HERMANN HESSE

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Der Tempel in dir
- von Daydreaming



Der Tempel in dir

Ich bin schon wach, als der erste Sonnenstrahl durch das Fenster der Baracke fällt und langsam über mein Gesicht wandert. Wie ein Käfer, der diesen fremdartigen Planeten Mensch erkundet. Ich starre an die Decke und horche in die Stille hinein. Bis auf das leise Rascheln von denen, die sich im Bett herumdrehen, und einige gedämpfte Schnarchlaute ist nichts zu hören. Für mich ist das Stille. Wahre Stille gibt es nur in vollkommener Einsamkeit, wenn du nur noch deinen Geist hörst. Aber ich bin nie allein, also ist diese morgendliche Geräuschkulisse das, was Stille am nahesten kommt. Im Camp gibt es kein Ich. Der Geist auf den ich hier hören soll, ist nicht mein eigener. Ich soll ihn mir einverleiben, mich ihm ausliefern, aber ich schaffe es nicht. Langsam glaube ich auch nicht mehr daran. Ich atme bewusst tiefer ein und aus und zähle in Gedanken rückwärts. …fünf, vier, drei, zwei, eins… Das Signal erklingt so laut, dass augenblicklich alle im Camp wach sind. Es hört sich an wie ein einzelner, lang gezogener Laut eines Kehlkopfgesanges oder irgendein tibetisches Blasinstrument. Hauptsache es ist laut. Nach einigen Sekunden ebbt das Signal ab. Das Mammut hört auf zu schreien. –Falls Mammuts so geschrieen haben. Kein Wunder, dass sie ausgestorben sind.
Nun kommt die allmorgendliche Weckparole: „Erhebt euch, Gläubige! Erhebt euch, Gläubige! Erhebt euch, Gläubige!“ Die Barackentür fliegt auf und Kazumi steht in der Tür.
„Steht auf, ihr Bande fauler Ungläubiger! Ihr verdammten Hundesöhne sollt in der Hölle schmoren! Na los! Hört auf davon zu träumen, eure Mütter zu ficken, ihr dreckigen Perverslinge! An die Arbeit! Ihr seid nichts weiter als Scheiße in Menschenform gepresst!“
Kazumi war Ausbilder der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg, doch durch die Bombardierung seines Postens ist er durch die Zeit in die Gegenwart gereist. Gegen das hier muss ihm der Weltkrieg wie das Paradies vorkommen. Jedenfalls würde das seine Laune erklären. Als ich ihn einmal in einem Moment des Ungehorsams fragte, ob er die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki persönlich gesehen hätte, hat er mich nur komisch angesehen und ist weggegangen. Das stützt meine Theorie doch wohl. Später hat er mich dafür mit einem Spaten zusammengeschlagen. Beweis, Gegenbeweis. Das ist alles. Wahrheit gibt es nicht. Man kann sich immer nur für eine Version entscheiden. Und wenn man Pech hat, wird man dafür erschossen oder kastriert oder geköpft oder sonst was.
