HERMANN HESSE

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Die achte Frage
- von Daydreaming



Die achte Frage

Endlich kommt er. Ich kann seine Schritte auf dem Flur hören. Gleich wird ein Schlüssel in das Schloss gesteckt werden, mit einem Knacken wird die Tür sich öffnen. Er wird eintreten, ordentlich rasiert, ordentlich gekämmt, ordentlich gekleidet und mit einem ordentlichen Gesichtsausdruck. Wie sich das für eine Person in seiner Position gehört. Zumindest glaube ich, dass er hier einen höheren Rang bekleidet und alle anderen sehen respektvoll, wenn nicht sogar demütig zu ihm auf. Er wird mir die gleichen Fragen stellen wie jeden Tag.
Wie lange ich schon hier bin weiß ich nicht. Man weiß nicht, ob es Tag oder Nacht, Winter oder Sommer ist, denn es gibt hier keine Fenster. Es ist immer gleich hier. Auch Uhren habe ich keine gesehen, außer die Taschenuhr von Herrn Leiter, aber er hat mich nie sehen lassen, wie spät es ist. Ich sitze wieder in dem kleinen weißen Raum mit dem weißen Tisch und den zwei weißen Stühlen. Der Flur ist weiß, das Licht ist weiß, die Uniformen der Wärter, meine eigene Kleidung, meine Zelle – alles hier ist weiß. Klinisch. Blendend. Ermüdend. Alles hier ist weiß, bis auf Leiters Anzüge; er trägt meistens schlichte, graue mit einer passenden Krawatte und blütenweißen Hemd. In seiner Westentasche steckt die goldene Taschenuhr, auf die er blickt, bevor er wieder geht. Natürlich weiß ich es nicht, aber ich glaube, unsere Gespräche dauern immer gleich lange. Nie sagt er etwas anderes, immer stellt er die gleichen Fragen. Am ersten Tag hat er sich als Herr Leiter vorgestellt – ob das sein wirklicher Name ist oder vielleicht eine Rangebezeichnung weiß ich nicht, aber auch die Wärter nennen ihn so. mit mir sprechen sie nicht viel. In knappen Befehlen sagen sie mir, was ich tun soll. Als ich mich einmal weigerte, schlugen sie mich mit Knüppeln zusammen und schleiften mich zu diesem Raum. Mittlerweile brauchen sie mir nichts mehr zu sagen – ich gehe von allein, automatisch. Es ist jeden Tag derselbe Weg. Nachdem sie mir mein Essen gebracht haben, führen sie mich zu diesem Raum und nach dem Verhör wieder zurück. Das ist alles. So sieht mein Leben hier aus. Warum und wo ich hier bin weiß ich nicht. Langsam bin ich mir nicht mehr sicher, wer ich bin.
Bevor ich eines Tages hier in meiner Zelle wach wurde, war ich Arbeiter in einer Fabrik für Baumaschinen. Manchmal denke ich an die Zeit zurück, doch die Erinnerungen verblassen langsam. Das Komische ist, dass ich nicht sagen kann, ob ich mir mein altes Leben zurückwünsche.
Die erste Frage von Herrn Leiter ist, wie ich mich fühle, doch genau wie all seine anderen Fragen, kann ich auch diese nicht beantworten. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Ob ich glücklich oder traurig bin kann ich nicht sagen. Allerdings kann ich auch nicht sagen, ob ich es jemals in meinem Leben gewesen bin. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich irgendwann irgendwie gefühlt habe. Herrn Leiter scheint es nicht zu stören, dass ich keine Antworten auf seine Fragen habe. Er scheint es gar nicht zu erwarten, stattdessen fährt er mit der nächsten Frage fort.
Jetzt wird der Schlüssel im Schloss umgedreht, der Wärter öffnet sie und Herr Leiter betritt den Raum. Er trägt einen hellgrauen Anzug, seine weißen Haare sind ordentlich gescheitelt, seine Schuhe glänzen. Die Tür wird hinter ihm abgeschlossen. Er setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber. In seinem Gesicht ist keine Gefühlsregung zu erkennen, es ist ausdruckslos. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er ein Roboter ist, aber er hat mir nicht geantwortet. Er spricht nur in Fragen mit mir, doch es sind immer dieselben. Er öffnet eine dünne Mappe auf dem Tisch, dann beginnt er.
„Wie geht es Ihnen?“
Ich weiß es nicht.
Er nimmt ein großes Foto aus der Mappe und legt es vor mir auf den Tisch. Es ist das Schwarz-Weiß-Porträt eines jungen Mannes.
„Kennen Sie diese Person?“
Ich schüttele den Kopf. Jeden Tag legt er mir ein anderes Foto vor, aber ich kannte keinen der Männer.
„Hatten Sie jemals Kontakt mit dieser Person?“
Nein. Ich kenne ihn ja auch gar nicht.
Er legt das Foto zurück in die Mappe und schließt sie.
„Hatten Sie jemals vor gegen das in diesem Land geltende Recht wissentlich zu verstoßen?“
Natürlich nicht. Warum auch?
„Hassen Sie diesen Staat und die Institutionen, Werte oder Personen, die ihn repräsentieren?“
Dazu habe ich keinen Grund.
„Hatten Sie jemals vor, das Land unerlaubt zu verlassen, freiwillig oder unter Zwang?“
Ich hatte es nie vor und niemand wollte mich dazu zwingen.
„Sehen Sie in sich eine Gefahr für Ihre Umgebung, ihre Mitmenschen oder Ihre Arbeit?“
Ich wüsste nicht warum. Ich möchte niemandem etwas tun. Ich bin ein friedliebender Mensch.
Das war es. Er steht auf, nimmt seine Mappe und klopft an die Tür. Der Wärter lässt ihn heraus. Kurze Zeit später kommen sie und bringen mich zurück in meine Zelle, die nicht viel größer ist als der Verhörraum. Darin sind nur eine Liege, ein Napf für Wasser, ein Napf für Essen und ein Loch im Boden für meine Bedürfnisse. Jeden Tag wecken sie mich, dann muss ich mich ausziehen und werde mit einem Schlauch abgespritzt. Dann bekomme ich zu Essen, bevor es zum Verhör geht. Einen anderen Menschen als die Wärter – ich kann sie schlecht unterscheiden, vielleicht sind es immer die gleichen, vielleicht andere – oder Herrn Leiter habe ich hier nie gesehen. Das einzige Geräusch hier drin sind die Schritte der Wärter und manchmal ein Zischen im Lüftungsschacht an der Decke.
Wir sind da. Ich lege mich auf meine Liege und versuche zu schlafen. Ein kühler Lufthauch kommt aus der Öffnung dort oben. Das Licht geht sowieso nie aus.

