HERMANN HESSE

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Treffen in Berlin
- von Teetrinker



Treffen in Berlin



Schon seit 4 Stunden sitze ich nun in diesem Zug. Wieder ist er völlig überfüllt...es stört mich schon lange nicht mehr. Warum auch? Wäre er leerer, wenn es mich stören würde?
Interessant. Die Passagiere und ihr so unterschiedliches Verhalten. Schräg gegenüber sitzt ein junger Mann im Anzug. Ich beobachte Ihn schon seit einiger Zeit. Unauffällig natürlich. Vielleicht hat er es bemerkt, denn er hob öfter den Kopf aus seinem Laptop, den er auf seinem Schoß stehen hat und sah sich im Abteil um. Dann muss ich immer sehr schnell aber möglichst natürlich meinen Kopf von ihm abwenden. In seinem Gesicht sehe ich dann diesen kalten aber eindeutigen Ausdruck, der verheißen lässt, dass er nicht gerne angesprochen werden und lieber weiter über seinem tragbaren PC brühten möchte. Vielleicht schreibt er gerade seine Doktorarbeit – vielleicht spielt er auch nur Solitaire. Ab und zu scheint er sichtlich gestört von den 3 älteren Damen, die mit uns im Abteil sitzen – also doch eher Doktorarbeit.
Die Drei reden, nein, schnattern seitdem ich das Abteil betreten habe – und wahrscheinlich schon davor. Mein Eintreten unterbrach sie nur kurz in ihren abwechselnden Kurzreferaten über Frisöre, allgemeine Körperleiden und...FUßPFLEGEBESUCHE. Bei diesem Thema erhebe ich mich grundsätzlich und spüre das drängende Verlangen die Mitropa suchen zu gehen. Jetzt ist es soweit. (Ob es ein Dokument für alte Leute gibt, in denen Themen für Gespräche mit Gleichaltrigen vorgegeben sind? Wie auch immer.) Ich stehe auf - „Entschuldigung, dürfte ich einmal durch?“ – „Aber sicher junger Mann,“ ertönt die Antwort und ich schiebe mit einiger Kraft die Tür des Abteils auf. Auf dem Gang sitzen inzwischen auch einige, zumeist jugendliche Fahrgäste. Kurz denke ich mir, warum ich, selbst erst 25, einen komfortablen Sitzplatz in einem Abteil habe und Andere auf dem Gang sitzen müssen. Genau in diesem Moment schicke ich ein ermunterndes Lächeln 2 Gangsitzer weiter einem etwa 18-jährigen Mädchen zu. Sie antwortet mit einem nicht sehr ermunterten Blick. Sofort beende ich mein Mitleid. Ich drehe mich um, schließe die Abteiltür, wieder ein Lächeln schickend, diesmal einer der drei Damen. Ich höre noch den stereotypen Satz: „Das ist aber ein netter junger Mann“, und gehe, nein, wanke, den Hinweisschildern folgend zum Speisewagen.
Unterwegs diese furchtbar bohrenden, kalten und gehässigen Blicke der Glücklichen, die auch noch einen Sitzplatz ergattert haben. Ich versuche mich durch den Gang zwischen den Sitzen zu bewegen, ohne jemandem meine Ellenbogen gegen den Kopf zu schlagen oder gleich vollständig auf den Schoß zu fallen. Wirklich eine Herausforderung beim Schwanken des fahrenden Zuges. Endlich. Nach scheinbar 100 Wagen erreiche ich den Speisewagen. Aber hatte ich wirklich gedacht, hier in Ruhe etwas essen zu können? Ja, in der Tat, das hatte ich. Aber falsch. Auch hier Unmengen von Passagieren, die sich um die letzten Plätze streiten und Bier trinken. SCHRECKLICH! Sofort völlig entmutigt mache ich kehrt. Wo kann man in einem völlig überfüllten Zug nur 5 Minuten alleine sein? Richtig, denke ich mir und öffne die Tür rechts neben mir, auf der der Hinweis „lette“ steht. Wahrscheinlich sollte es Toilette heißen, aber offensichtlich hatte irgend jemand es lustig gefunden, die ersten Buchstaben des Aufklebers abzukratzen – vielleicht wegen einer zu langen Wartezeit vor der Erlösung von einem großen Druck.