Die 19 anderen Männer erheben sich träge und ziehen ihre Uniformen an. Ihre Tracht. Wir sind keine Soldaten. Wir sind Arbeiter. Wir sind keine Gefangenen. Wir sind Gläubige. Hier in der Wüste von Nevada oder New Mexico oder Kalifornien wird uns die Ehre zu Teil, an der Erschaffung des Tempels mitzuwirken. Jeder von uns war dämlich genug, sich einer Selbsthilfegruppe für Gestresste, Depressive, Einsame, Unzufriedene oder sonstige Produkte der modernen Gesellschaft anzuschließen. Durch so genannte Exkursionen sollten wir Ruhe und uns selbst finden. Wir meditierten auf Felsen in der Wüste, hangelten uns über Abgründe, erklommen steile Felswände. Bei der letzten Exkursion setzte man uns in einen Bus, ohne dass wir wussten, wohin es ging. Man gab uns Essen mit Schlafmitteln und als wir aufwachten, waren wir die Jünger eines Kultes, dessen Erfüllung in der Errichtung eines Tempels liegt. Von dem Erreichen der absoluten Erkenntnis abgesehen. Durch Entbehrung, Arbeit und Folter sollen wir Weisheit, Reinheit und inneren Frieden erreichen. Tatsächlich sind wir nur Erführungsopfer, die für einen durchgeknallten Millionär in der Wüste einen Tempel bauen, der angeblich auf Plänen einer Maya- oder Aztekenpyramide beruht. Unser Oberhaupt, das leider an dem Michael-Jackson-Verhüllungssyndrom leidet, betrachtet sich als den wahren Messias. DEN wahren Messias. Zu Ehren des Sonnengottes Nub errichten wir diesen Tempel und nebenbei bauen wir eine Luxusvilla mit 23 Schlafzimmern, überdachtem Tennisplatz, einem Außenpool, der eine Lagune im großen Wohnzimmer mündet, nebst einem Minizoo, inklusive Alligatorengehege und einem Privatflugplatz. Ein Erlöser soll es schließlich so angenehm wie möglich haben.
Wir laufen hinaus, in unseren blauen Arbeitsuniformen und mit den geschorenen Köpfen sehen wir wie Gefangene eines KZs aus. Ich glaube sogar, dass das Wohnlager nach dem Vorbild eines Konzentrationslagers angelegt worden ist. Arbeit macht frei. Glaube bringt Erlösung.
Wenn der Tempel fertig ist, soll auch der Tempel in uns komplett sein und wir werden auffahren in den Himmel und an Nubs Tafel sitzen, als auserwählte Wesen.

Jeder Tag läuft so ab: Nach dem Wecken treten wir an zum großen Morgenappell und wir werden in Arbeitstrupps eingeteilt und bekommen unsere Aufgabe auf der Baustelle zugewiesen. Busse bringen uns zur Baustelle. Nach drei Stunden wird ein karges Frühstück eingenommen. Dann wird weiter gearbeitet. Mittags neunzig Minuten Pause und Essen. Arbeit bis zum späten Nachmittag. Rückkehr zu den Baracken und „Schulung“. Auf riesigen Leinwänden werden Filme gezeigt. Geschichtliche Dokumentationen oder aktuelle Nachrichten, kommentiert von den Assistenten von Bryll, unserem Erlöser. Wer die Lektionen nicht lernt und sie nicht zufrieden stellend wiedergeben kann, wird mit Stockschlägen bestraft. Nach dem dritten Mal verschwindet man für eine Woche im Loch, einer stillgelegten Silbermine. Dort gibt es nur Dunkelheit, kühle Winde und nasse Wände. Man wird halb irre und halluziniert nach dem dritten Tag ohne Essen. Ich war schon zweimal im Loch.
Nach der Schulung gibt es Abendesse und um 22 Uhr müssen alle im Bett liegen. Alle paar Wochen wird die Routine von so genannten „Festivals der Erkenntnis“ unterbrochen, bei denen die knapp 300 Männer und Frauen, die mit Brylls Turmbau zu Babel beschäftigt sind, ihren Glauben an Nub und den von ihm gesandten Erlöser festigen sollen. Den ganzen Tag pumpen sie uns mit Drogen voll und zeigen uns Filme zur Gehirnwäsche.
Das Leben des Gläubigen besteht aus Arbeit, Bestrafung und Umerziehung. Am Ende steht der perfekte Mensch. Eine Art Halbgott ohne Identität und mit Rückenschmerzen.
Der Appell ist vorüber. Die Aufseher haben ihre übliche erniedrigende Ansprache gehalten und die Busse rumpeln über die Schotterpisten zur Baustelle. Ich soll heute beim Pool des Meisters arbeiten. Meine Gruppe wird unter anderem von meinem Lieblingsaufseher Kazumi beaufsichtigt. Die Sonne kriecht über den Horizont und ich sehe einen Tag voller Arbeit bis zur Erschöpfung vor mir. Und das bei 42 Grad im Schatten – nur ohne Schatten. Was für eine Ironie – sechs Menschen schuften in der Hitze bis zum Zusammenbruch vor Dehydrierung, um einen Oase der kühlen Entspannung, voller Wasser, zu schaffen.
