zwei getragen und dabei wiederum andere Erinnerungen beim Anblick jeder Stunde erleben dürfen. Und vielleicht an seinen Vater Kurt in liebevoller Weise gedacht. Die Uhr könnte erzählen, wenn sie nur wollte, doch eine andere Aufgabe scheint ihr wohl zugedacht. Inzwischen weilen Hannchen und Kurt nicht mehr unter uns, auch der einzige Sohn als Erbe dieser Uhr hat diese Welt verlassen, doch sie tickt immer noch, zerteilt die Zeit in Sekunden, Minuten und Stunden, fügt zusammen all das zerronnene, zu Tagen des Glücks, zu Tagen des Leids. Niemand wird am Ende mehr versuchen zu addieren, welche Zeit wohl gewichtiger auf der Waagschale zu liegen käme. Ich höre jenes glänzend silbrige wohlklingende Geräusch, sie liegt immer noch auf dem Schreibtisch vor mir, lässt sich gern betrachten, auch wenn ihr silbernes Kleid nur noch matt und geschwärzt erscheint. Sie lässt mich hineinsehen in die Mechanik, erlaubt mir die Bewegungen zu verfolgen, lässt mich ihre Formen bewundern.

Jeden Tag schenke ich ihr ein neues Leben, spanne die Feder auf’s Neue, nicht wissend, wessen Zeit sie dabei zerteilt. Auch ich werde diese Uhr eines Tages verlassen, wie alles, was mich umgibt, sie wird verstummen, wenn niemand ihre Feder mehr spannt, wird den Weg aller Dinge gehen, die am täglichen Konsum uns hinderlich sind.

(c) michael beck 2005

 



 
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