So, Tür zu. Der typische Geruch einer öffentlichen Toilette steigt sofort in meine Nase. Diese Mischung aus Urin und Desinfektionsmittel (als Zeuge von sichtbar vergeblichen Versuchen der Desinfektion). Nach einer kurzen Gewöhnungsphase beschließe ich, mich zunächst etwas zu erleichtern. Ihn nur mit den Fingerspitzen berührend, öffne ich den Toilettendeckel, danach meine Hose und entspanne mich. Gar nicht so leicht, in einem fahrenden Zug zu zielen. Hinsetzen? Nicht hier!...So, fertig. Obwohl es nicht gerade die gediegenste Umgebung ist, die man sich wünschen könnte, beschließe ich, mich kurz auf dem (geschlossenen!) Klodeckel niederzulassen, um einen Moment mehr dem Trubel auf dem Gang zu entschwinden.
Den Kopf in die Hände gestützt, fangen meine Gedanken sofort wieder an, um das zu kreisen, was mich wohl in Berlin erwarten wird. Ich habe sie schon seit 1 Jahr nicht mehr gesehen. Wie sieht sie jetzt wohl aus? Wie denkt sie über mich und über uns? Hat sie einen neuen Freund? Seit wir uns vor einem Jahr – es ist wirklich fast auf den Tag genau 1 Jahr her – in so einem krassen Einverständnis getrennt haben – wir waren uns so einig, dass ich ohne ein Wort zu sagen meine Sachen gepackt habe und gegangen bin -, hatten wir keinen Kontakt mehr zueinander. Kein Telefonat oder Brief geschweigedenn ein Treffen. Bis sie mich vor 2 Wochen doch angerufen hat. Zuerst war ich, wie man sich gut vorstellen kann, erschrocken gewesen. Ehrlich gesagt, hatte ich schon sehr lange nicht mehr an sie gedacht. Und jetzt...plötzlich war sie wieder da!
„Ey, was machst du da? Kannst dir zu Hause einen runterholen!“, höre ich auf einmal jemanden auf dem Gang schreien und mit einiger Gewalt die Klinke meiner Toilettentür nach unten rammen. „Jaja, ich bin fertig,“ rufe ich aus der Kabine, öffne den Drehverschluss und die Tür. Da diese nach innen aufgeht, fällt mir sofort ein etwa 1,95 m großer, tarnanzugtragender Mann, nein, Schrank entgegen. „Na, wars gut?“, fragt er mich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Ich antworte, indem ich an meiner rechten Hand rieche, zu ihm aufschaue, breit grinsend nicke und dann ohne ein weiteres Wort gehe. Wie gerne hätte ich das Gesicht dieses Arnold Schwarzenegger für Arme gesehen, aber wenn ich mich umgedreht hätte, wäre der ganze Schock, den ich bei ihm ausgelöst haben musste, dahin gewesen.
Kurze Zeit später sitze ich wieder in meinem blauen Sessel im Abteil. Ich zähle eine Frau weniger und bemerke, dass der Wichtigtuer gegenüber endlich seinen Laptop geschlossen hat und eingeschlafen ist. Ich versuche es mir so gut es geht bequem zu machen und überlege, was die letzte halbe Stunde vor der Ankunft zu tun wäre. Noch ein kleiner Versuch eines noch kleineren Nickerchens? Nein, draußen waren schon die ersten Vorboten Berlins zu sehen. Ein Gespräch beginnen? Nein, auch keine gute Idee. Vielleicht sollte ich einfach noch ein wenig aus dem Fenster gucken. Ja, gute Idee. Also los. Schnell wende ich den Kopf zur Scheibe direkt neben mir und beginne angestrengt hinauszuschauen. Toll, so viele Bäume! Immer wieder macht es mir Spaß, mir vorzustellen, dass der Zug eigentlich steht und eine Unmenge von Bühnenarbeitern nur eine Pappkulisse nach der Anderen an ihm vorbeitragen. Natürlich in wahnsinnigem Tempo, was die Sache noch viel lustiger macht – normalerweise. Heute verlangt mir dieser Gedanke nur ein ganz müdes Lächeln ab. Es ist wirklich unglaublich, wie sehr ein solches Treffen doch die Gedanken und die Ängste eines Menschen schüren kann – mein Gott, ich habe nicht vor mich mit Jack the Ripper und Hannibal Lecter gleichzeitig in einem dunklen Hafenviertel zu treffen. Aber ich merke, dass ich an nichts Anderes als an sie denken kann. So sehr ich mich auch anstrenge.