Wasser ist rationiert. Ich greife nach dem Becher, aber meine Hände zittern so sehr, dass ich ihn fallen lasse. Sofort ist mein Peiniger zur Stelle.
„Du hirnloser Sohn einer Crackhure“, brüllt Kazumi. „All deine Ahnen trieben solange Inzucht, bis etwas so Widerwärtiges wie du entstand!“
Er wirft mich zu Boden und prügelt mich mit seinem Schlagstock.
„Los, erfahre Sühne!“
Ich bin in der Hölle und mein persönlicher kleiner Teufel matert mich zur Strafe für meine Sünden. Nub ist hart. Doch wer ins Paradies will, muss durch das Fegefeuer gehen.
Ich spüre keine Katharsis, keine Reinigung, nur Schmerz, dreckigen Schmerz und ich kotze in den Sand. Kazumi tritt mir in die Nieren und drückt mich mit dem Gesicht in das Erbrochene. Dann die schlimmste Strafe für jeden Gläubigen: „Du bist nicht würdig, an Nubs Tafel zu sitzen, du Krüppel, du Hund!“
Mir würde es schon reichen, bei über 40 Grad nicht in meiner eigenen Kotze zu liegen.

Jeder denkt irgendwann an Flucht. Außer vielleicht solche Idioten wie der fette Albert. Er scheint den Scheiß tatsächlich zu glauben. Vielleicht ist er auch nur ein chronischer Arschkriecher, der Stärkeren immer um jeden Preis gefallen will.
Sind wir nicht alle eine jämmerliche Bande von Freaks? Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn eine Straße direkt am Camp und an der Baustelle vorbei führte. Die Kinder würden auf uns zeigen, uns auslachen, Grimassen schneiden.
„Wer sind die Leute da, Daddy?“
„Das, Kinder, ist der Abschaum der Gesellschaft. Diese Leute haben es nicht besser verdient. Wollt ihr sie mit Abfall bewerfen? Okay, ich fahre langsamer.“
Vielleicht fängt jeder irgendwann an, den Mist zu glauben. Ob Bryll an Nub glaubt? Hält er sich wirklich für den Messias? Vielleicht hat er begonnen, einen Teil davon zu glauben – denn es funktioniert ja. Er bekommt Bestätigung, die überzeugt letztlich jeden. Die Wahrheit ist, was man daraus macht. Womöglich ist Bryll mittlerweile Opfer seiner eigenen Lüge. Erst wollte er nur ein paar Millionen, eine Traumvilla und Anerkennung. Jetzt ist er vielleicht bereit, diese Pyramide aus Erde und Beton, dieses Haus ohne Räume, ohne Zweck, eine Kulisse, nicht mehr, zum blutgetränkten Altar zu machen, um sich mit seinem göttlichen Vater zu vereinen.
Das sind alles nur Mutmaßungen, die ich während der Arbeit auf der Baustelle und in den Momenten der stillen Kontemplation in der dunklen Baracke anstelle. Eins muss ich dabei ständig denken: Wie kann es sein? Wie? Wie können 300 Menschen von einem Tag auf den anderen verschwinden, und niemand findet sie? Wie kann eine nun schon vierzig Meter hohe Maya-Sonnengott-sonstwas-Pyramide aus Lehm und Beton in der Wüste stehen und niemand sieht sie? Wie kann das Camp der Arbeiter jeglichen Blicken verborgen bleiben? Warum zum Teufel findet uns denn keiner? Wer kann es sich herausnehmen und sich zum Gott erklären und dabei so viele unfreiwillig und ungefragt zu Jüngern zu machen?

