HERMANN HESSE

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An einem Montagmorgen
- von Daydreaming



An einem Montagmorgen

Um sechs Uhr fünfzehn klingelte der Wecker und Thomas Sonntag quälte sich aus dem Bett. Es war kalt im Schlafzimmer und so hastete er ins Bad. Dort war es ebenso kalt, wie er unglücklich feststellen musste. Er duschte und rasierte sich. Als er in die Küche kam, war es halb sieben. Er kam jeden Morgen um dieselbe Zeit in die Küche, außer am Wochenende, da kam es vor, dass er bis zum Mittag im Bett lag und die Decke anstarrte oder die Tauben auf dem Dach gegenüber beobachtete.
Seine Frau saß im Bademantel am Tisch und warf einen müden Blick auf die Zeitung. Sie gähnte herzhaft und wünschte ihm automatisch einen guten Morgen. Sonntag brummte etwas Ähnliches zurück, dann frühstückte er. Während er mit wenig Interesse die Zeitung las, hielt seine Frau ihm einen Vortrag und kritisierte seinen, in ihren Augen, zu starken Kaffeegenuss. Ab und zu brummte er eine Antwort oder sagte: „Kann schon sein. –Im Kongo gab es schon wieder blutige Unruhen.“
Jeden Morgen war es ihm unangenehm, aber montags war es am schlimmsten. Um fünf vor sieben zog er seinen Mantel an und griff nach der Aktentasche. Wie jeden Morgen küsste er seine Frau auf die Stirn und sie sagte: „Ist es nicht zu früh? Wenn du die Straßenbahn nimmst, kannst du dich noch ein paar Minuten zu mir legen.“
„Ich gehe zu Fuß.“
Er schaltete das Licht aus und seine Frau rollte sich in die Decke ein. Sie musste erst später zur Arbeit und ging nach dem Frühstück noch für eine halbe Stunde ins Bett.
Das gute am Winter in der Stadt war, dass sie nicht viel anders aussah als im Sommer. Nur ein wenig dreckiger Schneematsch sagte dem Auge, dass es tatsächlich Winter war. Sonntag schlug den Kragen hoch und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Er war Buchhalter in einer Firma, die Schrauben und Werkzeuge herstellte. Er hatte noch nie eine Fabrik der Firma gesehen und Schrauben interessierten ihn wenig. Bald würde er in seinem öden, muffigen Büro sitzen, den Tisch voller Tabellen und Berichte. Von seinem Schreibtisch aus konnte er den Fluss sehen und die Brücke, die die beiden Stadtteile, die er teilte, verband.
Er hatte die Stahlbrücke erreicht und blickte auf die Hochhäuser auf der anderen Seite des Flusses. Er blieb auf halbem Weg hinüber stehen und legte eine Hand auf das Geländer, das von Eis überzogen war. Hinter ihm kreischten die Räder der Straßenbahn auf den kalten Schienen. Der Fluss war ein schmutziges, grau-braunes Band, das sich durch die ebenso schmutzige und graue Stadt zog.
Einmal hatte er geträumt, er und seine Frau segelten auf einem Boot den Fluss bis zum Meer hinunter. In seinem Traum war der Fluss silbrig glitzernd und lebendig.
Die Sonne kroch am Horizont hervor, aber ihre blassen Strahlen verliehen der Landschaft kein Leben. Der Fluss schien das wenige Licht vollkommen zu verschlucken. Sonntag griff ihn seine Aktentasche und holte einen Revolver heraus. Nur eine der fünf Kammern enthielt eine Kugel. Er setzte den Lauf an seine Schläfe und drückte ab. Nichts. Zuvor hatte er ängstlich die Augen zugekniffen, aber mittlerweile starrte er mit leeren Augen auf den Fluss. Er drehte die Trommel des Revolvers und steckte ihn zurück. Dann ging er weiter zu seinem Büro.
Ein andermal. Vielleicht, dachte er.

 



 
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