HERMANN HESSE

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Ohne Titel
- von Daydreaming



Ohne Titel

„Arthur, nun komm doch raus!“ schrie sie zum wiederholten Male.
„Nein!“ kam Arthurs barsche Antwort.
Seit drei Stunden hatte er sein Arbeitszimmer nicht verlassen. Die Tür hatte er abgeschlossen und seine Frau Margret war dem Zusammenbruch nahe.
„Onkel Arthur“, rief ich durch die verschlossene Tür.
„Wer ist da?“
„Es ist dein Neffe Jörg, Arthur. Er will auch, dass du endlich da herauskommst.“
„Lass den Jungen in Ruhe, Margret.“
„Jetzt reicht es mir. Hör endlich auf, dich wie ein Fünfjähriger zu benehmen!“
Aus ihrer Stimme klang mehr Verzweiflung als Zorn und Onkel Arthur wusste das ganz genau.
„Ich weiß auch, dass ich nicht mehr fünf bin. Ich bin 72 Jahre alt und ich brauche kein Kindermädchen.“
Eigentlich war es komisch – unfreiwillig komisch. Der Onkel, den ich als Kind für den schlausten Menschen der Welt gehalten hatte, benahm sich nun selbst wie ein Kleinkind.
Meine Tante starrte die Tür an, dann feuerte sie ihre Antwort: „Arthur, du hast Drogen genommen und dich auf einem Kinderspielplatz vergnügt. Sag du mir nicht, wie erwachsen du bist!“
Die Vorstellung meinen bekifften Onkel im Sandkasten spielen zu sehen zwang mir ein Grinsen ins Gesicht. Ein Fehler. Die geballte Wut und Entrüstung meiner Tante traf mich wie ein Faustschlag.
„Findest du es komisch, wenn dein Onkel verrückt wird? Er hat Marihuana geraucht und ist in Unterhosen auf die Rutsche geklettert. Was ist daran so komisch? Sind denn hier alle verrückt?“
Den letzten Satz wiederholte sie noch einige Male und zog sich dann ins Wohnzimmer zurück. Ich war nicht ganz sicher, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte die Wahl zwischen einer ältlichen Furie, in deren Gegenwart das Grinsen verboten war und einem siebzigjährigen Kiffer, der halbnackt auf Spielplätzen herumturnte. Bevor ich noch eine Entscheidung treffen konnte, hörte ich ein Klacken im Türschloss und Onkel Arthur öffnete die Tür einen Spalt breit.
„Ist sie weg?“ fragte er.
Ich nickte.
„Dann komm rein, Junge.“
Er ließ mich herein und schloss hinter mir ab. Er grinste breit über das ganze Gesicht.
„Was machst du bloß für Sachen, Onkel Arthur?“
„Ach, was. Du hörst dich ja an wie meine Mutter oder die da draußen.“
Das Armfuchteln galt meiner Tante.
„Was ist denn schon dabei? Das Zeug habe ich vom Nachbarsjungen. Wollte wenigstens mal sehen, wie das ist, bevor ich abtrete.“
Wieder entblößte er seine dritten Zähne.
„Es war gar nicht so besonders und auf dem Spielplatz hatte ich keine Hose an, weil ich keine saubere finden konnte Es ist doch Sommer, da tragen alle diese Shorts und es ist nicht verboten auf den Spielplatz zu gehen. Wollte die alten Stelzen noch einmal in der Sonne braten.“
Er zeigte auf seine dünnen Beine. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie mein Onkel auf einer Rutsche wie ein Hühnchen herumhüpfte.
Er stand vor en Schaukästen an der Wand, Schmetterlinge, Insekten, aufgespießte Miniaturmonstrositäten. Sein Blick fiel auf die schwer beladenen Bücherregale, seine eigene kleine – aber gut sortierte, das weiß ich aus eigener Erfahrung – Bibliothek. Die zusammengerollten Karten, die Andenken an Reisen in Länder, deren Namen ich weder vorher gekannt hatte, noch aussprechen konnte. Der große Schreibtisch, gut genug für einen Staatschef, die schweren Teppiche, in die die Füße fast ganz einsackten, die hohen stuckverzierten Decken. Draußen vor dem Fenster die Welt, die nicht aufgehört hatte, sich zu drehen, die nicht auf einen alten Mann warten wollte, der ein letztes Mal versuchte, sich gegen die unaufhaltbare Flucht der Zeit aufzulehnen. Er stand ganz ruhig und sah mir in die Augen. Eine Reise zu einem fernen Land stand ihm noch bevor.
„Ich werde sterben“, sagte er ruhig.
Ich nickte nur und überlegte, ob dies nicht seine größte Expedition werden würde.

 



 
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