Um das Camp und die Baustelle zieht sich ein doppelter Zaun. Stacheldrahtgekrönt, unter Strom, drei Meter tief im Boden, vier Meter darüber. Dazwischen patrouillieren Wachen mit Gewehren und Hunden. Direkt sehen kann man den Zaun vom Camp und der Baustelle aus nicht. Wer zu nah kommt, bekommt Nachhilfe in Religion. Kein Auserwählter darf durch die Außenwelt verdorben werden, sonst würde er seine Reinheit verlieren. Der Nubkult ist nicht gerade ein Glaube der Vergebung.
Ich schufte weiter. Kazumi grinst dämlich, wenn er an mir vorbeikommt und Albert schwitzt wie ein Schwein auf dem Grill.

Außerhalb der Zäune liegt die Welt des Teufels. Das ganze Leben eine einzige Versuchung. Doch Bryll hat uns vom sicheren Trip in die Hölle gerettet und führt uns nun direkt zur Sonne. Dann vielleicht doch lieber ein Leben, in dem man der Versuchung erliegt – die Endtemperatur ist sicher die gleiche, von der Gluthitze hier im Camp mal abgesehen.
Es ist Abend geworden und ich sitze am Fenster im Bus, der über die unebene Schotterpiste holpert. Meine Hände schwitzen auf dem Kunststoffüberzug der Sitzbank. Durch das dreckige Fenster scheint ein orange-roter Feuerball, ein flammender Garten Eden. In unangenehmen, missliebigen Situationen ist einem oft einfach alles egal. Natürlich will ich hier raus, es ist mein erster Gedanke, wenn ich aufwache und mein letzter, bevor ich, nach langem Ausharren, im Dunkeln einschlafe. Aber im Moment ist mir alles egal. Ich bin verbrannt wie eine Scheibe Toast, hundemüde und durstig. Alles ist mir egal, solange es nur endlich aufhört. Selbstmordversuche hat es schon gegeben, meist ohne Erfolg. Wahrscheinlich verabreicht man uns die richtigen Mittelchen, um uns vorn solchen ketzerischen Gedanken abzuhalten.
Alles hier ist eine Lüge, aber was macht das schon? In unserem vorigen Leben war das doch nicht viel anders. Manchmal wünsche ich mir, dass das alles hier wahr wäre. Dass wir alle wirklich als auserwählte Jünger in ein besseres Leben übergehen. Nur, um dem Rest der Welt zu zeigen, dass man es doch geschafft hat, allem Spott zum Trotz. „Ich fahre auf ins Paradies, während ihr im eigenen Saft schmoren werdet! Ich hab’s euch allen gezeigt!“ etwas in der Richtung. Natürlich ist das Unsinn. Sollten wir jemals von der Armee, der Küstenwache oder den Pfadfindern befreit werden, würde die ganze Welt nur über uns lachen. Wir wären die Freaks, über die man sich bei der Arbeit Witze erzählt und an deren Beispiel man Kindern eintrichtert, niemals zu Fremden ins Auto zu steigen. Eine Zeit lang würden einige gefragte Gäste in Vorabendtalkshows sein, bevor man Besitzer genetisch manipulierte Hunde mit zwei Geschlechtern ihnen vorzieht. Der Rest würde in der Psychiatrie sitzen, um weiter in den Genuss der Gehirnwäsche zu kommen. Einer würde ein Buch schreiben, das – natürlich – ein Bestseller wird. Ein Film wird gedreht, der einstige Sektierer wird selbst zum Erleuchteten, durch das Blitz- und Scheinwerferlicht. Bis sich irgendwann niemand mehr für seine ewig gleiche Geschichte interessiert und er verarmt an seiner Drogensucht zugrunde geht. Ja, das Leben hält so viele Wege für uns bereit, aber meistens treffen sie sich alle am Ende ganz unten wieder, ob man nun unfreiwilliger Kultanhänger ist oder nicht.