Wahrscheinlich sieht sie gar nicht mehr so gut aus wie damals, als ich sie verlassen habe! Ich werde sie zunächst gar nicht wiedererkennen, weil sie 30 Kilo zugelegt hat und inzwischen ihre Haare auf 3 Zentimeter gekürzt hat. Ha, genau so wird es kommen und ich werde heute abend über meine Bedenken vor dem Treffen lachen können. Damals, ja, vor einem Jahr noch, war sie wirklich sehr hübsch. Wie groß war sie nochmal gewesen? 1,70 Meter? Ja, genau. Und schlank. Wirklich schön. Ihre langen braunen Haare, die sie jeden Morgen 10 Minuten lang mit Sorgfalt kämmte. Ihr knackiger Hintern und ihre wirklich einzigartig schönen Brüste. Aber nicht nur das, nein, wir schwangen auch auf einer Welle, was das Geistige anging – dachte ich zumindest über zwei Jahre. Die letzten vier Wochen schwangen höchstens noch die Türen etwas lauter in ihre Schlösser. Es war wirklich schlimm gewesen. Nichts mehr von der Harmonie und Verständnis, von Nachsicht und Toleranz. Alles wie weggewischt. Warum? Mein Gott, ich weiß es bis heute nicht genau. Gut, ich hatte in der letzten Zeit unserer Beziehung etwas weniger Zeit für sie gehabt, weil mein Studium mich voll in Anspruch genommen hatte, aber das hatte vorher auch immer geklappt. Sie hatte es verstanden. Wenn ich ehrlich sein soll, vermute ich, dass damals ein anderer Mann dahinter steckte. Vielleicht hat sie mich deshalb angerufen...um mir nochmal ein Messer ohne Griff zuzuwerfen.
Aber vielleicht hat sie auch wirklich ein Problem und sie ist der Meinung, ich wäre der Richtige ihr zu helfen! Was würde dann passieren? Wahrscheinlich, nein, mit Sicherheit würde ich ihr helfen. Immerhin habe ich sie mal geliebt – geliebt wie nie zuvor einen anderen Menschen.
Jetzt ist es gleich soweit. Die Frauen in meinem Abteil bestaunen schon das Regierungsviertel mit seinen unglaublich hässlichen Gebäuden: das Kanzleramt, zurecht von den Berlinern „Waschmaschine“ genannt und die Schweizer Botschaft, die durch schlichte Eleganz jedem Begriff von Schönheit trotzt. „Ja, aber klar doch!“, sage ich und stehe auf, um einer der Damen den Koffer von der Gepäckablage zu hiefen. Der Kollege mit dem Laptop schaut mit großen Augen zu. Klar!
Auch ich beschließe mich zum Aussteigen bereit zu machen.

Auf dem Bahnsteig stehe ich nun ganz alleine. Kaum zu glauben, bei den Menschenmassen, die eben aus dem Zug gestiegen sind und nun um mich herum wuseln, versuchen sich zu ordnen und zu finden. Ich bewege mich mit meinem Trolli auf den Rand des Bahnsteiges zu, mir einen Weg durch die Menschen bahnend. Hier bleibe ich – immer noch alleine - stehen, drehe mich um und schaue zu, wie sich die ehemaligen Mitfahrer langsam aus einem großen Pulk von Zusammengehörigen wieder in Individuen aufteilen. Einige bewegen sich alleine auf die Treppen zu, andere werden von Familienmitgliedern in Empfang genommen und wieder andere umarmen sich in der innigen Freude des Wiedersehens. Offensichtlich Pärchen, die lange getrennt, nun ein langes, horizontales Wiedersehen feiern werden.
Ich greife grinsend in die linke Innentasche meiner Jacke und krame nach meiner Zigarettenschachtel. Nicht gefunden. Ein kurzer Schreckmoment vefliegt sofort, als ich schnell in die rechte Tasche greife und sie dort finde. Sonst stecke ich sie immer in die Linke!
