HERMANN HESSE

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- von Bordeaux



Du hast mir, glaube ich, eine ganze Menge erzählt – damals.
Mir gefiel das, was du erzähltest, mir gefiel, dass du es mir erzähltest und dann, meine ich mich zu erinnern, muss ich wohl immer in deinen Worten und Blicken ertrunken sein, wie all die Seemänner im Wasser ertranken. Die Seemänner, die wir ums Leben brachten.
Damals, als wir das noch gemeinsam taten.
Heute töte ich sie alleine. Rudelweise mache ich das. Keine Ahnung, wie viele führerlose Kähne über die Meere dieser Welt treiben, aber ich denke, es müssen unglaublich viele sein.
Manchmal frage ich mich, ob sie sich treffen, die Kähne, die wir zusammen entmannt haben und die, die ich nun alleine um ihre Besatzungen bringe.

Du hast mir, glaube ich, sehr viel gesagt, und auch die Seemänner kamen von dir. Ich selbst wusste von solchen Dingen nichts, so wie ich von vielem nichts wusste, bevor ich dich zufällig traf, um in deinen Worten unterzugehen und in deinen Augen zu versinken, ohne den Halt, den du mir nicht gabst.
Das ist lange her und lieber rauche ich jetzt und tue das auf unsere ganz spezielle einmalige Art. Lieber lasse ich wieder die Seemänner sterben, als all zu tief über Dinge nachzudenken, die schon lange zurückliegen. Doch gerade dann passiert es wieder. Immer und immer wieder. Ich denke an dich. Das liegt wohl an den Zigaretten und an den Seemännern und vielleicht auch am Bier.
Und du? Denkst etwa du noch manchmal daran?
Du wirst es, glaube ich, vergessen haben!
Oder lässt du vielleicht noch die Seemänner sterben?
Sicher nicht, du wirst irgendein Feuerzeug benutzen und sie verschonen! Und wenn nicht, dann tust du auch das nur für dich.
So wie ich!

Nun sitze ich hier in dieser Kneipe, die irgendwann mal unsere Kneipe war und lasse ganz allein für mich einen Seemann nach dem anderen über die Klinge springen. Drei Seemänner, ein Bier, vier Seemänner, zwei Bier und immer so weiter.
Das Mädchen, das immer die leeren Gläser wegnimmt, um mir stattdessen Volle hinzustellen, wird mir auch eine neue Kerze bringen müssen. So wie bei uns – damals.
Hatten wir dieselben Kerzen?
Weiß nicht. Das Mädchen aber war seinerzeit noch nicht hier! Oder habe ich sie einfach nicht bemerkt, im Ertrinken begriffen?
Keine Ahnung, und warum erzähle ich dir das jetzt? Warum willst du das wissen? Wieso fragst du? Es geht dich nichts an! Hörst du? Nichts an, ja!
Diese ganze Kneipe hier ist nun meine und auch die verfluchten Kerzen.
Wir waren gemeinsam hier?
Zufall! Sie ist mir!
Die Seemänner?
Die töte von nun an nur ich. Habe ich über die Jahre so gemacht. Du hast damit nichts mehr zu tun.
Aber ja, sicher, ich gebe es zu, das ist nicht ganz so richtig.
Woher ich denn von den Seemännern weiß?
O.k., nun, natürlich warst du es, die mir davon erzählte – damals.
Ich gebe das zu. Klar, ja! Aber gib mir noch ein Bier und ich vergesse auch das.
So wie ich dich nicht vergessen kann.
Das, übrigens, gelingt mir immer mal wieder ganz gut, dich zu vergessen. Aber nur zwischendurch. Bis zum nächsten Seemann – so wie jetzt.
Wer konnte ahnen, dass es in dieser Kneipe wieder hoch kommt. Woher sollte ich wissen, dass hier noch immer diese blöden Kerzen rumstehen, diese potenziellen Seemannskiller?