Die Zeit macht die Menschen bitter, denn sie zermürbt einen. Deshalb tragen Tiere auch keine Uhren. Wie lange ich hier bin, weiß ich nicht. Wenn ein Tag wie der andere ist, verliert man das Gefühl für Wochen und Monate. Einzig am Fortschritt der Bauarbeiten kann ich ablesen, wie viel Zeit wohl verstrichen ist. Entweder bin ich also noch nicht sehr lange hier, oder wir kommen nur sehr langsam voran. Vielleicht hätte Bryll professionelle Bauarbeiter oder gleich am besten echte Azteken entführen sollen.

Während der Schulungen zeigt man uns Filme, in denen ständig wiederkehrende Botschaften enthalten sind. Manchmal sind es richtige Kurzfilme mit einer Handlung, meistens sind es nur zusammengeschnittene Sequenzen aus den Nachrichtensendungen des letzten Jahrhunderts, Bilder von einem Mann, der scheinbar in die Sonne tritt. Das ist Bryll, denn sein Gesicht kann man nicht erkennen. Dazu hören wir Lektionen in Endlosschleife oder verstörende Geräusche wie aus einem Science-Fiction-Film. Währenddessen fließen Drogen per Infusion in unsere Körper, die dem Gesehenen und Gehörten ganz neue Dimensionen verleihen. Bei entsprechenden Signalen in Bild und Ton bekommen wir kurze, schmerzhafte Elektroschocks. Es ist wie im Uhrwerk Orange, nur als Massenbehandlung.
Mittlerweile ist es später am Abend, die Schulung ist zu Ende und unser Bewusstsein in einem matschig surrealen Zustand übergegangen. Jede Erscheinung könnte jetzt glatt für einen Engel gehalten werden. Ähnliche Lichtgestalten teilen uns nun in Schlafgruppen ein, die täglich wechseln wie die Arbeitsgruppen, damit kein engerer Kontakt entsteht. Vor den Baracken stehen die Aufseher und rufen uns bei unseren Fantasienamen. Bevor der Aufgerufene jedoch die Baracke betreten darf, leuchten sie ihm kurz in die Augen, um die Größe der Pupillen zu kontrollieren. Natürlich wusste ich das. Mein Lieblingsdämon Kazumi ruft mich auf, leuchtet mir in die Augen und schiebt wortlos meine Ärmel hoch. Kleine rote Punkte zeugen von den Stichen der Infusionsnadeln. Er sagt nichts, grinst nur diabolisch. Natürlich wusste ich, dass er es merken würde. Ich muss in einen Becher pinkeln und er taucht einen Teststreifen in meinen Urin.
„Nub ist dir besonders gesonnen, mein zweifelnder Freund. Dir wird eine Extralektion erteilt.“
Er hebt seinen Stock, dann bricht Dunkelheit über mich herein.

Als ich erwache, ist es dunkel und das wird die nächsten Tage auch so bleiben. Ich hocke im Loch. Mein Schädel wird von Riesenhänden in zwei Teile gerissen und ich sitze im kühlen Sand der stillgelegten Mine. Ich wusste, dass es so kommen würde, aber als ich mir die Nadeln aus den Venen zog, wusste ich auch, dass ich keine andere Wahl hatte. Das Loch ist sozusagen die einzige Ruheoase auf dem ganzen Gelände. Hier wird man nur von seinem eigenen Wahnsinn geplagt, nicht von dem des Nubkults. Hier drin ist man ganz allein, denn die Wachen setzen einen betäubt irgendwo in einem Stollen aus und schließen den einzigen Zugang ab. Es gibt kein Licht, kein Essen, aber auch keine Drogen. Der Verstand kann hier zur Droge werden, die einem die klare sicht vernebelt. Aber das ist es mir wert. An einigen Stellen bildet das Sickerwasser Pfützen, so dass man wenigstens nicht verdurstet. Meist bleibt man nur für ungefähr zwei Tage, soweit man die Zeit einschätzen kann, aber das kommt einer Ewigkeit schon sehr nahe. Ich war schon eine Woche hier unten, es war ein Höllentrip. Vielleicht habe ich damals das letzte Bisschen Verstand eingebüßt, so dass ich es nun ein drittes Mal, sogar bewusst, wage. Aber diesmal habe ich eine Waffe, die stärker ist als der Verstand, meinen Willen. Jedenfalls glaube ich, dass er irgendwo in einer Ecke in meinem zerrütteten Schädel steckt.
