HERMANN HESSE

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Der Finger
- von benji



Der Finger

An einem Februarmorgen trat ich auf meine Terrasse um den Tag zu begrüßen, die Wetterlage zu sondieren und tief einzuatmen. Es war kalt, aber der Himmel war klar und ... ja, das konnte ein schöner Tage werden. Ein kurzer Blick in Richtung der Pflanzentröge irritierte mich, da lag etwas auf dem Boden, das nicht hierher gehört, ein bräunliches, länglich gekrümmtes Ding. Ich bückte mich und hob es auf, und erstarrte: Es war ein menschlicher Finger.
Wer findet schon morgens auf seinem Balkon einen Finger?
Was sollte ich bloß tun? Warten? Ihn einfach wegwerfen? Wessen Finger war das bloß? Was tut jemand, der seinen Finger verloren hat? Sucht er ihn?
Wahrscheinlich war der Eigentümer dieses Fingers entweder in den Händen von medizinischen Fachleuten oder selbst schon längst tot. Und wenn er noch lebte, hatte er sich damit abgefunden, ohne diesen Finger zu existieren. So gesehen könnte ich ihn einfach wegwerfen, in den Biomüll. Mein Gott.
Ich sah mir das Fundstück nochmals genauer an: Drei Fingerknochen, zwei Gelenke, articulationes interphalangeales manus. Ob Zeige-, Mittel- oder Ringfinger konnte ich nicht so einfach sagen, aber die Vermutung lag nahe, daß es sich um den Finger eines Mannes handelte. Er war breiter, die Fingernägel kurzgeschnitten. Aber was besagt das schon.
Im linken Augenwinkel blitzte ein grau-weißer Stofffetzen auf, den ich vorher noch nicht gesehen hatte. Ich ging die drei Schritte zu den großen Trögen und hob das Stück auf. Es war ein ziemlich fester Stoff, die Rißstellen waren gerade und gleichmässig, als wären sie sehr schnell und mit großer Kraft gerissen worden. An einem der Ränder war ein blauer Streifen aufgenäht, etwa 7cm lang, wohl Teil eines größeren Ganzen, eines Schriftzuges vielleicht oder Emblems. Während ich den Fetzen einsteckte, kam mir der Gedanke, vielleicht liegen in der näheren Umgebung noch mehr von diesen Fundstücken – menschliche Gliedmaßen, Leichenteile, Stoffreste etc. herum. Also schaute ich hinüber auf die Terrassenteile der beiden Nachbarwohnungen links und rechts von meiner, aber außer leeren und vollen Blumentrögen, einer kleinen Sitzbank und eines vergessenen Grillers war nichts sichtbar.
Schnell hob ich den Finger auf und warf ihn mit einem gut berechneten Wurf meinem Nachbarn zur linken hinüber. Damit, dachte ich, habe ich das Problem auf bubenhafte Weise gelöst, und wenn ich nicht weiter darüber nachdenke ist es so, als hätte dieser Finger nie auf meiner Terrasse gelegen. Jemand anders hat jetzt ein Problem, aber nicht ich.
Da schlich sich ein heißer, adrenalinbegleiteter Gedanke ein: Gestern war beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre das Spaceshuttle „Columbia“ auseinandergebrochen, die sieben Astronauten, zwei Frauen und fünf Männer, hatten keine Chance zu überleben.
In 60 km Höhe mit 20facher Schallgeschwindigkeit – das überlebt keiner. Könnte dieser Finger etwa – nein, wie sollte er von einem anderen Kontinent durch die Luft bis nach Österreich segeln, das ist unmöglich – oder doch? Mir wurde heiß und kalt, und die unsinnigsten Gedanken irrten durch mein Hirn: Vielleicht suchen NASA- oder CIA-Leute diese Fundstücke und Gliedmaßen; vielleicht könnte ich damit Geld machen, den Finger an einen Irren verkaufen via Internet, vielleicht war das aber auch strafbar. Jedenfalls mußte ich sofort wieder in den Besitz des Fingers gelangen.
Es war leicht, mich über die meist unbepflanzten, mit bloßer Erde gefüllten Tröge hinüber zu meinem Nachbarn zu schwingen, zudem war anzunehmen, daß der nicht zu Hause ist, denn er ist selten zu Hause, nur wenn er gerade eine sexuell lohnende Beziehung hat oder depressiv gestimmt ist. Dann drischt er auf einen Boxsack ein, und die Gläser klirren in meinen Küchenkästen. Außerdem war es Vormittag, mitten unter der Woche. Also was schon.
Drüben auf seinem Teil der Terrasse stolperte ich sofort über einen abgebrochenen Teil seiner ehemaligen hölzernen Trennwand, die ein Herbststurm zerlegt hatte. Auf einem Bein hüpfend konnte ich gerade noch einen Sturz vermeiden. Dann hob ich schnell den Finger auf, als würde ich einen Diamaten aufheben und zog ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche, um ihn da hineinzuwickeln. Als ich aufblickte, stand mein Nachbar vor mir und starrte mich verwirrt an.
Wie kann man eine so ungewöhnliche Situation erklären? Ich versuchte es gar nicht, murmelte nur was von „ist mir rübergeflogen“ und war schon wieder auf meiner Terrasse drüben.
Dem jungen Mann war der Vorfall offenbar peinlicher als mir, weshalb er auch nichts weiter sagte und tat, in seiner Wohnung verschwand und die Balkontür schloß. Für ihn war die Sache erledigt, er hatte wohl auch diesen Finger gar nicht gesehen und dachte sich wahrscheinlich irgendwas krauses. Da hatte ich jetzt den Finger wieder, und damit auch das Problem: Was mache ich mit ihm? Nach kurzem Überlegen steckte ich ihn samt dem Papiertaschentuch und dem Stoffrest in ein kleines Jausensackerl und packte dieses in den Kühlschrank, ins Eisfach.

Wenn ihr mich besuchen kommt, kann ich euch den Finger zeigen, er liegt immer noch in meinem Gefrierfach. Niemand hat ihn bis heute gesucht, kein Geheimdienstler, kein Polizist, auch kein Unbekannter mit vier Fingern an einer Hand.

 



 
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