Dabei war es doch ein recht schöner Tag gewesen, mit einem Abend, der sich nahtlos daran anschloss. Wieso gönnst du mir nicht eine ebenso gute Nacht? Ein paar Stunden Kneipe und ein paar Bier, nur so, ganz entspannt. Das funktioniert nicht mehr, seit Jahren nicht. Weißt du das überhaupt?
Und das Mädchen mit den Gläsern?
Es geht dich, denke ich, wirklich nichts an, aber es wird bei weitem nicht so gut sein wie du, das Mädchen mit den Gläsern. Kein Problem also! Nicht für dich!
Sie bringt mir nur ein volles Glas und stellt eine frische Kerze hin.
Der nächste Seemann ist fällig und das x-te Bier, ob dir das nun gefällt oder nicht, egal.
Da drüben am Tisch, dort, wo die drei Kerle sitzen und sich irgendwelchen belanglosen Schwachsinn erzählen, dort haben wir gesessen. Du an der einen, ich an der anderen Seite des Tisches. Ich konnte dich sehen, im Schein der Kerzen, dieser verfluchten Dinger. Ihr Licht spiegelte sich in deinen Augen, flackernd, warm, vertraut. Ihr Licht war immer das Letzte, was ich sah, bevor ich in deinem Blick, diesem Besonderen, unterging, so wie die Seemänner im Wasser – damals und heute. Was für berauschte Zeiten das doch waren.
Jetzt sitzen da drei Kerle und diskutieren recht trocken über „Kostenleistungsrechnung“ und „Homo Öconomicus“. Wieso, frage ich mich, müssen denn ausgerechnet die Seemänner sterben? Ein paar Betriebswirtschaftler stattdessen, meine ich, würden es doch auch tun und das Ganze hätte noch einen praktischen Nutzen.
Aber es wird wohl mit der Seemannsromantik zu tun haben. Was meinst du, du musst das doch wissen?
Der Tisch da drüben aber, glaube ich, hatte bessere Zeiten, so wie ich – damals.

„Lassen wir also wieder einen Seemann sterben“, hast du gesagt, an diesem Tisch und mir die brennende Kerze unter die Zigarette gehalten, währenddessen deine Augen flackerten und züngelten und ich nicht mehr wusste, was heißer war, die Flamme oder ihre zwei Ebenbilder in deinem Gesicht. Was für Seemänner das waren, von denen du sprachst, wieso wir sie sterben ließen, das alles war mir neu und egal zugleich. Und doch fragte ich dich.
Das war, wie ich heute weiß, mein Fehler!
„Kennst du es nicht?“, hast du gefragt und das Feuer wandern lassen, seine geheimnisvollen Bahnen. „Jeder, egal wer, der sich mit so etwas seine Zigarette anzündet“, und du sahst auf das flackernde Licht in deiner Hand und du wurdest ganz leise, „lässt in genau diesem Moment einen Seemann sterben – irgendwo da draußen.“
„Da draußen?“, fragte ich und genoss das Lichtspiel der Kerze auf deinem Gesicht und die Andacht in deiner Stimme. „Genau da“, hörte ich dich von ferne her sagen, „auf den weiten, tiefen und einsamen Meeren dieser Welt.“
Sie war schaurig schön, diese Sage, und passte so gut zu der Kneipe, dem Tisch, zu dem Flackern, das in deinen Augen wiederschien, zu deinem Blick, diesem Besonderen, und zu den geheimnisvollen Bahnen, auf denen das Feuer wandert.

Du tatst es irgendwann dem Feuer gleich und zogst deine Bahnen! Dich führten Sie weg, alles andere aber blieb hier. Die Kneipe, der Tisch, die Kerzen und schließlich auch diese seltsame Geschichte von den Seemännern.




Ich werde jetzt noch eine rauchen, auf unsere ganz spezielle einmalige Art.
Siehst du, ich tue es genauso, wie du es mir zeigtest – damals.
Ich kann es nicht mehr anders. Und ich brauche dir nicht zu sagen, was passieren wird, in diesem Moment, irgendwo da draußen, auf diesen Meeren – den weiten, tiefen und einsamen.

Du meinst, ich lasse einen Seemann sterben? Nun, da hast du vielleicht Recht. Aber es ist, glaube ich, nur die halbe Wahrheit.
Es wird Zeit, dass du von der anderen Hälfte erfährst. Sie ist, sozusagen, meine ganz eigene Version der Geschichte.

Man kann sie töten ...

... aber sie kommen wieder. Sie treiben nach oben, in jeder Kneipe, an jedem Tisch mit Kerze, bei jeder Zigarette, die ich mir dann daran anstecke, da tauchen Sie plötzlich auf, an der Oberfläche, die Seemänner.
Und weißt du, was Sie mitbringen, von da unten, aus den Tiefen ihrer Meere ...?

... Erinnerungen bringen Sie mit und ein vergessen geglaubtes Gefühl – immer wieder.



 



 
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