Meine Flucht über die Zäune war erfolglos und auch mein Versuch, eine Revolte anzuzetteln schlug fehl. Was bleibt mir anderes übrig? Ich muss diese Sekte verlassen, bevor auch noch das letzte Bisschen meines Geistes zu Staub gemahlen wird, damit der selbsternannte Gott Bryll daraus seinen eigenen Menschen formen kann. Wenigstens lauert mir hier kein Kazumi auf, um mich bei dem geringsten Fehltritt grün und blau zu schlagen. Ich taste mich vorsichtig an der feucht-kühlen Felswand entlang, da schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Was, wenn sie Infrarotkameras haben und dich beobachten, wenn sie über versteckte Mikrofone deine Selbstgespräche belauschen?
Erschrocken bleibe ich stehen. Der letzte Gedanke ist mir laut über die Lippen entflohen. Ich warte und atme schneller, aber nichts passiert. Selbst wenn, ich habe keine Wahl, nur den Mut des Verzweifelten. Die Mine ist ihr stärkstes Instrument, aber es muss auch ihre Schwachstelle sein. Es muss sein!
Tiefer, weiter, immer weiter. Ich schleiche, krieche, ich taste, ich klopfe, ich rufe. Vom brackigen Wasser wird mir schlecht und ich habe Durchfall. Aufgeben oder versuchen zu fliehen, es ist beides das Gleiche. Angst und Mut, Hoffnung und Verzweiflung treiben mich gleichermaßen an.
Hilfe! Nimm meine Hand. Warum hilfst du mir nicht? Bitte, nimm mich mit, ich ersticke! Ich kann nicht atme, bitte! Nein, nein, nein. Du bist ganz alleine hier. Ich bin allein. Komm, los, weiter. Nicht schleifen lassen, rennen. Weiter!
Ich würge und breche zusammen. Gottverdammt, ich halte es nicht aus! Wahnsinn und Entbehrung prügeln mich unablässig. Haben sie mich am Ende hier vergessen? Soll ich nie wieder herauskommen? Wie weit bin ich schon gelaufen? Oder bin ich nur im Kreis herumgestolpert? Mein Magen ist nur noch ein mit Gas gefüllter Ballon, der sich selbst verdauen will. Das war’s. ich werde es nie schaffen. Ich liege in meiner eigenen Kotze. Es ist aus.
Nein! So wirst du nicht enden. Etwas kriecht über meinen Fuß. Ich packe es und stopfe es in meinen Mund. Es ist glitschig und knirscht. Ich muss würgen, aber ich kämpfe es runter und behalte es drin. Weiter. Ich humpele und stolpere weiter, bis zum Mittelpunkt der Erde, bis zur anderen Seite der Welt. Und wenn es so weit ist, ich werde es schaffen! Schritt für Schritt, langsam voran. Stolpern, fallen, aufrappeln, weiterstolpern. Ich friere bitterlich und halluziniere immer stärker. Hunde laufen an mir vorbei. Ich kann sie streicheln. Ihr weiches, warmes Fell. Sie sind real. Gedeckte Tische erscheinen wie strahlende Inseln im Dunkeln, aber sie tanzen vor mir davon, ich kann sie nie einholen. Die Dunkelheit ist nicht mehr schwarz, mal ist sie gelb, dann grün, dann rot, dann alles auf einmal.