Die Zigarettenschachtel schon in der Hand suche ich unterbewusst das Feuerzeug in meiner rechten Hosentasche: Schlüssel, Handy, ah da, ja das Feuerzeug. Ich greife es und ziehe es vorsichtig heraus. Eine gewisse Paranaoia zwingt mich dazu, nun auf den Boden zu schauen um mich zu vergewissern, dass nicht auch ein Schlüssel den Weg aus der Tasche gefunden hat. Alles ist gut und ich zünde mir meinen wohlverdienten „Sargnagel“ an. Der erste Zug: Schrecklich – fast wie der, aus dem ich grad entflohen bin. Mit einem Blick an die Decke verstärke ich meine Wahrnehmung für die Droge, die in mir immer die gleiche Wirkung hervorruft: Entspannung, Schauer auf dem Rücken und einen leichten Schwindel, dessen Attribute von furchtbar bis unheimlich angenehm reichen. Den Blick wieder gesenkt mustere ich noch einmal den Bahnsteig. Die Menschenmenge hat sich bereit etwas aufgelöst, gerade sehe ich noch „Arni“ eine der Treppen in die Halle, nun ja, herabtrampeln. In seinem Arm kann ich gerade noch den Kopf einer Frau mit kurzen und wasserstoffblonden Haaren erkennen. Welch Eintracht denke ich und ziehe wieder an meiner Zigarette, während ich meinen Kopf in die andere Richtung wende.
Hier nun die Gruppe alter Frauen aus meinem Abteil. Scheinbar nicht ganz entschlossen, welcher Weg der Richtige für sie sei. Einen Moment überlege ich, ob ich hinübereilen soll, um Ihnen meine Hilfe anzubieten – doch in diesem Moment findet sich bereits ein anderer Herr, dessen Blick sich ihrer Hilflosigkeit scheinbar auch nicht entziehen konnte. Wie kleine Kinder erscheinen sie mir für einen Moment, die eine helfende Person gesucht und gefunden haben. Alle bis zu den Ohren strahlend und ihre makellosen „Dritten“ zur Schau stellend bewegen auch sie sich nun auf einen der Ausgänge zu.
Langsamt hört der Bahnsteig auf, sich zu füllen oder beginnt sogar sich zu leeren – in Berlin ist dieser Unterschied nicht immer klar.
Ich stehe immer noch, inzwischen mit dem Rücken leicht an die Wand hinter mir gelehnt, an der Seite und ziehe genüsslich an meiner Zigarette. Ich genieße dieses Gefühl, nach langer Zeit wieder in der Heimat zu sein. So habe ich es gekannt, so habe ich es vermisst.
Mit einem Gefühl wohliger Wärme in mir, wie es eine Katze neben dem warmen Ofen im sicheren Heim haben muss, greife ich meinen Trolli und ziehe den Gepäcksklaven hinter mir her. An einem Aschenbecher drücke ich im Vorbeigehen den Rest der Zigarette aus und stehe nun am Rand der Treppe, die in die große Bahnhofshalle hinunter führt.
Als ich die ersten Stufen herunter gegangen bin, wird mir bewusst, dass ich immer noch nicht wirklich auf die Situation des Wiedersehens vorbereitet bin. Dass genau diese Situation, sofern sie pünktlich ist, nur noch wenige Schritte entfernt ist, da wir uns bei unserem letzten Telefonat am Haupteingang – gibt es einen Hauptausgang? – verabredet hatten, wird mir auch jetzt mit einem Schlag klar. Meinen Koffer in der linken Hand und wegen dessen Gewicht ein wenig nach rechts gelehnt. Laufe ich die letzten Stufen in den Gang, der zur Haupthalle führt hinab. Hier setze ich meinen Koffer wieder ab, ziehe das Gestänge zum Ziehen wieder heraus und folge den Ausgangsschildern in die große Halle – und mein Koffer mir. Um mich herum gehen, laufen und rennen Menschen in alle Richtungen. Links sitzt ein Bettler in schmutzigen und zerrissenen Klamotten mit einem Schild: „Ein paar Cent für ein warmes Essen…“. Auch das gehört zur Großstadt, denke ich im Vorbeigehen. Ja, ja so kenne ich es. Und sofort kommt mir der Gedanke, ob ich ihm nicht ein paar Cent hätte geben sollen. Doch nur Augenblicke später denke ich daran, dass ich selbst an seiner Stelle sitzen würde, wenn ich jedem Bettler in Berlin Geld zustecken würde.
Die letzten Schritte bis zur Vorhalle…….

 



 
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