Etwas ist heute anders. Ich bin normal geweckt worden, dann kamen die Wärter, um mich abzuspritzen. Eigentlich ist alles wie immer; meine Zelle – trist, leer, das Essen – fad, das gleiche wie jeden Tag, die Luft aus dem Lüftungsschacht – kühl, so kühl, dass man denkt, man bekommt eine Gänsehaut, aber man bekommt keine… Als der Wärter meinen Arm nimmt, um mich zum Verhör zu bringen, schiebt sich mein Ärmel ein wenig nach oben – da! Meine Haut ist nicht ebenmäßig und glatt! Die Haare stellen sich auf – ich friere. Ich habe hier noch nie gefroren, kein einziges Mal. Die Wärter sehen aus wie immer, schweigen wie fast immer. Ich fahre mit der Hand über die Haut an meinem Unterarm. Sie ist gespannt und voller kleiner Huckel. Immer und immer wieder fühle ich, wie die dünnen Härchen sich aufrichten und ich lächle dabei. Es ist das erste Mal, dass ich eine Veränderung in meinem Gefängnis spüre, zwar nur eine kleine, aber es freut mich.
Jetzt sitze ich im Verhörraum und Herr Leiter setzt sich mir gegenüber hin.
„Wie geht es Ihnen?“
Ich weiß es nicht. Habe ich Grund, glücklich zu sein?
Er zeigt mir das Foto eines jungen Mannes, den ich nicht kenne. Unter dem Tisch befühle ich die Gänsehaut an meinem Arm. Herr Leiter stellt mir die üblichen sieben Fragen, auf die ich auch heute keine vernünftige Antwort zu geben weiß. Er steht nicht sofort auf, um zu gehen, stattdessen betrachtet er nachdenklich das Foto. Was hat das zu bedeuten? Er zeigt mir nochmals das Foto und plötzlich erkenne ich die Person darauf – er ist es! Herr Leiter als junger Mann! Sein Gesichtsausdruck fällt von ihm ab wie eine Maske. Seine Züge verzerren sich leicht, in Trauer. Mit schwerer Stimme stellt er eine weiter Frage:
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“
Ich bin verwirrt. Ich möchte schreien. Was ist das für ein Wahnsinn? Was geschieht hier nur? Ich habe mich noch längst nicht gefasst, da kommen die Wärter herein. Sie fassen Herrn Leiter bei den Armen und führen ihn aus dem Raum. Als er auf dem Flur ist, rollen stumme Tränen seine Wangen herunter.
„Wo bringen Sie ihn hin“, schreie ich, aber niemand antwortet mir. Mein Gott, was hat dies alles nur zu bedeuten? Ein Wärter kommt herein und bittet mich, mitzukommen. Er bittet mich! Er führt mich einen anderen Weg als sonst entlang.
„Wo bringen Sie ihn hin?“ frage ich.
„Es geht ihm gut.“
Mehr erfahre ich nicht. Das erste Mal hier hat man mir auf meine
Frage geantwortet!
Wir betreten ein Zimmer weit entfernt vom Verhörraum. Es ist fensterlos, aber nicht ganz so trist wie meine Zelle oder der Verhörraum. Hier gibt es Möbel: Ein Schreibtisch, ein Schrank, ein richtiges Bett. Ich bekomme neue Garderobe, eine Reihe schlichter Anzüge mit Krawatten und Hemden. Ich sehe in den Spiegel und stelle mit Entsetzen fest, dass mein einst braunes Haar nun gräulich weiß ist. Bin ich schon so lange hier?
Anscheinend sind wir fertig, der Wärter führt mich heraus, nachdem ich mich umgezogen habe.
„Kommen Sie, Herr Leiter. Sie können jetzt mit der Befragung beginnen.“
Herr Leiter? Aber ich bin doch… Ich sehe an mir herunter, mein weißes Haar fällt mir wieder ein. Wie es aussieht bin ich Herr Leiter.
Ich setze mich an den Tisch im Verhörzimmer. Mir gegenüber der, den ich nun befragen muss. Ich stelle mich vor, schlage die Mappe auf, die mir der Wärter gegeben hat und fange an.
„Wie geht es Ihnen?“
Natürlich weiß er es nicht. Er kann es doch unmöglich wissen. Die Fragen kenne ich alle – und auch die dürftigen Versuche, sie zu beantworten sind mir längst bekannt. Ich brauche gar nicht zu überlegen, was ich sage, es kommt automatisch. Ich kann gar nichts anderes sagen. Ich fahre fort, nur eines traue ich mich nicht zu fragen:
„Warum sind wir hier?“

 



 
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