Ich kämpfe gegen die Müdigkeit an, gegen den Wunsch, mich hinzulegen und auszuruhen. Wo bin ich? Wer bin ich? Warum? Was? Bin ich im Weltall oder in der Tiefsee? Unter meinen Fingern wird die Felswand elastisch wie Götterspeise. Ich lecke mit der Zunge daran, aber sie hat sich schon in etwas anderes, Stacheliges verwandelt. Im Nebentunnel fährt eine U-Bahn ratternd vorbei. Ständig. Kommt näher, entfernt sich. Kommt näher, entfernt sich. Hinter der nächsten Biegung muss ein Zoo liegen. Ich höre Affen und Löwen. Die Löwen. Einer brüllt direkt hinter mir. Vor Schreck renne ich los, verliere den Kontakt zur Wand. Ich renne, aber ich bin im Nirgendwo. Da ist kein Boden mehr, kein Raum. Nach der Zeit hat nun auch er mich verlassen. Ich röchele nur noch schwach. Plötzlich steigt der Sandboden so abrupt an, dass ich vornüber falle. Ich schwimme im Sand. Weg, nur weg. Ich stopfe mir Sand in den Mund, um ihn aus dem Weg zu bekommen. Ich schaufele wie ein Besessener. E s geht aufwärts, steil aufwärts. Gemauerte Wände, Fußtritte. Ein verschütteter Lüftungsschacht. Ich bete zu sämtlichen Göttern, sogar zu Nub, dass ich es schaffe. Der Sand rutscht an mir vorbei. Das erste Sonnenlicht seit Jahrhunderten der Dunkelheit hat die Intensität eines Laserstrahls. Ich grabe, schaufele, schlage, geifere erwartungsvoll. Über mir der tiefblaue, wolkenlose Himmel von Arizona oder Utah. Da ist sie die Freiheit, die Reinheit, die Offenbarung des Seins. Das Paradies direkt über mir. Aber mein Kopf passt nicht durch die Gitterstäbe.
Ich sitze direkt vor der unendlichen Freiheit, nach Jahren der Folter und Demütigung, getrennt durch ein paar dämliche, verrostete Eisenstreben. Was ist, habe ich denn nicht mit genug Inbrunst gebetet? War ich denn nicht demütig genug? Was für ein Gott bist du, dass du so teuflisch sein kannst?
„Baue den Tempel in dir. Du musst ihn vollenden, um dich darin mit deinem Schöpfer zu vereinen.“
Bau den Tempel in dir, so ein Scheiß. Ich brauche keinen verdammten Tempel in mir, ich brauche eine Eisensäge in meiner Hand. Verflucht seiest du, elender, nichtsnutziger, unfähiger, wahnsinniger Menschenkrüppel. Mein Geist soll aus dem Leib fahren und Freiheit ohne die lästige Hülle finden. In dieser Hoffnung schlage ich mit meinem Schädel gegen das Gitter. Und siehe da, mein Wunsch wart erfüllt, mein Geist ist frei. Das Gitter knirscht und löst sich aus der uralten Verankerung. Wie ein Wurm krieche ich aus dem Loch ins Weite. Flirrende Hitze umgibt mich. Mit zusammengekniffenen Augen suche ich die Umgebung ab. Nichts, kein Mensch, kein Tier, kein Haus. Ich gehe ein paar Schritte in ein kleines Tal voller rostbraunem Geröll, dann breche ich zusammen und werde ohnmächtig.

Plötzlich kehrt mein Bewusstsein zurück, als ein starker Arm mich packt und auf die Beine zieht. Mein Retter ist nur ein verschwommener Schemen vor der durchdringenden Sonne. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Nub persönlich? Bryll? Doch nicht etwas Kazumi? Ich packe den Arm und richte mich aus der Hocke auf, im selben Moment löst sich die Gestalt meines Retters auf. Der Arm, an den ich mich klammere, ist mein eigener. In der Ferne sehe ich eine dünne, schwarze, geschlängelte Linie, eine Straße. Ich stolpere los.

 



 
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